© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 09. November 2002


Diplomaten im Kampfeinsatz: Moskau macht mobil
In Riga soll ein tschetschenischer Straßenname geändert werden

Rußland hat (wieder) einen langen Arm, wenn es darum geht, eigene Interessen durchzusetzen. Wem das noch nicht klar war, der wurde durch die Reaktionen auf das Moskauer Geiseldrama eines Besseren belehrt.

Nicht genug, daß man in Tsche-tschenien eine neue Offensive zur Vernichtung des Widerstandes der Truppen des gewählten Präsidenten Maschadow plant. Man will die Tschetschenen auch auf diplomatischer Ebene ausschalten und die eigene Darstellung der kaukasischen Kämpfer als "islamistische Terroristen" monopolisieren.

Bereits kurz nach dem Sturm auf das Theater ließ die Regierung Aserbaidschans auf russisches Verlangen eine Vertretung des freien Tschetscheniens schließen. Auch Georgien soll ein vergleichbares Konsulat dichtmachen, widersteht bisher jedoch dem Druck. Selbst Dänemark, das alles andere als eine vorrangige Einflußsphäre der früheren Supermacht darstellt, knickte ein. Am Rande eines großen Tsche-tschenen-Kongresses in Kopenhagen kam es zur Festnahme des Stellvertreters von Maschadow, Achmed Sakajew.

Rußland hatte Dossiers geliefert, die die Verstrickung des eigentlich als gemäßigt geltenden Politikers in die jüngste Geiselnahme beweisen sollen. Tatsächlich geht es wohl darum, diesen wirkungsvollen Mann kaltzustellen. In seinen Händen lag beispielsweise die Internetpräsenz der Widerstandskräfte (kavkaz.org, chechenpress. com), die allerdings vor kurzem von russischen Spezialisten blockiert werden konnte.

Auch in Ostmitteleuropa regen sich die Sachwalter russischer Interessen. In Lettland gab es Ende Oktober eine bemerkenswerte Äußerung des Rigaer Bürgermeisters Gundars Bojars. Er forderte die Rückbenennung einer Straße, der man 1996 den Namen des ersten tschetschenischen Präsidenten Dschochar Dudajew gegeben hatte. Im April desselben Jahres war dieser durch russisches Militär ermordet worden.

In einem Interview für die Nachrichtenagentur BNS betonte Bojars, daß sich sein Land in bezug auf Straßennamen nicht ausländischem Druck beugen solle. Doch beim Bürgermeister selbst zeitigte Moskaus Politik der harten Hand bereits Erfolg. Wörtlich erklärte er: "Ich begreife immer noch nicht, was Dudajew mit Lettland und Riga zu tun haben sollte."

Unwissenheit kann hier nicht am Werke sein, denn die Verdienste des Tschetschenen um das Baltikum sind allgemein bekannt: Dudajew befehligte in der Endzeit des roten Imperiums eine strategische Bomberstaffel in Estland. Offen zeigte er Sympathien für die Freiheitsbewegung der baltischen Völker und tat alles, was in seiner Macht stand, damit die Rote Armee nicht erneut als Unterdrückungsinstrument zum Einsatz kam. Diese mutige Haltung sollte außerhalb jeder Diskussion stehen und ist für die Letten zweifellos von größerer Bedeutung als die sowjetische Raumfahrt, an die Bojars durch eine Rückbenennung in "Kosmonautikas"-Straße erinnern will.

Auch die polnische Politik darf sich auf Moskauer Einmischungsversuche gefaßt machen. Denn das Land ist ein wichtiges Zentrum des tschetschenischen Exils, dessen Anliegen sich in der polnischen Öffentlichkeit breiter Zustimmung erfreuen. Immer mehr Flüchtlinge aus dem Kaukasus kommen hierher, zumal für die Einreise ihre russischen Pässe ausreichen.

Derzeit befinden sich auf polnischem Boden 1800 Tschetschenen in acht speziellen Lagern. Bis zur geplanten Einführung einer Visumpflicht für Bürger der Russischen Föderation am 1. Juli 2003 dürften es noch erheblich mehr werden. Viktor Schäfer