© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 27. April 2002


Bundespräsident Rau erinnerte in Italien an "Opfer deutscher Gewalt"
Schuldbekenntnis am falschen Ort / Experten sind sicher: Das "Massaker von Marzabotto" hat es nicht gegeben
von Hans-Joachim von Leesen

Mitte April konnte man der Presse und dem Fernsehen entnehmen, Bundespräsident Johannes Rau habe bei einem Italien-Besuch in dem kleinen, in den Apennin-Ausläufern südlich von Bologna gelegenen Ort Marzabotto eines "Massakers" gedacht, das "Nazi- Faschisten" im Herbst 1944 unter der arglosen italienischen Zivilbevölkerung angerichtet haben sollen.

In den Agenturmeldungen fand man einschlägige Greuelgeschichten wie etwa die Behauptung, die totale Zerstörung des Ortes habe unter dem Kommando des Sturmbannführers der Waffen-SS (Major) Walter Reder gestanden, der, während links und rechts von ihm seine Soldaten Frauen und Kinder ermordeten, mehrere Frauen vergewaltigt habe, unter ihnen eine Nonne. "Einer Schwangeren sei der Bauch mit Bajonetten aufgeschnitten und ihr Kind aufgespießt worden", so zitierte die Deutsche Presseagentur (dpa).

Bundespräsident Rau, von dem bekannt ist, daß ihm die Trauer- und Scham-Rhetorik besonders am Herzen liegt, habe dort tief bewegt daran erinnert, wie vor 58 Jahren Deutsche Gewalt und un-endliches Leid über Marzabotto gebracht hätten. Damals seien "wie Hyänen" die "Mörder in der schwarzen Uniform" gekommen, "um alle Spuren menschlichen Lebens auszulöschen". (Damit meint der Bundespräsident offenkundig die Waffen-SS, die bekanntlich feldgraue Uniformen trug. Aber woher sollte er das wissen?)

Auch die kommenden Generationen müßten sich mit den Folgen der deutschen Schuld auseinandersetzen, so Raus Rede. Was aber ist vor 58 Jahren dort wirklich geschehen?

Italien, das Land, in dem der Faschismus entstanden war, hatte sich 1940 in den Krieg hineinge-drängt in der Hoffnung, sich ein Stück des besiegten Frankreichs aneignen zu können. Die deutsche Reichsregierung war darüber keineswegs erfreut - ebensowenig wie über den Angriff, den Italien im Herbst 1940 auf Griechenland unternahm, wobei es zunächst schwere Niederlagen hinnehmen mußte, bis Deutschland notgedrungen zur Hilfe kam.

Anfang Juli 1943 beginnen die Landungen der West-Alliierten in Italien. Die verteidigenden italienischen Truppen, zunehmend verstärkt durch deutsche, werden immer weiter nach Norden abgedrängt. Angesichts der Verschlechterung der Kriegslage fällt die Regierung unter dem Ministerpräsidenten Mussolini einem Putsch zum Opfer. Der italienische General Batoglio unterzeichnet heimlich gegenüber den Briten und Amerikanern die Kapi- tulationsurkunde.

Jetzt ist Italien politisch geteilt: Während in den von Briten und Amerikanern besetzten Gebieten eine sich mit ihnen verbündet fühlende italienische Regierung das Sagen hat, gründet Mussolini im nicht besetzten Teil eine Ge-genregierung, die weiter an der Seite Deutschlands den Krieg führt. Doch auch dort bilden sich meist auf Initiative der Kommu-nistischen Partei Italiens Partisa-nengruppen, strategisch wie tak-tisch geführt von einem eng- lisch-amerikanischen Oberkommando. Sie bekämpfen die deutschen und Mussolini-treuen italienischen Truppen im Rücken, indem sie Bahnlinien sprengen, einzeln fahrende Autos überfallen, Posten überrumpeln, Offiziere abschießen. Dabei halten sie sich nicht an das internationale Völkerrecht. Sie treten meist in Zivil auf, tragen wohl auch gelegentlich italienische, deutsche, britische Uniformteile. Ihre Waffen halten sie versteckt und operieren meist aus dem Hinterhalt. Gefangene deutsche Soldaten werden häufig in grauenhafter Weise zu Tode gequält.

Im Laufe der Wochen nehmen Partisanen-Unternehmungen immer größeren Umfang an. Briten und Amerikaner versorgen sie mit Waffen, Sprengstoff, Munition und Nachrichtenmitteln. Wie wirkungsvoll der Kampf der Par-tisanen ist (in der damaligen Ausdrucksweise "Banden" genannt, heute "Terroristen"), geht aus den deutschen Verlusten hervor. Zwischen Juni und August 1944 verlieren 7.000 Soldaten der Wehrmacht ihr Leben, 25.000 werden durch die Anschläge kommunistischer italienischer Partisanen verwundet.

Aus den inzwischen veröffentlichten Meldungen und Lageberichten der im Raum von Marzabotto eingesetzten Einheiten geht hervor, daß Teile der 16. Panzergrenadierdivision der Waffen-SS mit Einheiten des Flak-Regiments 105 und des Ost-Bataillons 1059 daran gehen, "in zweitägigen schweren Kämpfen in unwegsamem Stellungssystem des Apennin die sich verbissen wehrende kommunistische Banden-Brigade ‚Stella Rossa' (‚Roter Stern') einzuschließen und zu vernichten".

Die Tagesmeldung des I c vom 1. Oktober 1944 sagt weiter: "Im einzelnen wurden nachstehende Erfolge erzielt: 718 Feindtote, davon 497 Banditen und 221 Bandenhelfer. Brigadeführer (der ‚Stella Rossa') Lupo und zumin-dest 15 Bataillonsführer und Kompanieführer gefallen und identifiziert. 456 männliche Zivilisten zum Arbeitseinsatz erfaßt. 7 Ortschaften und Einzelgehöfte mit 174 Gebäuden niedergebrannt. 7 Munitionslager mit Tellerminen und Infanteriemunition sowie Handgranaten nach Auswertung gesprengt. Große Mengen Infanteriemunition beim Niederbrennen der Bandenunterkunft und Heuschober explodiert. 69 Bunker und Stellungsbauten ... zerstört ..., große Mengen an Waffen erbeutet. ... Wichtige Papiere mit Berichten, Gliederungen, Karten, Ausweisen, Erkennungs- und Rangabzeichen der Brigade und verschleppter deutscher Soldaten sichergestellt. 21 zum Teil sehr har- te Feuergefechte. Feindwiderstand konnte stellenweise erst nach Einsatz schwerer Waffen gebrochen werden. Eigene Verluste: 7 Tote, 29 Verwundete, davon 8 schwer."

Daß bei solchen Gefechten auch Zivilisten Opfer wurden, zumal Partisanen sich oft als Zivilisten tarnten und hinter Zivilisten Deckung suchten, ist bedauerlich, aber - wie gerade jüngste Ereignisse etwa in Afghanistan oder im Nahen Osten zeigen - kaum zu vermeiden. Der Jurist und ausgewiesene Kenner des Partisanenkrieges Dr. Rudolf Aschenauer hat 1978 eine bis in die Einzelheiten gehende Dokumentation der Ereignisse veröffentlicht. Dort ist unter anderem zu lesen, daß nach heftigen Kämpfen die 3. Waffen-SS-Kompanie den Ortsteil Ca- saglia erreichte. "Auch dort lei-steten die Partisanen aus gut ausgebauten Stellungen und aus Häusern, die als Festungen genutzt wurden, harten Widerstand. Sie nahmen keine Rücksicht auf nichtkämpfende Zi- vilisten, auf Frauen und Kinder, die sich in den Unterkünften befanden. Als Teile der Kompanie beim Angriff auf Casaglia an einer Kapelle vorüberkamen, wurde aus dieser heftig geschossen. Als der Widerstand mittels einer Panzerfaust gebrochen wurde, konnte festgestellt werden, daß der Schütze in der Kapelle anscheinend ein Pfarrer war; er nahm keine Rücksicht auf Frauen und Kinder, die sich Schutz suchend in der kleinen Kirche aufhielten."

Als später der Ort Marzabotto in die Kampflinie geriet, wurde er von amerikanischen Bombenflug-zeugen total zerstört, wobei zahl-reiche Zivilisten ums Leben ka-men.

Es gab von deutscher Seite im Gebiet Marzabotto keine Repres-salien, obwohl solche aufgrund des völkerrechtswidrigen Kampfes der Partisanen durchaus legitim gewesen wären. Die unklare Zahl von Toten besteht aus gefallenen kämpfenden Partisanen, aus Zivilisten, die in die Kämpfe gerieten, und aus den Toten des amerikanischen Bombenangrif-fes.

Der nach dem Krieg in Bologna durchgeführte Prozeß gegen den schwer kriegsversehrten Major der Waffen-SS Reder fand unter dem Druck der Kommunistischen Partei Italiens statt. Der Druck bewirkte dann auch die Verurteilung Reders zu lebenslanger Haft, obwohl weder er noch die von ihm kommandierte Aufklärungsabteilung jemals Marzabotto betreten hatten. Weil der als italienischer Kriegsgefangener geltende Reder unschuldig verurteilt war, was damals offenkundig war, forderte mehrmals der Vatikan seine Freilassung, desgleichen diverse Bischofskonferenzen. Aber auch die Caritas sowie die italienische Liga für Menschenrechte schlossen sich dieser Forderung an.

Im Jahre 1958 wurde dem italienischen Staatspräsidenten eine Petition mit 280.000 Unterschriften aus 35 Ländern mit der Bitte um Begnadigung Reders übergeben. Für die Freilassung setzten sich englische, kanadische und australische Offiziersgesellschaften und Traditionsvereinigungen ebenso ein wie das Österreichische Rote Kreuz, Politiker verschiedener Staaten Europas und der USA sowie deutsche, österreichische und ita- lienische Frontkämpferverbän-de.

Es nutzte alles nichts. Offen gaben Richter zu, daß sie unter dem politischen Druck der Straße, vor allem aber der Kommunisten standen. Reder wurde erst 1985 aus der Haft entlassen. 1991 starb er im österreichischen Gmunden. Rund 1.500 Menschen nahmen an der Beerdigung teil, darunter Abordnungen von Soldatenverbänden aus Deutschland, Österreich, Frankreich und Italien.

In diesen Tagen aber hielt es der Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland für richtig, in Marzabotto einmal mehr "deutsche Schuld" zu bekennen - vermutlich ohne sich vorher hinreichend über alle Aspekte der historischen Ereignisse unterrichtet zu haben.

 

Wenige Kilometer südlich von Bologna liegt der kleine Ort Marzabotto, in dem deutsche Soldaten 1944 angeblich ein Massaker anrichteten.

Betroffen: "Von Scham und Trauer erfüllt" gedachte Bundespräsident Johannes Rau (2. von links) am Mahnmal in Marzabotto angeblicher Opfer deutscher Nazi-Faschisten. Womöglich war Rau über die wahren Ereignisse von damals nur unzureichend informiert worden. Foto: dpa