© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 25. Mai 2002


Die Odyssee der Rundfunkspielschar
Erlebnisbericht über die Flucht der Königsberger Chorkinder
von Lieselotte Grube

Mitten im Krieg kam ich von Saarbrücken an den Reichssender Königsberg und übernahm den Kinder- und Jugendfunk, kriegsbedingt, denn normal waren es zwei selbständige Arbeitsgebiete. Im Westen hatte ich bereits den Luftkrieg kennengelernt, aber in Königsberg war es ruhig, und man konnte gut arbeiten.

Zu meinem Aufgabengebiet gehörte auch die Rundfunkspielschar mit zwei Chören. Der Kinderchor, ein gleichstimmiger Mädchenchor, wirkte bei der beliebten "Kunterbunten Kinderstunde" mit. Da ich diese Sendung moderierte, leitete ich auch den Chor. Der gemischte Chor hatte kurz vor meinem Antritt eine Umstrukturierung erfahren. Da sein Chorleiter eingezogen worden war, hatte man den Chor mit dem in Königsberg bekannten Heinrich-Albert-Chor, dem Knabenchor der Vorstädtischen Oberrealschule, zusammengelegt. Auch dessen Chorleiter, Konrad Opitz, war Soldat, aber in Königsberg stationiert, so konnte er abends zu Proben und Aufnahmen in das Funkhaus kommen. Die beiden Chöre wuchsen dank Opitz schnell zusammen. Der Chor wurde im Wechsel mit anderen Rundfunkanstalten eingesetzt, darüber hinaus bei Veranstaltungen in Königsberg und zur Wehrmachtsbetreuung.

Kurz nach dem Beginn meiner Tätigkeit in Königsberg hatte ich zwei Nachwuchschöre aufgebaut - einen Mädchenchor, den ich selber übernahm, und einen Knabenchor, den Max Naused, ein Mitarbeiter des Reichssenders, leitete.

Die ruhige Arbeitsphase wurde jäh unterbrochen durch die Luftangriffe Ende August 1944. In der zerstörten Stadt sammelten wir die Mitglieder der Spielschar und brachten sie auf die Kurische Nehrung nach Sarkau. Dort ging die Chorarbeit weiter unter der Leitung von Gerhard Kitzelmann, der kurz vor dem Abschluß seines Musikstudiums stand. Ich fuhr hin und her und holte die Chöre zu Aufnahmen in das Funkhaus, manchmal unter sehr schwierigen Umständen. Anfang November beschlagnahmte die Wehrmacht das Haus. Man hörte schon den Geschützdonner von Memel.

Was tun? Rücksprachen mit Berlin ergaben: Die Spielschar wird zur Sondergruppe "Böhmen-Mähren" nach Prag verlegt. Erstaunlich viele Eltern gaben ihr Einverständnis und vertrauten uns ihre Kinder an. Mitte November ging die Reise los. Von den rund 120 Chormitgliedern waren die jüngsten neun, die ältesten 17 Jahre alt.

Die Mädchen kam mit meiner Mitarbeiterin Helga Römer in ein Heim in Prag-Lieben. Die Jungen waren mit Gerhard Kitzelmann in einem straff geführten Heim in Prag-Podol untergebracht. Vormittags gingen alle zum Unterricht in Prager Schulen, der Nachmittag gehörte der musikalischen Tätigkeit im Funkhaus. Leider hatte man im Jungenheim wenig Verständnis für die "Singerei". Tränen gab es vor allem wegen des Schulunterrichts, der nach österreichischem Lehrplan erfolgte. Nach Verhandlungen mit der Dienststelle für Kinderlandverschickung auf dem Hradschin hieß die Lösung: Die Spielschar erhält ein eigenes Lager in dem westlich von Prag gelegenen Ober-Tschernoschitz und ausgewählte Lehrkräfte aus Berlin. Die Mädchen wohnten nun in einer Parkvilla, die Jungen mit den Lehrern und Gerhard Kitzelmann in einem Gasthof, wo sich der gesamte Tagesablauf - Verpflegung, Unterricht Chorarbeit - abspielte. Obwohl der Königsberger Sender nicht mehr ausstrahlte, machten wir weiterhin Aufnahmen, die nach Berlin überspielt, teilweise auch von Prag aus gesendet wurden!

Doch die Front aus dem Osten rückte näher und näher, man begann die Lager der Kinderlandverschickung zu räumen und die Kinder nach Deutschland zurück-zubringen. Wir standen noch lange nicht auf der Liste. Wohin hätte man uns auch "zurückbringen" können? Der Russe hatte Ostpreußen längst überrollt.

Wieder galt es zu verhandeln. Dann versetzte mich der Intendant in Absprache mit der Reichsrundfunkgesellschaft an den Reichssender München. Da ich wußte, daß die Rundfunkspielschar München nach Bad Reichenhall gebracht worden war, hoffte ich, daß sie uns weiterhelfen könnte. So ließ ich mir einen Fahrschein nach Bad Reichenhall ausstellen. Ich besaß einen Schwesternhelferinnen-Ausweis und hatte mir von unserer Lagerschwester eine Schwesterntracht ausgeliehen. Die sollte sich in den kommenden Monaten als sehr hilfreich erweisen.

Wir - alle Kinder, ihre Betreuer und Lehrer - erreichten tatsächlich über eine Nebenstrecke bei nur einem Fliegerangriff am 20. April 1945 das Reichsgebiet im südlichen Bayerischen Wald! Auf deutschem Reichsgebiet eröffneten mir aber die Bahnbeamten, daß wir nicht weiterfahren könnten: Die Brücke über die Donau sei gesprengt. Aber ein Schutzengel stand uns bei! Dem Bürgermeister von Waldkirchen, an den ich mich gewandt hatte, fiel ein, daß in dem nahen Dörfchen Ringelai kurz zuvor das dortige RAD-Lager für die weibliche Jugend geräumt worden war. Noch am gleichen Abend fuhren hilfreiche Waldkirchner unser Gepäck dorthin, und wir marschierten hinterher. Das Lager war vollkommen intakt und hatte sogar noch Verpflegung für die nächste Zeit! Ringelai wurde unser Heim für den Sommer 1945.

Ich führte nun das Spielscharlager in der Tradition des Arbeitsdienstes weiter. Die älteren Mädchen und Jungen arbeiteten tagsüber bei den Bauern, sie bekamen dafür ihr Essen. Für die Verpflegung der jüngeren Kinder kam man mit den Lebensmittelmarken bei strenger Rationierung geradeso zurecht. In der Küche regierte Frau Schemionek. Die Mutter zweier Chormitglieder war uns nachgereist und hatte uns gefunden. Was uns alles leichter machte, war der wunderschöne Sommer. Aber die Sorgen blieben, die uns unentwegt bedrückten: "Wer finanziert unseren Unterhalt?" und "Wie erfahren unsere Angehörigen, wo wir geblieben sind?"

Anfang Mai hatten die Amerikaner den Ort besetzt, und wir sangen auch für sie. Ihre Dienststelle stellten mir, der "Schwester", und Herrn Schmidt, einem der Berliner Lehrer, einen Passierschein nach München aus "by each transportation available". Dort fanden wir eine Stelle für die "Heime verlegter Schulen", die uns in ihre Obhut nahm. Mit dem Schein trampten wir nach Berlin. Wer je 1945 unterwegs war, weiß, was das bedeutete! In Berlin informierten wir die Stadtregierung, die Suchstellen und den Sender über unseren Verbleib.

Die ersten Abwanderungen aus dem Lager begannen im Sommer. Zuerst verließen uns Gerhard Kitzelmann und Dr. Dietrich Müller, einer der Berliner Lehrer, und zogen mit einigen Kindern nach Norden. Für uns in Ringelai stellte sich das nächste Problem: Wie sollten wir den nahenden Winter in einem Barackenlager ohne Heizvorrat überstehen? Die Münchner Dienststelle erlaubte Herrn Schmidt und mir, in Oberbayern nach einem geeigneten Ort zu suchen. Wir fanden das "Georgihaus" in Lenggries, das den Keller voller Koks hatte! Anfang Oktober brachten uns amerikanische Lastwagen in unser Winterquartier. Es war höchste Zeit, denn es fiel schon der erste Schnee.

Hier begann die vielleicht ruhigste und arbeitsamste Phase unserer Odyssee. Eine in dem Haus verbliebene Berliner Oberstudienrätin, Frau Dr. Matz, die von den ihr anvertrauten Kindern auf tragische Weise getrennt worden war, organisierte den Schulunterricht, die Kleinen besuchten die örtliche Grundschule, nachmittags und abends gab es viele Aktivitäten. Vor allem wurde wieder gemeinsam gesungen. Weihnachten sangen wir in der Kirche aus der "Deutschen Messe" von Franz Schubert und führten für die Kinder des Dorfes "Hänsel und Gretel" als Schattenspiel auf. Draußen lag tiefer Schnee - wie in Ostpreußen!

Ende Februar 1946 wurde der Chor auseinandergerissen, und man setzte neue Leitungen ein. Nun verstärkten sich die Abwanderungen, denn inzwischen hatten sich die Angehörigen einiger Kinder gefunden. Der "Restchor" fand sich schließlich in Garmisch-Partenkirchen im Gasthof "Partnachklamm" zusammen. Er blieb bis 1951 das "Chorheim". Die Mädchen und Jungen, die nicht zu ihren Angehörigen konnten, sie noch nicht gefunden hatten oder sie auch nie fanden, besuchten die Oberrealschulen in Garmisch. Sie fanden in Mr. David L. Cozart, einem US-Jugendoffizier, einen Förderer und vor allem in dem Münchner Hanns Belstler einen kompetenten Chorleiter, so daß noch eine beachtliche Zahl von Aufführungen zustande kam. Und dann gab es 1955 das erste große Wiederfinden in Duisburg anläßlich der 700-Jahr-Feier der Stadt Königsberg!

*

Soweit Lieselotte Grube, die ihre Erinnerungen so klar und sachlich formuliert, wie sie einmal in den schwersten Situationen gehandelt hat. Wer kann schon einschätzen, was es heißt, als junge Frau die Verantwortung für 120 Kinder zu tragen und sie vor der Roten Armee in mögliche Sicherheit zu bringen. Jedes dieser Kinder war von Heimat und Heim getrennt, wußte nicht vom Schicksal der Eltern und Geschwister. Da half doch sehr die Gemeinschaft und - die Musik, die gute Trösterin! Und so wird auch an diesem Wochenende (24. bis 26. Mai) in Schierke musiziert werden, wenn sich die Chorkinder von einst dort zu ihrem 25. Treffen zusammenfinden - wie immer organisiert von Wolfgang Stintat. Nun allerdings als Senioren!

Nach stürmischen Tagen wieder vereint: Die Rundfunkspielschar Königsberg bei ihrem ersten Treffen (1977) nach dem Krieg. Die Kinder von einst sind jetzt Erwachsene mit einer wechselvollen Vergangenheit.

 

Der Chor in seinem Element: Beim 6. Chortreffen nach dem Krieg (1982). Auftritt zum Festakt: 30 Jahre Partnerschaft zwischen Duisburg und Königsberg. Fotos (3): privat

Im Februar dieses Jahres erhielt ich einen Brief, der ein Kapitel ostpreußischer Musikgeschichte ansprach, das dem Schreiber vergessen schien. Hans-Dieter Heyse schrieb: "In Königsberg gab es einmal einen ausgezeichneten Knabenchor, den Heinrich-Albert-Chor, dessen Chorleiter Konrad Opitz war. Eigenartigerweise erinnert sich niemand mehr an diesen Chor." Nun hatten wir in unserem Seminar "Reichssender Königsberg", das im Ostheim in Bad Pyrmont stattfand, als Referentin Lieselotte Grube, die letzte Leiterin der Abteilung Kinder- und Jugendfunk im Reichssender Königsberg. Sie berichtete eingehend und eindrucksvoll über die letzten Tage der Rundfunkspielschar und des Heinrich-Albert-Chores, die nicht in Ostpreußen beendet wurden, sondern nach abenteuerlicher Wanderschaft aus Prag in Oberbayern. Auch Hans-Dieter Heyse war damals dabei. Er brachte übrigens nach dem Krieg durch unermüdliches Suchen die ehemaligen Chormitglieder wieder zusammen. Und weil sie sich heute noch treffen und an diesem Wochenende das 25. Treffen in Schierke stattfindet, lassen wir Lieselotte Grube als authentische Chronistin dieses Kapitel der ostpreußischen Rundfunkgeschichte noch einmal aufrollen. Damit festgehalten wird, was damals geschah, als wenige Monate vor Kriegsende 120 ostpreußische Mädchen und Jungen in das "sichere" Prag verschickt wurden.

Ruth Geede