© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 12. Oktober 2002


Hauptmanns 140. Geburtstag: Geistige Heimkehr
In Schlesien wird an der Renaissance des Dichters gearbeitet
von Friedrich Nolopp

In diesen Tagen, da sich das Laub in den märkischen, pommerschen und niederschlesischen Wäldern herbstlich verfärbt, bereitet man sich an verschiedenen Orten eher still denn laut auf die Würdigung des bedeutenden deutschen Schriftstellers Gerhart Hauptmann vor.

Hauptmanns Größe liegt nicht in seinem literarischen Format allein begründet, sondern auch darin, daß sein persönliches Schicksal die Dramatik und die Katastrophe der deutschen Nation im 20. Jahrhundert verkörpert. Selbst nach seinem Tod im Sommer 1946 blieb er ein Spiegel der nationalen Misere: der Leichentransport per Eisenbahn nach Berlin und weiter nach Hiddensee wurde zum staatspolitischen Schauspiel.

Doch unbekümmert von diesem bösen Ende organisiert man im brandenburgischen Erkner und im niederschlesischen Agnetendorf die Feierlichkeiten zum 140. Geburtstag des deutschen Literaturnobelpreisträgers am 15. November. Zugleich wird an den 90. Jahrestag der Verleihung des Nobelpreises erinnert.

Eine ganz besondere Ehrung plant man derzeit in Erkner, wo Hauptmann von 1885 bis 1894 in der Villa Lassen wohnte: Die vor den Toren Berlins gelegene Kleinstadt will ihm posthum die Ehrenbürgerschaft verleihen. Der Ehrungsrat der Stadt hat dies Ende September in einem einstimmigen Beschluß empfohlen. Die eigentliche Ernennung bleibt der Stadtverordnetenversammlung vorbehalten; allerdings ist es fraglich, ob die Würdigung noch in diesem Jahr erfolgt.

In Niederschlesien, wo Hauptmann am 15. November 1862 in Ober-Salzbrunn das Licht der Welt erblickte und der Dichter von 1901 bis zu seinem Tode am 6. Juni 1946 lebte, wird in der Agnetendorfer Hauptmann-Villa Wiesenstein mit der Ausstellung "90 Jahre Nobelpreis" und einer Filmgesprächswoche an den prominenten Einwohner erinnert.

Die Festwoche in dem im vergangenen Jahr nach umfassender Restaurierung neu eröffneten Haus Wiesenstein beginnt am 8. November. Geplant sind u. a. Aufführungen der Filme "Die Weber" von 1927, "Der Biberpelz" von 1949 sowie eines cineastischen Dokuments aus dem Bundesfilmarchiv über Hauptmanns Amerika-Besuch von 1932. In Erkner werden die Geburtstagsfeiern für den Dichter mit dem 50-jährigen Jubiläum der Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft verknüpft. Am 9. und 10. November lädt diese zu mehreren Vorträgen in die Villa Lassen ein.

Mit jedem der drei Wohnsitze - dem märkischen Erkner, dem pommerschen Kloster auf Hiddensee und dem niederschlesischen Agnetendorf - sind verschiedene Lebens- und Schaffensperioden Hauptmanns verbunden. Ausgangs- und Endpunkt aber war Niederschlesien. Dort wurde der Schriftsteller 1862 als viertes Kind des Hotelbesitzers Robert Hauptmann und seiner Ehefrau Marie, Tochter des Brunneninspektors und Kurdirektors Straehler, geboren.

Wie sehr er seiner Heimat Schlesien verbunden war, zeigt schon die Tatsache, daß er sich dort sein Haus bauen ließ. Hauptmann entschied sich nicht für eine Ansiedlung in oder bei Breslau, Waldenburg oder Oppeln, nein, er ging quasi in die Wälder - nach Agnetendorf. Noch heute mag es dem Wanderer bei einem Gang durch die würzig duftenden dunklen Wälder in der Umgebung des Ortes manchmal so vorkommen, als habe er im Dickicht den Schatten Rübezahls gesehen.

Auch für die Mark Brandenburg und Pommern sind lobende Worte des Nobelpreisträgers überliefert. Hiddensee besuchte er erstmals am 29. Juli 1885, und am 20. September desselben Jahres bezog er die Villa Lassen in Erkner. Viele Jahre später würdigte Hauptmann seinen Aufenthalt in der märkischen Kleinstadt wie folgt: "Ich habe vier Jahre in Erkner gewohnt, und zwar für mich grundlegende Jahre. Mit der märkischen Landschaft aufs innigste verbunden, schrieb ich dort ‚Fasching', ‚Bahnwärter Thiel' und mein erstes Drama ‚Vor Sonnenaufgang'. Die vier Jahre sind sozusagen die vier Ecksteine für mein Werk geworden."

Zu Hiddensee notierte er 1933 im Rückblick auf seinen ersten Besuch: "Von diesem Jahre an verflocht sich Hiddensee unlöslich in mein Schicksal. Aber erst nach einem halben Jahrhundert gegenseitiger Treue kam der Augenblick, auf dem Eiland ein kleines Anwesen zu erwerben und also dort wirklich Fuß zu fassen. Alte Liebe rostet nicht: Hiddensee hat sich mir, neu und jung, im hohen Alter geschenkt und sein Zauber verjüngt mich jedesmal, wenn meine Sohle seinen geliebten Boden berührt."

Doch als eigentliches Lebenszentrum verstand Hauptmann stets Agnetendorf. Der Dichter blieb dort auch nach Kriegsende. Seine letzten Worte auf dem Sterbebett waren: "Bin ich noch in meinem Haus?"

Da eine Beerdigung vor Ort weder von den Hinterbliebenen noch vom polnischen Militär gewünscht wurde, überführte man den Toten zuerst nach Berlin, um ihn schließlich auf Hiddensee beizusetzen. Jahrzehntelang war der deutsche Nobelpreisträger in der polnischen Bevölkerung weitgehend unbekannt. Daß er nun von möglichst vielen Menschen gelesen wird und die verdiente Anerkennung findet, dafür engagiert sich heute die polnische Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft, die federführend von Germanisten der Universität Breslau geleitet wird.

Es fällt wohltuend auf, wie konzentriert mittlerweile in der Villa Wiesenstein über den Dichter gearbeitet wird, während man sich in der Hauptmann-Gedenkstätte auf Hiddensee anscheinend lieber mit anderen Themen beschäftigt. In Kloster steht im Oktober zwar ein "Kabarettistischer Streifzug durch die Irrungen und Wirrungen der Oper" auf dem Programm und für den 31. Dezember ein Silvesterkonzert, Hauptmanns 140. Geburtstag und der 90. Jahrestag der Nobelpreisverleihung finden dagegen keine Berücksichtigung.

Um so erfreulicher ist die geistige Rückkehr Gerhart Hauptmanns in seine schlesische Heimat. Vielleicht geht von dort mittelfristig sogar eine literarische und rezeptionsgeschichtliche Renaissance des hierzulande teilweise in Vergessenheit geratenen Dichters aus. Erneut würde Hauptmann dann dem "Lauf der Zeit" trotzen, so wie er es im immer materialistischer werdenden wilhelminischen Deutschland getan hatte, indem er seine literarischen Stoffe auf romantisch-symbolische Weise gestaltete. Oder in der NS-Zeit, als er den Weg in die innere Emigration wählte.

Erfüllt von Trotz, mehr noch von Sorge sind auch die Einleitungsworte des Dichters zu einem 1924 erschienenen Deutschland-Bildband, die nichts von ihrem Wahrheitsgehalt verloren haben:

"Oft und oft ist Mordbrand verheerend, Asche und Trümmer hinter sich lassend, über dies herrliche Land dahingegangen. Nur gnädigen Launen des Geschicks ist es zu danken, daß Schönes und Großes noch in Fülle vorhanden ist. Freilich setzt die Zeit, setzt der kahle Nützlichkeitsgedanke seine Zerstörungsarbeit fort, und der ärgste Kulturfeind, Krieg, ist noch immer nicht endgültig überwunden."

Weitere Auskünfte gibt es im Internet unter www.gerhart-hauptmannmuseen.de  und www.dom-gerharta-hauptmanna.pl