© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 09. November 2002


"Wenigstens ein Gottesdienst"
CSU-Politiker Gauweiler kritisiert Thierse (SPD): Parlament ignoriert Reformationstag

Die Mehrheit der Deutschen ist evangelisch - bemerkt Peter Gauweiler, und wundert sich: Nicht einmal der Bundestag mochte den 31. Oktober, den Tag, als Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlichte, würdigen. Es wurde ein ganz normaler Sitzungstag. Wir dokumentieren einen offenen Brief an Bundestagspräsident Thierse, in dem der CSU-Politiker fordert, wenigstens das Parlament möge seiner Vorbildfunktion gerecht werden:

Hochverehrter Herr Bundestagspräsident,

die heutige Sitzung veranlaßt mich, Sie mit der Frage nach dem Umgang des Bundestages mit christlichen Feiertagen zu befassen: Als neu gewählter Bundestagsabgeordneter bin ich verwundert, daß an einem wichtigen Gedenktag - der immerhin in fast jedem dritten Bundesland gesetzlicher Feiertag ist - überhaupt eine Bundestagssitzung stattgefunden hat, nämlich heute am Reformationstag.

Die Mehrheit der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland ist evangelisch, und diese Tatsache hat bekanntermaßen ihren Ursprung darin, daß Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen veröffentlichte. Von daher finden in Tausenden von Kirchen heute Gottesdienste statt.

Zu Recht wurde dieser Tag nach der friedlichen Revolution in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zu einem gesetzlichen Feiertag. Es gebietet die Achtung vor diesem Tag, daß keine Plenarsitzungen am Reformationstag stattfinden. Wenn man aber schon meint, sie an diesem christlichen Feiertag unbedingt durchführen zu müssen, dann sollte man wenigstens zu Beginn des Tages oder an seinem Ende ein Wort über seine große Bedeutung verlieren.

Deutschland gilt weltweit als "Mutterland der Reformation". Gleichzeitig verstehen wir uns als Kulturnation. Um so mehr wäre es wichtig gewesen, diesen Tag im Reichstagsgebäude anders zu gestalten. Von daher bitte ich herzlich zu prüfen, ob dies im nächsten Jahr entsprechend gemacht werden kann; konkret: ob es nicht möglich ist, an diesem bedeutenden Tag - wie auch an anderen christlichen Feiertagen - ganz auf Sitzungen zu verzichten. Wenn nicht, ob dann wenigstens ein reformatorischer Gottesdienst oder ein angemessenes Gedenken stattfinden kann.

Ich glaube, daß diese Bitte auch etwas mit der öffentlichen Vorbildfunktion des Parlaments zu tun hat: Heute waren zwar alle Medien voll mit "Halloween" - vom Reformationstag aber war fast nirgendwo die Rede. Ich glaube, daß wir einem solchen Entschwinden unserer Kultur nicht gleichgültig gegenüberstehen dürfen, und begründe auch damit mein Anliegen.

Ich wünsche Ihnen und uns Gottes Segen und verbleibe mit freundlichen Grüßen.

 

"Wir dürfen dem Entschwinden unserer Kultur nicht gleichgültig gegenüberstehen": Peter Gauweiler (53) war 1990 bis 1994 Bayerns Umweltminister und sitzt seit kurzem im Bundestag. Der CSU-Politiker begann seine Karriere als enger Vertrauter von Franz Josef Strauß und gilt als einer der konservativen Vordenker in der Union. Foto: dpa