© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 09. November 2002


Kirche huldigt erklärtem Feind
Was hat Daniel Jonah Goldhagen in der Katholischen Akademie verloren?

Ist das Neue Testament antisemitisch? Der jüdische US-Politologe Daniel Jonah Goldhagen meint, die Kirche solle 450 Bibelstellen löschen, weil diese judenfeindlich seien. Mit seinem neuen Buch "Die katholische Kirche und der Holocaust" befindet er sich auf Verkaufstournee, 30.000 Exemplare der deutschen Ausgabe sind bereits weg. In Interviews und auf Podien macht sich Goldhagen zum Chefankläger gegen die Kirche. Der Verleger Ingo Resch (Gräfelfing bei München) hat dessen Thesen unter die Lupe genommen.

Goldhagen attackiert nicht nur die katholische Kirche. Er zielt vielmehr auf die Grundlage des Christlichen, auf die Bibel. Das geht alle Christen an. Aufgrund der Evangelien sei das Christentum eine Religion, die in ihrem Innersten einem Haß ungeheuren Ausmaßes auf die Juden gehuldigt und ihn verbreitet habe. Deshalb müsse die Bibel umgeschrieben werden. Mit dieser Argumentation befindet sich der Politologe in unguter Gesellschaft, denn vor ihm hatte der nationalsozialistische Chefideologe Alfred Rosenberg gleiches gefordert.

Goldhagen trifft allerdings auf breite Zustimmung in einem längst entchristianisierten Milieu. Selbst die katholische Kirche erweist ihm Reverenz - so in Hamburg, wo die Katholische Akademie ihn zum Gespräch einlud. Goldhagen hatte über eine halbe Stunde Redezeit, er bekam das Schlußwort und der bekannte Politologe Konrad Löw als Gegenpart nur rund zehn Minuten. Der praktizierende Katholik Löw hatte drei Monate vor Goldhagen eine sehr sorgfältig erarbeitete Recherche über die angebliche Schuld der Kirchen vorgelegt. Löw macht darin das einzig Richtige: Er läßt auch die Nationalsozialisten zu Wort kommen. Diese sahen in den Kirchen den stärksten Widersacher gegen Rassegesetze sowie tatkräftige Helfer und Beschützer der Juden. Den Christen sollte der Vernichtungskampf nach dem "Endsieg" gelten.

Die Argumente mancher katholischer Persönlichkeiten, sei es der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Maier oder Karl Kardinal Lehmann, sind Goldhagen gegen-über vornehm zurückhaltend, ja sie suchen sogar Verständnis für die Diffamierungen eines angeblich in der christlichen Botschaft begründeten Antijudaismus. Aber die Fakten sprechen eine andere und eine eindeutige Sprache.

Zunächst war Jesus selbst Jude. Er erklärte einer samaritischen (also nichtjüdischen) Frau, daß das Heil von den Juden komme. Doch deshalb sind Jesu Zeit- und Volksgenossen nicht alle heilig und jeder Kritik enthoben. Wenn Jesus sagt: "Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer", kann er nicht kollektiv verurteilt haben, denn er hatte auch in diesen Kreisen Anhänger. Jesus verurteilt die herrschende Glaubenshaltung. Da befindet er sich in guter Tradition des Alten Testamentes. Was Jesus hier sagt, haben vorher alle Propheten ausgeführt; wo er anklagt, haben die Propheten viel mehr angeklagt.

Es zeigt sich, daß Goldhagen die Bibel offensichtlich nicht versteht. Daß Jesus sein Volk liebt, daß er für das Volk stirbt, kann niemals einem Haß auf dieses Volk entspringen. Die Evangelisten sollen angeblich später antisemitisch geworden sein, doch wie das? Sie waren mit Ausnahme des Lukas doch selbst alle Juden und kümmerten sich um das Heil ihres Volkes. Sie bekehrten Juden und lehrten in den Synagogen. So bestanden auch die ersten Gemeinden nicht nur in Jerusalem, sondern bis nach Rom aus Juden.

Goldhagen hätte bei dem Versuch, ein geschichtliches Buch zu verfassen, auch historisch vorgehen müssen. So erfolgte die erste Judendiskriminierung (genauer: der Hebräer oder Kinder Israels) längst vor dem "Neuen Testament" - nämlich bereits durch die Ägypter. Auch war die Babylonische Gefangenschaft - die Verschleppung fast aller Juden nach Babylon (heute Irak) - schwerlich von Christen initiiert, da sie 600 Jahre vor Jesus stattfand. Und als schließlich die Römer den jüdischen Staat vernichteten und den Staat Israel in Palästina umbenannten, saßen die Christen selbst als Verfolgte in irgendwelchen Kellern der antiken Metropole.

In solchem Zusammenhang wird auch gerne übersehen, daß das zweite Massaker - nach Christus - an Juden Religionsstifter Mohammed in Medina veranstaltete. Judenverfolgungen, die es leider im Abendland gegeben hat, sind nicht aus der Bibel begründbar, aus dem Koran schon.

Das sich immer wiederholende Argument lautet, daß die Evangelien und auch Paulus den Gottesmord der Juden anprangerten. Doch weisen Matthäus, Paulus, Petrus und andere auch immer wieder darauf hin, daß Jesus wegen unser aller Sünden gestorben ist. Jeder Christ weiß also, daß er selbst mitschuldig am Tod von Jesus ist. Aus dem Neuen Testament einen Haß auf die Verkläger Jesu oder auf die römischen Exekutoren abzuleiten, ginge demnach vollständig am Tenor des Evangeliums vorbei.

Der neuere Antisemitismus ist übrigens keine Erscheinung des 20., sondern vor allem des 19. Jahrhunderts! Sein wichtigstes Merkmal: Er war rassistisch. Der Rassismus ist aber selbst bei weitherzigster Auslegung nicht aus den Evangelien oder gar aus den Briefen des Paulus her-zuleiten. So ließe sich noch eher aus dem Alten Testament Rassismus begründen, niemals aus dem Neuen. Wenn Gott dem Petrus verdeutlicht, er solle auch zu Nichtjuden gehen, dann werden gerade hier bestehende Schranken überschritten. Auch das Gleichnis vom barmherzigen Samariter belegen, wie das Neue Testament rassistische Vorurteile ablehnt.

Weil im Neuen Testament die Juden als "Kinder des Satans" von dem aus dem Geschlechte Davids stammenden Jesus tituliert wurden, so dient dies Goldhagen als Beleg für seine Argumentation. Er überlas dabei, daß Jesus auch seinen wichtigsten Nachfolger Petrus so bezeichnete (Matthäus 16,23): "Weiche von mir, du Satan, du meinst nicht, was göttlich ist."

Die Bibel ist nicht antijüdisch und schon gar nicht antisemitisch. Goldhagen fischt sich aus dem 1. Brief an die Thessalonier die Bemerkung von Paulus heraus, daß die Juden die Propheten und Jesus getötet haben und ihn nun daran hindern wollen, das Evangelium auch in außerjüdische Regionen zu tragen. Unterschlagen wird aber die deutliche Aussage des Paulus aus dem Römerbrief, wo er Israel mit einem Ölbaum vergleicht, die bekehrten Heiden aber nur mit einem leicht wieder auszureißenden, eingepfropften Zweig. An anderer Stelle schreibt Paulus: "Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen." Man könnte hier eher Diskriminierendes gegenüber Nichtjuden herauslesen.

Die unglaublichste Behauptung stellt Goldhagen mit der Bemerkung auf, daß Christen wegen ihrer Religion des Hasses auf Juden nun seit 2.000 Jahren schwere Verbrechen und anderes Unrecht an Juden begangen hätten, Massenmord eingeschlossen. "Der größte und bekannteste Fall eines solchen Massen- mordes ist der Holocaust." Bisher ist noch keiner der Forscher darauf gekommen, Hitler als Christen zu bezeichnen. Die nationalsozialistische Bewegung war zutiefst antichristlich. Ihre Heilsverkündung ("Heil Hitler") und das 1.000jährige Reich, Begriffe wie Blut und Boden, ein Führer usw. stellten eine Verdrehung biblischer Begriffe dar. Ausgerechnet dieser Bewegung die Aura des Christlichen zu geben offenbart Goldhagens Unsachlichkeit.

Die ersten Opfer jener atheistischen, gegen Gott gerichteten Macht waren nicht Juden, sondern Regimekritiker. Darunter Christen, wie der bereits 1934 in Dachau zu Tode gefolterte Fritz Gerlich, Herausgeber der katholischen Zeitschrift "Der gerade Weg". Auch an diesem Punkt zeigt sich, wie widersinnig und absurd Goldhagens Argumentation letztlich ist.

 

Den Deutschen unterstellte er in "Hitlers willige Vollstrecker" einen gleichsam angeborenen Judenhaß. Jetzt ist die Kirche an der Reihe des Geschichtsklitterers: Daniel Goldhagen Foto: dpa