© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. /  09.November 2002


"Wer aufgibt, verliert"
Ursula Busse aus Schwarzort kämpft um ihr Schiff

Preisfrage: Was liegt im Stralsunder Hafen und ist käuflich? Wissen Sie es? Eingeweihte werden sofort sagen: "Na klar, MS ,Ursula B'." Stralsund prangt als Heimathafen am Heck, und den Steven ziert das Stadtwappen. Dahinter steckt natürlich eine längere Geschichte.

Der schmucke Küstenfrachter ist, seitdem er am 17. Oktober 2001 zwangsweise an der Ballastkiste festgemacht hatte, allmählich zum heimlichen maritimen Wahrzeichen der Hansestadt avanciert. Mit eigener Kraft verholte das Kümo am 26. Juni 2002 zum Liegeplatz 12 am Seehafen-Gebäude. Weil die Pier für Kreuzfahrtschiffe gebraucht wurde.

Nun wartet die immer noch ansehnliche 38jährige Schiffsdame mit dem hellgrauen Rumpf und den weißen Decksaufbauten auf bessere Zeiten. Ein bewegtes Leben liegt hinter ihr. 1964 entstand sie als "Heinrich Knüppel" unter der Bau-Nr. 543 auf der Schiffswerft J. J. Sietas in Hamburg-Neuenfelde, hieß von 1971 bis 1987 "Eduard Kähler" und bis 1995 "Neuenfelde". Ihre Daten: 1011 BRZ, 1185 tdw, 66,20 Meter Länge, 10,57 Meter Breite, 3,96 Meter Tiefgang, 2 Luken, 1 Klöckner-Humboldt-Deutz-Diesel von 368 kW für 11 Knoten Geschwindigkeit (der Autor dieses Beitrages begann übrigens seine seemännische Laufbahn 1965 auf einem Schwesterschiff).

1995 wechselte sie als "Ursula B." zur Reederei Robert & Ursula Busse in Buschenhagen/ Landkreis Nordvorpommern bei Stralsund. "Wir haben immer gerackert", sagt Ursula Busse bescheiden, "und bekamen daher auch den Spitznamen ,Wikinger von Stralsund' verpaßt." In der Hansestadt gebe es keine Reederei, die in so kurzer Zeit so viel aufgebaut hat, sagt man dem fleißigen Ehepaar nach. Die Optimismus ausstrahlende blonde Ostpreußin entstammt der alten Fischer- und Seefahrerfamilie Gutokowski aus Schwarzort auf der Kurischen Nehrung. Zähigkeit, ein starker Wille und fester Zukunftsglaube liegen ihr im Blut. "Geht nicht" gibt es in ihrem Sprachschatz nicht, denn: "Wer aufgibt, verliert."

Elf Jahre fuhr sie mit ihrem Robert, der bis zur Wende als Kapitän bei der weißen Flotte beschäftigt war, zur See. Als "fünfter Mann" war sie auch für sozialpädagogische Aufgaben an Bord zuständig: "Wir haben über acht Jahre milieugeschädigten Jugendlichen familiären Halt gegeben. Mein Mann war väterliches Vorbild, ich so was wie eine Mutter", erzählt sie im gemütlichen Salon der "Ursula B.". Zwölf Kojen bieten genügend Platz für die Jungs. "Sie sind von uns auf den Seemannsberuf vorbereitet worden, haben ihr Praktikum absolviert und fahren heute zum Teil als Schiffs- mechaniker." Der Hamburger Jugendverein "Gangway" und das dortige Jugendamt haben Ursula Busse dabei tatkräftig unterstützt und das Projekt, zu dem auch der Segler "Undine" gehört, mitfinanziert.

Jetzt ist nur noch Sebastian an Bord, der sich vorbildlich um das Schiff kümmert. Vertrauen gegen Vertrauen ist die Devise von Frau Busse, "aber den einen oder anderen hat auch schon mal die Polizei von Bord geholt". Dennoch ist sie überzeugt, daß ihre Krisenprävention die bessere und preiswertere Alternative zum Knast sei. "Unsere Arbeit hat mich jeden Tag neu aufgebaut", strahlt die Powerfrau, die sich jetzt auch noch in Neubrandenburg zur Erzieherin ausbilden läßt.

Vorerst liegt alles auf Eis, so fest wie das Schiff an der Pier. Ungünstige Umstände wie der zu hohe Kaufpreis für den Frachter, auf dem jetzt die Bank ihre Hand hat, die schwere Krankheit ihres Mannes, ein preisinflationärer Markt, Futterneid und anstehende Reparaturen haben einen Schuldenberg aufgebaut, der zur Stillegung geführt hat. Die "Ursula B." sei zwar fahrfähig, aber nicht fahrberechtigt, weil die "Klasse" fehle, sozusagen der TÜV durch den Germanischen Lloyd. 40.000 bis 60.000 Euro verlange eine Swinemünder Werft für die Auswechslung von Bodenplatten sowie technische Spezialarbeiten, halb so viel wie in Deutschland. Erst dann können die Busses an einen Verkauf denken, aber: "Eigentlich wollen wir nicht aufgeben, sondern das Schiff am liebsten in eigener Regie weiterbetreiben."

Ein Investor sprang kurzerhand ab, nur der Hafen Schwedt/Oder zeigt noch Interesse. Und das Theater Vorpommern in Stralsund. "Wenn alles klappt, dann wird unser Schiff im nächsten Jahr Kulisse für die Lortzing-Oper ,Zar und Zimmermann' an der Ballastkiste." Das bringe so viel ein wie Fracht. Auch Hafenchef Wolfgang Ostenberg ist angetan von dieser Bereicherung und bietet seine Hilfe an, denn "das Schiff paßt optisch und touristisch zu unserer Meerstadt". Peer Schmidt-Walther

Engagierte Frau: Ursula Busse vor ihrem Schiff im Stralsunder Hafen Foto: PSW