© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 09. November 2002


Der ewige Stachel des Neides
Wie Hochleistungsschüler planmäßig demotiviert werden
von Christa Meves

Wo immer Hans Olaf Henkel, dem ehemaligen Präsidenten des Arbeitgeberverbandes, in den Medien das Wort gegeben wird, wird er nicht müde, darauf hinzuweisen, daß es das dominante Streben nach Gleichheit auf Kosten der Freiheit sei, das den Niedergang in Deutschland hervorriefe. Kompetent belegt er das in bezug auf die wirtschaftliche Entwicklung.

Aber dabei bleibt er nicht stehen: "Pisa war längst vorauszusehen", betont er, denn wir seien in Deutschland geradezu planmäßig darauf bedacht, geistige "Mittelmäßigkeit" zu produzieren. Wir verschleuderten durch ein egalisiertes Schulsystem unsere Ressourcen und seien deshalb dem internationalen Wettbewerb auf Dauer nicht mehr gewachsen. Vor den skeptisch bis hämisch zuhörenden und nachhakenden Journalisten vom "Focus" und vom "Tagesspiegel" mußte er sich fragen lassen, ob diese Einschätzung nicht "allzu radikal" und zumindest reichlich "übertrieben" sei. Aber wer Gelegenheit hat, sich - zumindest wie ich in Niedersachsen - mit der Schulwirklichkeit unserer Kinder zu beschäftigen, kann bestätigen, daß nicht allein das unzureichende Niveau in den Kulturtechniken der Grundschüler, sondern vor allem auch die geradezu planmäßige Verhinderung von Elitebildung durch Rasenmähermethoden gegen schulisch herausragende Schüler nicht selten ist.

Drei Beispiele: 1. Der Viertkläßler einer Gesamtschule glänzt in den drei Hauptfächern mit Einsen. Sie werden im Zeugnis mit "gut" bewertet. Er fragt die Klassenlehrerin, warum er so heruntergestuft sei, und sie antwortet: In der Schule komme es nicht nur darauf an, Einsen zu schreiben. Für ihn sei es wichtig gewesen, zu lernen, mit den anderen, die nicht so gut seien, mitzuhalten.

2. Eine Siebtkläßlerin hat mit viel Fleiß erreicht, daß sie in allen englischen Klassenarbeiten mit "sehr gut" abgeschnitten hat. In der letzten vor den Ferien ist ihr Heft voller roter Tinte. Die Lehrerin hat spitzfindig - und sachlich falsch, wie ein anderer Anglist bestätigt - Richtiges als falsch angestrichen, um die im Zeugnis dann erfolgende herabgesetzte Zensur zu begründen.

3. Ein Studienrat - Hauptfach Deutsch - ist in der Schule als ein Lehrer bekannt, der selbst hervorragende Leistungen allenfalls mit einem seltenen "gut" und im Oberstufenbereich im Bestfall allenfalls mit 10 Punkten (= 2-) benotet. Da sich das herumgesprochen hat, wählen viele sprachlich begabte Schüler Deutsch nicht mehr als Leistungsfach. Einige germanistisch und literaturgeschichtlich hochmotivierte Schüler wagen es dennoch in der Hoffnung, daß ihnen ein bewährter Lehrer zugeteilt wird. Aber sie haben Pech. Am Beginn der 12. Klasse, als der unbeliebte Lehrer den Deutsch-Leistungskurs übernommen hat, spricht er selbst seine rigide Benotung an. Er gibt dazu folgende Erklärung ab: "Ich wollte nach meinem Abitur gern Medizin studieren. Aber ich hatte keine so guten Noten, daß ich den Numerus clausus brechen konnte. Das einzige, was mir übrigblieb, war, Germani- s-tik zu studieren, obgleich ich dafür keinen Draht habe. Wenn das Studium für euren Berufswunsch einen Numerus clausus erfordert und ihr den nicht erreicht, müßt ihr eben auch etwas anderes machen."

Henkel übertreibt nicht. Es ist hierzulande möglich, daß Hochleistungsschüler planmäßig demotiviert werden, weil in den entsprechenden Pädagogen während ihrer Ausbildung der Stachel des Neides durch die Gleichheitsideologie ein schäbige Rechtfertigung erfahren hat. Dieser spricht aller echten pädagogischen Verantwortung und aller wahren pädagogischen Zielsetzung - nämlich der sittlichen Bildung und der Förderung eines möglichst hohen Leistungsniveaus der Schüler - geradezu Hohn. Aber bevor das nicht als ein durchgängiger Wahn in unserer Gesellschaft erkannt und zum Teufel gejagt worden ist, kann der Fehlweg nicht - und ganz gewiß nicht durch noch mehr die Schülerleistung strangulierende Kontrollen auf den Oberschulen - aufgegeben werden. Unmenschlichkeit in der Pädagogik, auf dem Boden der Ideologie des Neides, ist ein Widerspruch in sich, denn das dient nicht der konstruktiven Gestaltung des menschlichen Geistes und verrät damit alle so beachtlichen Ansätze, die im "Jahrhundert des Kindes" auf diesem Sektor geleistet wurden. Aber mehr noch: Die Ideologie des Neides - als soziale Gerechtigkeit verbrämt - ist ein Postulat, das unserem Land seit dreißig Jahren unentwegt unermeßlichen Schaden zufügt, indem sie den Nachwuchs aus bemühten Familien benachteiligt und so die Zukunft unserer Gesellschaft gefährdet.

Die Autorin ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin.