© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 10. August 2002


Trauer um engagierten Seelsorger und unermüdlichen Helfer
Ermländischer Konsistorialrat Msgr. Dr. Gerhard Reifferscheid ist tot

Königswinter / Bonn-Bad Godesberg / Münster - Ein engagierter Seelsorger, ein gewissenhafter Forscher, bekennender Heimatvertriebener und unermüdlicher Helfer für Arme und Bedürftige ist tot. Die Ermländer in Deutschland und die Katholiken im Raum Königsberg (Kaliningrad) trauern um Konsistorialrat Msgr. Dr. Gerhard Reifferscheid. Der von Papst Johannes Paul II. 1998 zum Kaplan seiner Heiligkeit ernannte Priester starb am 26. Juli 2002 in einem Altenheim in Bonn-Bad Godesberg. Deutschlandweit bekannt wurde er durch seine Promotionsarbeit "Das Bistum Ermland und das Dritte Reich". Die wissenschaftliche Untersuchung über die Spannungen zwischen dem Bistum und dem Dritten Reich war im Jahre 1973 die erste Arbeit mit dieser Thematik für ein deutsches Bistum.

Der Visitator Ermland, Dr. Lothar Schlegel (Münster), würdigte Reifferscheid als einen herausragenden Priester. "Ein Höhepunkt in seinem Ruhestand, den er in guter körperlicher Verfassung zubringen konnte, waren seine Reisen zu den wieder zugänglichen früheren Wirkungsstätten im Ermland und Ostpreußen, wo er mit großer Freude und enormem persönlichen Einsatz um die Menschen und die katholische Kirche in Königsberg sich mühte." Dort kümmerte er sich nach der politischen Wende nicht nur um die Seelsorge, sondern mit gleicher Intensität um die Armenküche und die Straßenkinder. Wo immer es im Königsberger Gebiet katholische Gemeinden gibt, sei er beliebt. Als 80jähriger machte er sich mehrfach auf die Reise in die Region und taufte dort viele Menschen.

Der Verstorbene wurde am 6. März 1913 in Berlin-Wannsee geboren. Nach der Reifeprüfung 1931 studierte er zunächst an der Universität Freiburg Sprachen, Archäologie und Kunstgeschichte. Später wechselte er zum Studium der Theologie an die Universität Braunsberg (Ostpreußen), "Schick ihn herüber", schrieb Bischof Maximailian Kaller Ostern 1932 in einem Antwortschreiben an den mit ihm befreundeten Vater von Gerhard Reifferscheid. Dieser wechselte zwar noch einmal von Braunsberg nach Bonn, entschied sich schließlich aber für das Ermland. Im Frauenburger Dom wurde er an seinem 25. Geburtstag im Jahre 1938 mit 19 anderen Diakonen zum Priester geweiht. Seinen Dienst erfüllte er zunächst in den Kaplansstellen Heinrikau, Königsberg (St. Adalbert) und Wormditt (St. Johannes).

Nach Wehrdienst, den er 1943 als Sanitäter anzutreten hatte, und englischer Gefangenschaft fand er in der Erzdiözese Köln neue Aufgaben. 1945 kam er über Köln nach Oberdollendorf bei Königswinter und arbeitete hier als Kaplan an der Laurentiuskirche. 1950 wurde er Religionslehrer an einem Gymnasium in Königswinter, 1954 Studienrat am Beethoven-Gymnasium in Bonn, 1965 Oberstudienrat und Subsidiar in Niederdollendorf. Nach seiner Promotion im Jahre 1973 erfolgten zahlreiche wissenschaftliche Beiträge und Veröffentlichungen. Dazu zählen auch vier Bücher über Kirchen im Ermland. 1974 wurde Dr. Gerhard Reifferscheid vom Apostolischen Visitator Ermland, Prälat Johannes Schwalke, ins Konsistorium Ermland, dem Nachfolgegremium des deutschen Domkapitels der Diözese, berufen.

"Am dichtesten und schwersten gestaltete sich der Dienst und die Seelsorge in den letzten Wochen vor dem Fall Königsbergs und Pillaus, als ich im Feldlazarett 256 für die aus Ostpreußen zu spät evakuierte Bevölkerung und für die Verwundeten gleichzeitig tätig war, ohne Verbandszeug, nur mit Papierbinden, ohne Medikamente, ohne Meßtasche, allein mit Stola und Burse und schließlich bei zerschossenen und brennenden Baracken voller Sehnsucht nach dem anderen Ufer beim Verladen der Verwundeten in die Riesenbäuche der endlich auf rettende See fahrenden, doch so oft schauerlich versenkten Schiffe", blickte Reifferscheid auf sein mehr als 60jähriges Priesterleben zurück. Seine Wahlspruch war das Wort des Apostels Paulus, "Die Liebe Christi drängt mich".

Die Trauerfeier war am Mittwoch, 31. Juli, in der Pfarrkirche St. Laurentius in Oberdollendorf. Anschließend erfolgt die Beisetzung im Karl-Simrock-Grab auf dem Alten Friedhof in Bonn.

Als Ermländer bekennen sich weit mehr als 100.000 Katholiken. Die Quartalszeitschrift "Ermländerbriefe" erreicht eine Auflage von knapp 30.000 Exemplaren. Ermland ist der Name einer Landschaft in Ostpreußen, heute in Nord-Ost-Polen. Das Hochstift Ermland umfaßte die Kreise Braunsberg, Heilsberg, Rößel, Allenstein-Stadt und Allenstein-Land. Ermland ist der Name der größten der vier preußischen Diözesen, die 1243 errichtet wurden und deren Grenze ab 1929 deckungsgleich mit der Provinz Ostpreußen war. 1992 ist Ermland zum Erzbistum erhoben worden. Zur Kirchenprovinz Ermland gehören seitdem die Suffragan-Bistümer Elbing (Elblag) und Lyck (Elk). Der Königsberger Raum kam zum Erzbistum Moskau. Ermland war ursprünglich ein eigenständiges weltliches Herrschaftsgebiet, in dem der Bischof zugleich auch Landesherr war (1254 bis 1772). Ermländer nennen sich die deutschen Katholiken Ostpreußens, deren Nachfahren und die zur deutschen Minderheit in der polnischen Wojewodschaft Ermland-Masuren sowie die in dem zu Rußland und Litauen gehörenden Königsberger Raum wohnenden Katholiken. In der Diözese Ermland wohnten 1939 etwa 395.000 Katholiken. Zu den bekanntesten Ermländern zählen Nicolaus Copernicus (Domherr zu Frauenburg) und Ordensgründerin Regina Protmann, die 1999 von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen wurde. Norbert Block