© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 13. April 2002


Erderwärmung: Die Eiszeit geht zuende
Wissenschaftler finden Zeugnisse für gewaltige Klimawechsel - was steht uns bevor?
von Hans Heckel

Nur 500 Jahre - für Erdgeschichtler eine winzige Zeitspanne. Sie sind es gewohnt, mit Jahrmillionen zu jong-lieren wie unsereins mit Kalenderwochen. Um so rätselhafter erscheint den Wissenschaftlern, was sich vor 14.000 Jahren auf unserem Planeten abspielte: Binnen dieser nur 500 Jahre schoß der Meeresspiegel um mehr als 20 Meter in die Höhe! Also durchschnittlich 40 Zentimeter pro Jahrzehnt.

Was die Katastrophe herbeiführte, war bislang nur Gegenstand von Spekulationen. Doch wie das Wissenschaftsmagazin "Science" berichtet, sind Forscher aus Großbritannien, Kanada und den USA nun womöglich dem Auslöser auf die Spur gekommen. Ihre These: Ein gewaltiger Teil des südpolaren Eispanzers hat sich gelöst, ist ins Meer gerutscht und dort nach und nach geschmolzen. Aber warum brach er überhaupt ab?

Da haben die Wissenschaftler bislang nur Theorien parat. Indes haben Untersuchungen bereits ergeben, daß für damals wie für heute ein starker Anstieg des "Treibhausgases" Kohlendioxid (CO2) registriert werden kann.

Besteht hier ein Zusammenhang - hat das Mehr an den CO2 die Atmosphäre aufgeheizt und so die Antarktis zum Tauen gebracht? Oder sind zwei außergewöhnliche Erscheinungen bloß zufällig zusammengekommen? Geologie-Professor Peter Neumann-Mahlkau bestreitet den behaupteten Kontext von CO2 und Erderwärmung. Der ehemalige Präsident des geologischen Landesamtes Nordrhein-Westfalen verweist laut "Frankfurter Rundschau" darauf, daß es zur Eiszeit vor 225 Millionen Jahren einen CO2-Gehalt in der Luft von 1,5 Prozent gegenüber 0,03 Prozent heute gegeben habe, 50mal so hoch also. Und dennoch ist es damals beträchtlich kälter gewesen als in der Gegenwart. Vor einer Milliarde Jahren betrug der Kohlendioxid-Gehalt sogar zwölf Prozent, das 400fache unserer Tage.

Die derzeitige Klimaforschung krankt laut Neumann-Mahlkau an ihrem allzu kurzen historischen Horizont. Seit gerade einmal 150 Jahren werde das Wetter wissenschaftlich protokolliert. Als Geologe stünde ihm hingegen - auch hinsichtlich der Klima- geschichte - Forschungsmaterial aus bis zu drei Milliarden Jahren zur Verfügung.

Schon das frühe Mittelalter steckte nach heutigen Erklärungsmustern in einer handfesten Erwärmungskrise. Damals gedieh im Land der Prußen der Wein, die Wikinger fanden im Nordmeer ein großes grünes Land, auf dem saftige Weiden reichen Ertrag brachten. Sie tauften es "Grönland".

400 Jahre später sproß auf "Grönland" kein Halm mehr, die Menschen marschierten übers Eis nach Skandinavien, ja zeitweise sogar bis nach Helgoland. Die wunderbaren holländischen Barockmaler zeigen uns eine Welt zugefrorener Grachten und Seen - in einer Landschaft, auf der in den meisten Wintern heute kaum noch eine Schneeflocke länger als eine Nacht liegen bleibt.

Die Historiker nennen diese Epoche denn auch die "Kleine Eiszeit", die bis zum Ende des 19. Jahrhundert währte.

Seitdem wird es wärmer. Noch lange nicht so warm wie im Mittelalter, aber doch spür- und meßbar. Doch genau hier liegt offenbar das statistische Problem der modernen Klimaforschung. "Wir leben am Ende der fünften Eiszeit", konstatiert Geologe Neumann-Mahlkau und verweist darauf, daß die Daten der Klimatologen nur das hergeben, was zum Ende einer jeden Eiszeit festzustellen war: Die Temperaturen steigen.

Einen Einfluß des Menschen auf diese Entwicklung schließt der renommierte Wissenschaftler aus, warnt allerdings davor, hieraus die falschen Schlüsse zu ziehen. Auch wenn das freiwerdende CO2 praktisch unbedeutend ist und ein Zusammenhang zur Klimaentwicklung nicht besteht, so sei das hemmungslose Verfeuern fossiler Brennstoffe nicht zu verantworten. Die Bodenschätze seien in Millionen von Jahren entstanden und dürften nicht von wenigen Generationen verschwendet werden.

Daß der Mensch offensichtlich keinen Einfluß auf das Klima hat, wagten bislang nur wenige "Dissidenten" öffentlich auszusprechen. Die These vom "menschengemachten Treibhauseffekt" schien unumstößlich. Daß ein derart herausgehobener Wissenschaftler den Kritikern jener Theorie jetzt beispringt, daß die "Frankfurter Rundschau" ihm ein Podium dafür gibt, verleiht der Auseinandersetzung eine neue Qualität.

Die Erkenntnis, daß das Klima macht was es will und der Mensch keinen Einfluß darauf hat, kann allerdings nur auf den ersten Blick beruhigen. Was steht uns bevor? Nach dem Zusammenbruch der Treibhaustheorie, laut der der Mensch den Daumen auf dem Klima hat, stehen wir tiefer im Dunkeln denn je. Auch wenn es ein Hirngespinst gewesen sein sollte, so gab das "Treibhaus" doch wenigstens das Gefühl trügerischer Sicherheit und Überlegenheit nach dem Motto: Letztlich haben wir es selbst in der Hand.

Haben wir also nicht. Aber woher die dramatischen Umschwünge vor 14.000 oder 600 Jahren sonst rührten, können die Wissenschaftler bislang ebenso wenig stichhaltig erklären wie die Erwärmung der vergangenen Jahrzehnte. Nur Berechnungen können sie anstellen, was die Folgen bestimmter Ereignisse wären: Wenn neben dem etwas wackeligen Westpanzer des Südpolar- eises auch der stabilere, aber viel größere Ostpanzer ins Rutschen käme, so wurde laut "Science" ermittelt, stiege der Meeresspiegel um 70 Meter: Schleswig-Holstein bestünde aus ein paar Inseln im Osten des Landes, Vorpommern wäre praktisch weg, zwei Drittel von Niedersachsen auch und im Glockenturm des Hamburger Michel nisteten die Miesmuscheln. Nord-Ostpreußen versänke in einer ausgedehnten Meeresbucht.

Und niemand weiß, wie, warum oder wann so etwas geschehen könnte.

 

Wenn der westliche Eispanzer der Antarktis ins Meer rutscht, verschwindet Norddeutschland im Ozean: Britische Wissenschaftlerin im Eiskeller der deutschen Neumayer-Forschungsstation am Südpol Foto: dpa