© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 09. November 2002


Gedanken zur Zeit: Gruselfutter statt Martin Luther
von Wilfried Böhm

Der 31. Oktober ist - oder besser gesagt: war - als Reformationstag der Inbegriff des evangelischen Feiertages nicht nur in Deutschland, sondern des weltweiten Protestantismus. Er erinnert an die 985 Thesen Martin Luthers, die er am 31. Oktober 1517, dem Tag vor dem großen christlichen Fest Allerheiligen, von Wittenberg aus bekannt machte und damit die Reformation einleitete. So gesehen ist der Reformationstag auch das Fest zum Gedenken an Martin Luther, den Bibelübersetzer, der zum Schöpfer der neuhochdeutschen Schriftsprache wurde und in unzähligen Reden bewies, daß er "dem Volk aufs Maul geschaut" hatte, "den Kindern auf der Gasse und dem gemeinen Mann auf dem Markt".

Darüber hinaus ließen Luthers Aufbegehren gegen den Papst in Rom, die Reaktion des Papstes und die Verbreitung der Lehren Luthers durch die neue Erfindung des Buchdrucks in vielen Kirchen, Universitäten, in den Schlössern mancher Obrigkeit, in vielen freien Reichsstädten und beim "gemeinen Volk" die "Freiheit" wittern. Deutsch wurde auch in gelehrten Kreisen gesellschaftsfähig, weil man das wichtigste Buch komplett in leicht verständlichem Deutsch und nicht nur mit dem Wörterbuch lesen konnte.

Zugleich bedeutete Luthers "Ich kann nicht anders. Gott komm mir zu hilf. Amen. Da bin ich" eine der größten Offenbarungen neuzeitlichen Freiheitsbewußtseins und der Selbstbestimmung des einzelnen. Luther beanspruchte damit die Freiheit der Persönlichkeit, ohne ihre Gottesbindung und die zum Volk zu leugnen. Aus der gewollten Reformation der Kirche wurde die erste große Freiheitsrevolution der Deutschen, über die der große breto- nische Religionshistoriker und Schriftsteller Ernest Renan im Jahr 1870 sagte: "Deutschland hat die bedeutendste Revolution der neueren Zeit, die Reformation, gemacht."

Die Deutschen, denen nach den Untaten Hitlers die Geschichtsklitterei eingeredet werden sollte, es führe ein direkter "deutscher Sonderweg" in der europäischen Ge- schichte "von Luther über Friedrich den Großen und Bismarck zu Hitler", haben statt dessen seit und durch Luther eine große Freiheitstradition. Sie kommt eindrucksvoll zum Ausdruck in den Städtefreiheiten des Mittelalters, in des großen Königsberger Philosophen Kants "Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit", den preußischen Reformern, den Freiheitsbewegungen um die Mitte des 19. Jahrhunderts, dem mutigen "Nein" der Sozialdemokraten zu Hitlers Ermächtigungsgesetz, dem 20. Juli 1944, dem 17. Juni 1953, dem deutschen Beitrag zur Verteidigung der Freiheit gegen das sowjetische Weltherrschaftsstreben und in der friedlichen Revolution gegen den Kommunismus im Jahr 1989. Darum wäre die Erinnerung an Luthers Handeln am Reformationstag des 31. Oktober 1517 und damit verbunden ein Nachdenken über Deutschland ganz gewiß ein wichtiger Beitrag zum nationalen Selbstbewußtsein der Deutschen in Europa.

Zwar wird das Reformationsfest seit 1667 gefeiert, gesetzlicher Feiertag ist der 31. Oktober jedoch nur noch in den fünf Bundesländern, die bis 1990 zum Gebiet der DDR gehörten. In den evangelischen Kirchen Deutschlands selbst findet die nationale Bedeutung Luthers kaum noch Widerhall, statt dessen sind "Selbstbesinnung und Selbstprüfung der eigenen Kirche und des eigenen Lebens" Hauptinhalte des Reformationsfestes.

Kein Wunder, daß aus dem öffentlichen Bewußtsein der Reformationstag und Luther als der Begründer der einheitlichen deutschen Sprache verdrängt sind und statt dessen von Geschäftsinteressen beflügelt das angloamerikanische Halloween (all hallow evening) als das Fest des Abends vor Allerheiligen lärmenden Einzug hält. Das im Ursprung keltisch-angelsächsische, heidnische Fest, das heute hauptsächlich in den USA, in Schottland und Wales mit vielen, oft frivolen Bräuchen begangen wird, sollte mit Opfern, Feuer und Maskeraden die Geister, Hexen und Dämonen vertreiben. Die Bräuche gehen auf die alten Druiden zurück, für die der Gott der Toten an diesem Abend Scharen von bösen Geistern herbeirief, die mit großen Feuern abgewertet werden sollten. Die Kelten erforschten an diesem Abend die Zukunft und glaubten, daß die Toten ihre irdischen Wohnstätten wieder aufsuchten.

Darum geht es heutzutage an Halloween auch in Deutschland schön schaurig zu. Die Schüler einer hessischen Gesamtschule trafen sich "halloweenmäßig verkleidet", wurden vom "Grusel-Kosmetik-Team" in grüne Zombies, bleiche Gespenster und picklige Hexen verwandelt, bevor sie in ihre Klassenzimmer gingen, die mit unheimlichen Monstern, kleinen Hexen und furcht- erregenden Skeletten bevölkert waren. Wer mit seiner Bastelarbeit fertig war, konnte sich das Gruselfutter schmecken lassen, das aus "abgehacktem Würstchen-Finger mit Ketchup-Blut" bestand und dazu den Grusel-Fusel mit der appetitlichen Bezeichnung "Eiter-Limonade" trinken. Die lieben Mütter hatten für alles gesorgt. Am Nachmittag klang die große Gruselparty aus - passend zu Halloween im Jugendclub "Youth Cafe". Der junge Österreicher, der am 31. Oktober den Zuruf "Halloween!" als "Hallo Wien!" mißverstand und prompt mit "Hallo Berlin" antwortete, war offensichtlich nicht auf der Höhe der Zeit.

Die Deutschen, froh darüber, daß ihnen das sozialistische "Väterchen Frost" am christlichen Weihnachtsfest erspart geblieben ist, wünschen sich "Happy Birthday" und machen aus ihrem Reformationstag ein Halloween-Spektakel. Martin Luther läßt schön grüßen ...