© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 21. Dezember 2002


Sieger der Geschichte
Geliebt, gehaßt, geachtet und geschmäht: Ein Kollege erzählt aus dem Leben von Gerhard Löwenthal

Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. Ein Fernsehjournalist fragte den früheren Stasi-Chefspion Markus Wolf, Jahre nach dem Mauerfall, wen er am meisten hasse. Wolf erwiderte, ohne nachzudenken: "Gerhard Löwenthal!"

Die Geißel des 20. Jahrhunderts, das lehrte ihn die eigene, bittere Erfahrung, war der Totalitarismus. Den braunen hatte Gerhard Löwenthal knapp überlebt, da nahm der Sohn jüdischer Eltern den Kampf gegen jene Tyrannei auf, die übriggeblieben war: den Kommunismus. Unser Autor arbeitete über viele Jahre Seite an Seite mit ihm für das "ZDF Magazin", das den am 6. Dezember verstorbenen Löwenthal zum Lichtblick in der Finsternis für die einen, zum Feindbild schlechthin für die anderen machte.

Nie vergessen werden ihn die zahllosen Deutschen aus der DDR, die durch seine Aktion "Hilferufe von drüben" in die Freiheit gelangten.

von Fritz Schenk

Es war Ende der siebziger Jahre. Wir kamen am späten Nachmittag aus den Schneideräumen, wo wir die Beiträge für das nächste ZDF Magazin zusammengestellt und sendefertig gemacht hatten. Der Rückweg in die Redaktion führte an der Kantine vorbei. Da der Tag noch lang werden würde, wollten wir noch schnell etwas essen.

Die Kantine war fast leer. An einem Seitentisch saß allein Jochen Müthel, der damalige Redaktionsleiter und Moderator des ZDF-Länderspiegel. Noch während wir unser Essen bestellten, schlang Jochen seine letzten Happen förmlich hinunter, zahlte eilig und verabschiedete sich umgehend mit der Entschuldigung dringender Termine. Nachdem auch wir wenig später wieder an unseren Schreibtischen saßen, es mittlerweile auf die zwanzig Uhr zuging und die meisten Mitarbeiter das Haus längst verlassen hatten, kam Müthel noch "auf einen Sprung" zu uns herein. "Ihr müßt entschuldigen, daß ich mich vorhin so schnell aus dem Staub gemacht habe", war seine Einleitung, "aber wenn ich länger mit euch zusammengesessen und gequatscht hätte, bekäme ich in meinem Laden den allergrößten Ärger."

So war das damals. Dabei war Jochen Müthel ein gestandener Mann gewesen, hatte 1946 an der Uni Jena gegen die Zwangsvereinigung von SPD und KPD gekämpft, war zusammen mit seiner Frau Eva zu vielen Jahren Zuchthaus verurteilt und erst 1954 im Zusammenhang mit der Berliner Außenministerkonferenz der Alliierten nach sechs Jahren schwerster Haft entlassen worden. Wir hatten an diesem Abend noch geraume Zeit mit ihm zusammengesessen, waren politisch einer Meinung, aber Müthel war in seiner redaktionellen Umgebung schon wieder in die "innere Emigration" gegangen, wie er es nannte, weil er den permanenten "Druck der Linken" satt habe.

Diese Form von "Ausgrenzung" kannten wir selber auch. Gerhard Löwenthal, als überlebender Jude des NS-Regimes, erfuhr sie nun schon zum zweiten Mal in seinem Leben.

Das hatte bereits nach dem Antritt der ersten "sozial-liberalen" Koalition unter Brandt und Scheel Anfang der siebziger Jahre begonnen. Während die Mehrheit der Presse - und das damals nur öffentlich-rechtliche Fernsehen ausschließlich - in einen einmütigen Chor der Bewunderer der sogenannten "neuen Ost- und Deutschlandpolitik" einstimmte, war Löwenthal zunächst nur auf Distanz gegangen. "Entspannung, Normalisierung und Friedenssicherung" sollte diese Politik bringen. Und entsprechend seinem Berufsverständnis von kritischer Begleitung und "Hinterfragung" der amtlichen Politik durch die freie Presse meldete er Zweifel an. Diese drängten sich besonders hinsichtlich der Lage der Menschen hinter dem Eisernen Vorhang auf. Wo "entspannte" und "normalisierte" sich auch deren Lage? Was überhaupt verstehen die westlichen Regierenden unter "entspannt und normal"?

Noch stärker drängten sich diese Fragen nach der Aufnahme der DDR in die Vereinten Nationen 1973 und der KSZE-Konferenz von Helsinki 1975 auf, als Ost-Berlin nicht nur die UN-Grunddokumente, sondern in Helsinki auch die Schlußakte mit dem berühmten "Korb III" (Reisefreiheit, d. Red.) unterzeichnet und ratifiziert hatte.

Als am 1. August 1975 Honecker den Fehler beging, die Schlußakte im vollen Umfang im Neuen Deutschland veröffentlichen zu lassen, brach ein Damm. Uns erreichten ungezählte Briefe aus der DDR, in denen Betroffene schilderten, in welche politische Bedrohung sie allein dadurch gekommen waren, daß sie bei den DDR-Behörden anfragten, wo denn die Anträge für die nun nach dem "Korb III" zulässigen Westreisen zu stellen seien. Dies war der Beginn der Rubrik "Hilferufe von drüben" in unserer Sendung. Da es obendrein gelang, den meisten, deren Fälle im ZDF Magazin vorgetragen wurden, zur Ausreise zu verhelfen, und diese dann auch regelmäßig in der Sendung zu Wort kamen, wurde Löwenthal zur Inkarnation des "Kalten Kriegers" schlechthin. Nun ging er nicht nur den Kommunisten auf die Nerven, sondern auch der westdeutschen Administration, die sich der von ihr mit losgetretenen Lawine der mitteldeutschen Reise- und Ausreisebegehren nicht mehr erwehren konnte.

Dies war zugleich der Beginn des RAF-Terrorismus. Mit den Morden an Bubak, Ponto und Schleyer waren auch Gerhard Löwenthal und das ZDF Magazin mit in die Zielrichtung dieser Mörderbande geraten und in "Sicherheitsstufe I" eingereiht. Mehr als ein Dutzend Mal haben wir unter strengster Absperrung und Bewachung durch die Sicherungsgruppe des BKA gesendet. Es ehrt Löwenthal, daß er über die Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit in diesen Jahren kaum je ein Wort verloren hat. Nach der Wende gaben meterlange Ordnerbände der Stasi Aufschluß darüber, in welchem Maße und mit welchen Methoden auch die "Firma Mielke" versucht hat, die "Feindzentrale ZDF Magazin" zum Schweigen zu bringen. Bedrückend, wie viele westdeutsche "Kollegen" ihr dabei zugearbeitet haben. Sie spielen heute die Unschuldigen, die "unwissentlich abgeschöpft" worden seien. Auch das nahm Löwenthal eher gelassen hin, seine bereits im "Dritten Reich" entwickelte Sensibilität gegenüber "falschen Freunden" hatte ihn immer rechtzeitig erkennen lassen, wo Vorsicht geboten ist.

Neben dem Kampf um die Menschenrechte, den er immer als Kampf empfunden und wahrgenommen hat, war er auch bei dem zweiten Thema der vermeintlich neuen Ostpolitik ein "Wadenbeißer" gewesen, nämlich dem der "Entspannung und Friedenssicherung". Während die "Sozial-Liberalen" die Friedensschalmeien bliesen, hat Löwenthal ihnen unter die Nase gerieben, in welchem schier unvorstellbaren Ausmaß der Osten aufrüstet. Im Ringen um die Nachrüstung gegen die sowjetischen Mittelstreckenraketen hat er sowohl auf der Seite von Helmut Schmidt wie - nach dessen Scheitern und dem Regierungswechsel von 1982 - auf der von Kohl und Genscher gestanden.

Neben der konsequent kritisch-ablehnenden Haltung gegenüber den roten Diktaturen und dem Sozialismus im Grundsätzlichen, hat ihm vor allem das Thema militärische Sicherheit das Etikett des "schwarzen Pendants" zu den vielen rötlichen bis roten anderen Fernsehmagazinen eingetragen, verstanden als "Speerspitze der Union" in der deutschen Fernsehlandschaft. Das verkennt total, daß Löwenthal von keiner Partei oder Interessengruppe zu vereinnahmen war. Schon gar nicht wäre es möglich gewesen, daß er Sendungen oder auch nur Beiträge gewissermaßen als "Lohn- oder Gefälligkeitsaufträge" für irgend jemanden gesendet oder geschrieben hätte. Der Vielleser und Dauerinformant wollte es immer genau wissen. Wer informieren will, muß zunächst selber informiert sein, lautete seine Grunddevise. Vom "Hörensagen" oder von "Zugestecktem aus zweiter Hand" ließ er sich nicht beeindrucken. Wohl aber konnte solches ihn zu sehr intensiven Recherchen reizen, und wenn er dann ranging, durfte man sicher sein, daß er fündig wurde.

Bei den "großen Affären" (Steiner/Wienand, Guillaume, Pauls-Telegramme, Moskauer Protokollnotizen, Barschel - wer kann sich heute überhaupt noch daran erinnern?) waren seine Belege astrein. Selbstverständlich hat ihm das wenig Freunde geschaffen.

Und als er auch Helmut Kohl mehr und mehr auf die Nerven ging mit der Frage, wo denn die versprochene "geistig-moralische Wende" bleibe, knickten immer mehr dem schwarzen Flügel des ZDF-Fernsehrates zugerechnete Mitglieder ein, sehnten förmlich seinen Pensionstermin herbei und machten nur ein Vierteljahr nach seinem Weggang in den "Unruhestand" (der es bis zuletzt geblieben ist) dem ZDF Magazin den Garaus. Es war und bleibt sein Verdienst, daß er diese Sendung zur dominierenden politischen des Fernsehens der siebziger und achtziger Jahre gemacht hat und daß sie daher auch fünfzehn Jahre nach ihrer Eliminierung noch als "Löwenthal-Magazin" ein Begriff in der deutschen Publizistik ist - auch über seinen Tod, zwei Tage vor seinem 80. Geburtstag, hinaus. n

 

Nach dem Mauerfall wurde er zum wandelnden schlechten Gewissen all derer, die sich offen oder verdeckt dem SED-Regime angebiedert, ja angedient hatten: Gerhard Löwenthal bei einer Talkshow von Radio Bremen 1988 - als DDR-Kritiker noch als "Revanchisten" und "kalte Krieger" diffamiert wurden Foto: dpa

 

Gerhard Löwenthal wurde am 8. Dezember 1922 als Sohn eines jüdischen Fabrikanten in Berlin geboren. Nach unbeschwerten Kindheitsjahren erlebte er als Heranwachsender den zunehmenden nationalsozialistischen Terror, den er "wie durch ein Wunder" - so seine eigenen Worte - überlebte. Nach dem Krieg nahm er ein Medizinstudium auf, zunächst in Ost-Berlin an der Humboldt-Universität, dann an der FU im Westteil. Daneben hatte er schon 1945 als Journalist gearbeitet; diese "Nebentätigkeit" sollte zum beruflichen Lebensinhalt werden. Bis 1957 arbeitete er für RIAS und SFB. 1959 übernahm er die Leitung der Abteilung "Wissenschaftliche Information" bei der OECD in Paris, von 1963 bis 1969 leitete er das ZDF-Studio in Brüssel. Am 1. November 1969 erschien er erstmals als Moderator des ZDF Magazins auf dem Bildschirm, das er bis zur Zwangspensionierung 1987 leitete. Für diese Tätigkeit, insbesondere die Aktion "Hilferufe von drüben", nahm er zahlreiche Auszeichnungen entgegen, zum Beispiel das Bundesverdienstkreuz, die "Goldene Kamera" und den Konrad-Adenauer-Preis für Publizistik. jahrelang war er auch Vorsitzender der Deutschland-Stiftung, bis er auf Betreiben Helmut Kohls aus dieser Organisation eliminiert wurde. H. J. M.