© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 09. November 2002


Eine Stadt liest ein Buch
Ganz Hamburg hat sich mit einem Roman von Siegfried Lenz beschäftigt

Nicht alles, was aus Übersee nach Europa kommt, ist oberflächlich und somit abzulehnen. In Seattle/USA machte man sich zunächst als Werbegag daran, gemeinsam ein Buch zu lesen. Die Idee fand begeisterte Zustimmung. Mehr als 40 amerikanische Städte folgten schließlich diesem Beispiel. Das englische Leeds war nun Vorreiter für diese Idee in Europa. Im März dieses Jahres las man dort Patrick Süskinds Roman "Das Parfüm". Jetzt ist auch Hamburg diesem Vorbild gefolgt und hat sich unter dem Motto "Eine Stadt liest ein Buch" Anfang November mit einem Roman ihres Ehrenbürgers Siegfried Lenz beschäftigt.

Die Aktion der Kulturbehörde der Hansestadt Hamburg, des Verlags Hoffmann und Campe, der das Werk von Lenz seit mehr als 50 Jahren betreut, der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen und der Behörde für Bildung und Sport sollte die Bürger der Stadt miteinander verbinden. So sollte das gemeinsame Leseerlebnis die Menschen zueinanderbringen, im Austausch oder auch in der Diskussion. "Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns", zitierte die Hamburger Kultursenatorin Dana Horakova Franz Kafka bei der Vorstellung dieser Aktion. Im Verlag Hoffmann und Campe ist eigens aus diesem Anlaß der Roman "Der Mann im Strom" wieder herausgekommen, den Siegfried Lenz dort bereits 1957 veröffentlichte (224 Seiten, geb. mit farbigem Schutzumschlag, Sonderpreis 10 a).

Der aus dem ostpreußischen Lyck stammende Lenz hat mit diesem Roman nicht zuletzt auch eine Hommage an Hamburg geschrieben, an die Stadt, in der er nach dem Zweiten Weltkrieg Unterschlupf fand und die er ganz besonders liebt. Mit seinen eindringlichen Schilderungen des Ham- burger Hafens, der Mitte der fünfziger Jahre noch zu großen Teilen in Trümmern lag und wo das Leben erst erwachte, packt er auch heute noch seine Leser. Wie ein Maler mit kräftigem Pinselstrich setzt Lenz an, die Konturen festzuhalten, die das Wesen einer solchen Industrielandschaft ausmachen. Man meint das Öl und die Elbe zu riechen, man meint auch das Schlagen der Hämmer zu hören, mit denen die Männer Wrack-teile auseinanderschlagen, das Tuckern der Boote, die Taucher zu den Stellen bringen, wo die Wracks des Krieges liegen und wo sie geborgen werden müssen. Einer dieser Taucher ist Hinrichs, ein Mann aus dem Osten mit zwei Kindern. Hinrichs ist eigentlich zu alt für diesen Beruf, und so fälscht er seine Papiere. Ein Entschluß, der Folgen hat und der Hinrichs an den Rand des Verderbens bringt. "Der Mann im Strom" ist ein spannendes Buch um das Altwerden, um die Auseinandersetzung zwischen Jung und Alt, zwischen Gut und Böse, ein Buch, das auch heute noch so aktuell ist wie 1957. Silke Osman Siegfried Lenz: Seit Kriegsende lebt der Ostpreuße aus Lyck in Hamburg Foto: dtv