© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 14. Dezember 2002


Das Spiel von Licht und Schatten
Vor 125 Jahren wurde der Graphiker Berthold Hellingrath geboren

Die Kunst des Weglassens und das Spiel von Licht und Schatten rühmen Kenner beim Betrachten seiner Radierungen. Es mögen die alten Häuser seiner Vaterstadt Elbing, von Danzig und Dresden gewesen sein, die den jungen Berthold Hellingrath veranlaßten, Graphiker zu werden. Als Sohn eines Rheinländers und einer Schlesierin wurde er vor 125 Jahren, am 27. Oktober 1877, in Elbing geboren. Danzig aber sollte seine eigentliche Heimat werden, dort wuchs er auf, dort besuchte er das Realgymnasium St. Johann im ehemaligen Franziskanerkloster an der Fleischergasse. Im gleichen Gebäude befand sich auch das Städtische Museum, und mit Sicherheit kam der junge Berthold dort schon mit den schönen Künsten in Berührung. Bereits als Kind suchte er manchen stillen Winkel der Stadt auf, um dort zu zeichnen. Aber auch am Hafen, bei den Stauerleuten, fand er seine Motive. Kein Wunder also, daß Hellingrath sich zum Künstler ausbilden ließ. Zunächst besuchte er die Kunstschule in Danzig, wo er allerdings - dem Brauch der Zeit entsprechend - nach Gipsmodellen zeichnen mußte, was ihm gar nicht gefiel. So ging er dann auf die Gewerbeschule, wo er das Zeichnen und Malen nach der Natur erlernen konnte. In München und Dresden ließ er sich in der Kunst des Radierens unterweisen, eine Kunst, die er bald zu wahrer Meisterschaft führen sollte. Auf der Dresdner Akademieausstellung erhielt er schließlich als erste Auszeichnung die silberne Medaille. Vor allem der Direktor des Dresdner Kupferstichkabinetts Singer lobte seine Radierungen.

In Dresden richtete sich Hellingrath ein eigenes Atelier ein, doch ging er auch oft auf Reisen, um dort die verschiedensten Motive "einzufangen". Von Kiel über Stralsund bis Königsberg und Memel, von Thüringen bis in die Sächsische Schweiz, von Amsterdam bis London führten ihn seine Reisen. Auch nach Elbing kehrte er wieder zurück, nach Thorn, Stargard, Graudenz und Marienburg. Reizvolle Motive aus allen diesen Städten hielt er mit seiner Radiernadel oder der Feder fest. Doch auch profane Werke schuf der Elbinger, so zeichnete er während der Inflation das erste Notgeld - vom 50-Pfennig- bis zum Billionenschein - und die ersten Danziger Briefmarken. Nicht zuletzt auch durch die Lage während der Inflation beeinflußt nahm Hellingrath schließlich einen Lehrauftrag in Hannover an. An der Technischen Hochschule unterrichtete er ab 1925 Architekturmalerei, Anatomie, Proportionslehre, Freihandzeichnen für Bauingenieure, Landschaftszeichnen und Aquarellieren, später auch Figuren- und Aktzeichnen. 1928 wurde er zum Honorarprofessor ernannt.

Seine Studenten schätzten ihn. Er hatte die Gabe, sie "das richtige Sehen zu lehren, auch aus den unscheinbarsten Plätzen viel herauszuholen und aus jedem Motiv eine Neuschöpfung zu machen", wie H. Hermann-Nepolsky einmal im Ostpreußenblatt schrieb. "Dabei wurde der Unterricht sehr frei gehandhabt; jeder konnte arbeiten, wie er wollte. Auf Studienfahrten, wie nach Rom, Florenz, Venedig und Capri, liebte es Hellingrath gar nicht, wenn Fotos gemacht wurden: das Skizzenbuch war ihm die Hauptsache, denn nur ‚was man gezeichnet hat, hat man in sich aufgenommen', pflegte er zu sagen." Neben Radierungen schuf der Elbinger auch viele Aquarelle, Tempera- und Ölbilder, darunter Stilleben, Porträts, Architekturen und Landschaften. Auch einzelne bildhauerische Arbeiten sind erwähnt, Porträtbüsten, die allerdings nur Episode blieben. Vieles ging im Zweiten Weltkrieg verloren, als sein Haus in Hannover ein Opfer der Bomben wurde. Krankheit und Operation machten den Traum von einem geruhsamen Lebensabend zunichte. Berthold Hellingrath starb am 15. Dezember 1954 an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Os

Berthold Hellingrath: Werft am Elbingfluß (Federzeichnung)