© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 09. November 2002


Weltmacht süss-sauer
Von düsteren Attacken, dünnen Pamphleten und dem netten Herrn Motassadeq
Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

Er kommt im Schutze der Dunkelheit daher, umschleicht unsere Häuser, durchstreift in wüster Maskierung die Straßen deutscher Städte. Unschuld mimend, in Kinderschühchen huscht er heran - der amerikanische Kulturimperialismus in seiner neuesten, gemeinsten Variante. "Halloween", dieser zum amerikanisch-banalen Kon sumereignis verkümmerte keltische Brauch, hat - wer kann es fassen - seinen Fuß in germanische Erde gekrallt.

Als uns vor Jahren die ersten kleinen kostümierten Trupps "Häppie Hällowiin" hinterherriefen, hielten wir den Auftritt noch für eine abgeschmackte Modeerscheinung, die so schnell vorbei geht wie die penetranten Werbeaktionen von McDonalds. Da kannten wir die Amis schlecht. Zäh und verbissen ritt gerade jene Matschbrötchenkette auf den spaßigen Vorzügen des "Events" herum, bis unsere lieben Kinder den Kram endlich gefressen hatten. Jetzt haben wir den Salat.

"Süßes! Sonst gibt's Saures!" nuscheln die beiden Kleinen im Hausflur. Ziemlich schüchtern kommt das herüber, die Knirpse sind sich ihrer Sache offenbar keineswegs sicher. Was soll man machen, sieht doch alles ganz niedlich aus! Den deutschen Tan- nenbaum hat ja auch die ganze Welt übernommen, ohne gleich "germanisiert" zu werden. Und dennoch bleibt ein fader Nachgeschmack. Es ist schließlich etwas anderes, ob ein Volk dem anderen bei wirklich heiligen Bräuchen über die Schulter guckt und einiges davon in die eigene Tradition einfügt oder ob Seifenopern und Schnellrestaurant-Konzerne Einheitsbräuche über die Welt kippen.

Am Anfang war alles so klar wie die Sonne über dem spanischen Exil des zurückgetretenen FDP-Vize Möllemann: Heimlich, still und leise hatte der gefürchtete Münsteraner hinter dem Rücken seiner Partei ein "antiisraelisches" Flugblatt nächtlings in die Briefkästen von Nordrhein-Westfalen bugsieren lassen. Pfui Teufel! So die Legende aus dem FDP-Hauptquartier. Durchgesickert bis in den letzten Winkel des Vaterlandes ist unterdessen: Die Nachricht von dem Flugblatt ging seit dem 6. September, Wochen vor der Verteilung, kreuz und quer durch die FDP - bis ins Büro von Guido Westerwelle. Die ganze Aufregung war wohl geheuchelt. Peinlich.

Für die Finanzierung der Aktion interessiert sich mittlerweile ganz Deutschland. Niemand indes beugt sich noch über die Frage, was nun eigentlich in dem schrecklichen Pamphlet stand.

Wir holen dies hiermit nach und zitieren wörtlich den Text des gescholtenen Wurfzettels: "Jürgen W. Möllemann setzt sich seit langem beharrlich für eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts ein: Mit sicheren Grenzen für Israel und einem eigenen Staat für die Palästinenser. Israels Ministerpräsident Ariel Sharon lehnt einen eigenen Palästinenserstaat ab. Seine Regierung schickt Panzer in Flüchtlingslager und mißachtet Entscheidungen des Uno-Sicherheitsrates."

Und weiter lesen wir, ungeduldig nach dem Skandal spähend: "Michel Friedman verteidigt das Vorgehen der Sharon-Regierung. Er versucht, Sharon-Kritiker Jürgen W. Möllemann als antiisraelisch und antisemitisch abzustempeln. Von diesen Attacken unbeeindruckt, wird sich Jürgen W. Möllemann auch weiterhin engagiert für eine Friedenslösung einsetzen, die beiden Seiten gerecht wird. Denn nur so kann die Gefahr eines Krieges im Nahen Osten gebannt werden, in den auch unser Land schnell hineingezogen werden könnte."

Zum Schluß ein Aufruf, FDP zu wählen. Das ist schon alles. Kein "Tötet Israel"-Geschrei, keine düsteren Andeutungen irgendwelcher Weltverschwörungen, nichts dergleichen. Ja, schon - etwas einseitig ist der Text sicherlich, aber "antiisraelisch", gar "antisemitisch"? Der Philosoph Peter Sloterdijk wies am Sonntag auf ein erstaunliches Phänomen hin: Je spürbarer der Antisemitismus in Amerika und Europa in den vergangenen 20 Jahren (wissenschaftlich nachgewiesen) abgenommen habe, desto heftiger sei die Furcht vor ihm gerade in diesen Regionen gewachsen.

Mounir El Motassadeq treibt seine Ankläger im Hamburger El-Kaida-Prozeß an den Rand der Verzweiflung. Alles, was sie ihm an verdächtigen Auffälligkeiten in seinem Leben unter die Nase halten, fegt der eloquente Marokkaner mit dem Hinweis auf gewöhnliche "muslimische Gepflogenheiten" vom Verhandlungstisch.

Die Islam AG an der Harburger Uni - angeblich Keimzelle der deutschen Terrorfiliale? Nur ein Gebetsklub. Die Besprechungen mit Mohammed Atta und anderen danach? Es sei üblich, nach dem Gebet noch ein wenig zu plaudern. Das von ihm mitunterzeichnete Testament Attas? Moslems hätten so was im Ausland immer dabei. Die Kündigung von Attas Wohnung durch Motassadeq, die Geldtransfers in seinem Namen? Tja, Moslems sind eben echte Kumpels, die helfen einander. Sogar die Schießausbildung im afghanischen El-Kaida-Lager kann Motassadeq leichthändig erläutern: Moslems müßten schießen lernen. Aber daß ausgerechnet Mohammed Atta dabei an seiner Seite war? Kismet!

Das alles bringt der Marokkaner in geschliffenem Deutsch über die Lippen, manchmal sogar humorvoll, wie Prozeßbeobachter beeindruckt berichten. Ein richtig netter Mitbürger also, nur daß er halt ein paar religiöse Farbtupfer mit in unser Land brachte, vielleicht auch eine gewisse Abneigung gegen zu hoch geratene Gebäude oder, ganz allgemein, gegen "Ungläubige". Aber was ist das schon gegen die kulturelle Bereicherung, die er und die Seinen diesem vormals so tristen Deutschland bereitet haben.