© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 09. November 2002


Deutsche Flüchtlinge in Dänemark
Mit Leif Guldmann Ipsen hat ein Däne über das Lager Oksböl geschrieben

Dänemarks Einstellung zum Zweiten Weltkrieg, in den das Land nur am Rande verwickelt war, ist zwiespältig - jedenfalls für jene Dänen, die über historische Kenntnisse verfügen und sich bemühen, beiden Seiten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ist Dänemark, wie die offizielle Version noch immer lautet, 1940 von Deutschland heimtückisch überfallen worden, oder gab es für Deutschland damals gar keine Wahl, als das Land zu besetzen? Gehörte das Königreich zu den siegreichen Alliierten, obgleich es zwischen Deutschland und Dänemark keinen Kriegszustand gab und eine vor allem aus England geführte Widerstandsbewegung erst spürbar aktiv wurde, als sich die Niederlage Deutschlands abzeichnete? Wie soll man die Tatsache deuten, daß mehr Dänen freiwillig auf deutscher Seite zusammen mit vielen europäischen Kameraden gegen den Bolschewismus kämpften, als in der Widerstandsbewegung tätig waren? Und wer von ihnen stand zumindest aus historischer Sicht eher auf der "richtigen" Seite? Der Zwiespalt, die Unsicherheit und die Doppeldeutigkeit des dänischen Selbstverständnisses schimmern durch fast jede dänische Darstellung aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Deutsche Leser haben nicht selten den Eindruck, daß dänische Autoren Klippen der jüngsten dänischen Geschichte sorgsam umschiffen, daß sie Ereignisse glätten und sich bemühen, alles in rosigem Licht erscheinen zu lassen - jedenfalls in dänischen Augen.

Ein dänischer Offizier, Leif Guldmann Ipsen, hat die Geschichte des größten Lagers für ostdeutsche Flüchtlinge in Dänemark, des Lagers Oksböl, in der Zeit von 1945 bis 1949 geschrieben. Er nennt sein Buch "Menschen hinter Stacheldraht". Wir haben keinen Grund, daran zu zweifeln, daß alles stimmt, was er beschreibt.

Er führt sorgsam aus, wie das Lager entstand, nämlich als Ausbildungslager der deutschen Wehrmacht auf einem Truppenübungsplatz der dänischen Armee, wie es von deutscher Seite vergrößert wurde, wie Baracken erbaut wurden, in denen dann 12.000 bis 15.000 Soldaten untergebracht werden konnten.

Anfang 1945 trafen die ersten Flüchtlingstransporte aus Ost- und Westpreußen in dänischen Häfen ein, weil anders die Menschen vor der Roten Armee nicht in Sicherheit gebracht werden konnten. Die Wehrmacht nahm sie in ihren Liegenschaften auf, so auch im Lager Oksböl. Dann kam die Kapitulation der Wehrmacht. Dänen übernahmen das Lager und machten es zum größten Lager deutscher Flüchtlinge. Der Autor zählt auf, welche gewaltigen Anstrengungen Dänemark machte, um jedenfalls ein Existenzminimum der Flüchtlinge zu sichern, und es kann nicht bestritten werden, daß im Vergleich etwa zu den Lagern, in die Deutsche in von den Polen besetzten Gebieten gepfercht wurden, die Verhältnisse im skandinavischen Land human waren. Hier wurde niemand zu Tode gequält, es wurden keine Frauen vergewaltigt, hier ließ man niemanden verhungern, wie es in polnischen oder tschechischen Lagern gang und gäbe war.

Natürlich war das Lagerleben nicht komfortabel. Das Lager war überfüllt, das Essen in der Anfangszeit außerordentlich knapp. Ungeziefer breitete sich in den überbelegten Baracken aus. Krankheiten grassierten. Die Menschen waren ohne Hoffnung, weil niemand ihnen sagen konnte, wann sie endlich nach Deutschland heimkehren durften. Die Siegermächte hatten die Aufnahme weiterer Flüchtlinge in ihren Besatzungszonen zunächst verboten. Aber die Ostpreußen, Danziger, Westpreußen und Pommern hatten wenigstens ihr Leben gerettet.

Die Flüchtlinge hatte ihre eigene Selbstverwaltung mit Bürgermeister, Lagerpolizei, Schulen, einem kleinen Theater, einer von deutschen Emigranten gestalteten, der Umerziehung dienenden Zeitung. Es muß anerkannt werden, daß das Vier-Millionen-Volk der Dänen sich bemüht hat, nicht nur die 35.000 Flüchtlinge im Lager Oksböl, sondern alle insgesamt 250.000 Flüchtlinge auf dänischem Boden so lange unter einigermaßen humanen Bedingungen über die Zeit zu bringen, bis sie in ihr Vaterland zurück-kehren konnten. Und dennoch bleibt bei der Lektüre auch dieses Buches ein merkwürdiges Gefühl zurück.

Es bleibt der Eindruck, daß es von seiten der Dänen kein Verständnis gab für das Schicksal jener vor den Greueln der bolschewistischen Armee geflohenen Frauen, alten Männer und Kinder. Sie sahen in ihnen weniger die dem Tod oder der Verschleppung entkommenen leidenden Mitmenschen, sondern sie blieben in den Augen der Dänen Feinde.

Die Autor spricht an zwei Stellen von "unschuldig vertriebenen Menschen", und das ist viel angesichts der offiziellen Ansicht der deutschen Bundesregierung, die kaum verdeckt die Meinung vertritt, die Vertriebenen hätten selbst schuld an ihrem Schicksal. Aber man ist traurig, wenn dann der Autor die Bemühungen der Dänen, den Flüchtlingen das Überleben zu sichern, als "undankbare Arbeit" bezeichnet. Wurde für diese Arbeit nicht vielfältig gedankt, trug sie nicht ihren Wert und ihren Dank in sich, wenn durch die dänischen Bemühungen 250.000 Zivilisten das Überleben ermöglicht wurde?

Warum geht der Verfasser nicht ein auf die Tatsache, die jedem Besucher des Flüchtlingsfriedhofes Oksböl sofort ins Auge springt, daß die Anzahl der dort begrabenen Säuglinge und Kleinkinder unverhältnismäßig hoch ist? An einer Stelle klingt es im Buche an, daß Ipsen sehr wohl weiß von der in den letzten Jahren aufgebrochenen Diskussion über das Verhalten amtlicher dänischer Stellen, die dänischen Ärzten und Krankenhäusern verboten hatten, deutschen Flüchtlingen medizinische Hilfe zu leisten, um so zu beweisen, daß Dänemark den Deutschen Widerstand geleistet hat? Den unmenschlichen Anordnungen fielen Tausende von kleinen Kindern zum Opfer, die ohne weiteres hätten gerettet werden können. Der Verfasser schweigt - auch eine Art der Vergangenheitsbewältigung.

Kann man, wie es der Autor tut, die Anlandung von Flüchtlingen, die er als "Überschwemmung" bezeichnet, als "Völkerrechtsbruch" bezeichnen?

Das Buch von Leif Guldmann Ipsen liefert alle sachlichen Informationen über das Lager Oksböl. Es enthält viele Bilder. Ihm fehlt jedes Mitgefühl für die Lage jener Ostdeutschen, wie man es von einem humanistisch und christlich geprägten Menschen erwartet hätte. Trotz allem gebührt den Verantwortlichen Dank, die damals unseren Landsleuten in Dänemark das Überleben ermöglichten.

Hans-Joachim von Leesen

Leif Guldmann Ipsen: "Menschen hinter Stacheldraht - Flüchtlingslager in Oksböl 1945-1949", Verlag des Blavandshuk Egnmuseum, 2002, gebunden, 118 Seiten, viele Fotos und Pläne, 23 Euro, zuzüglich 12 Euro Versandkosten. Lieferung gegen Vorkasse auf Kontonummer 196310005 bei der Syd- bank, Flensburg, BLZ 215 106 00. Bestellungen an Varde Museum, Lundvej 4, DK-6800 Varde.