© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 04. Januar 2003


Bulgarien: Das etwas andere Dorf
Schwäbische Kultur zwischen Donau und Balkan
von Louis v. Valentin

Nach Ansicht des Zaren Boris III. (1918-43), der vor vielen Jahren Bardarski-Geran besuchte, ist es das schönste Dorf Bulgariens. Viele andere bedeutende Persönlichkeiten sind derselben Meinung, weshalb kein Geschäfts- oder Vergnügungsreisender in diese Gegend kommt, ohne einen Abstecher in den Ort zu machen.

Bardarski-Geran verdient diese Aufmerksamkeit in vollem Maße. Es stellt einen Dorftyp dar, wie man ihn sonst nirgends im Land findet. Natur und Kultur wetteifern an seiner Verschönerung. Die Siedlung liegt sehr abgelegen auf der ausgedehnten Hochebene zwischen Donau und Balkan in Nordbulgarien, 25 Kilometer von der Donauhafenstadt Orjechovo im Norden und 140 Kilometer von Sofia im Süden entfernt. Nur ein einziger kleiner Weg verbindet den Ort mit dem Städtchen Bjala Slatina.

Die Einwohnerzahl beläuft sich auf 2360, darunter zwei deutsche Frauen - Maria Dauerbach und Franziska Welsch - mit ihren bulgarischen Ehemännern und den Kindern. Die meisten Bewohner sind Nachfahren der "Banater Bulgaren", so genannt, weil sie einst aus diesem Teil des alten Ungarn hierher übergesiedelt sind. Die gesamte Bevölkerung ist katholisch, was im orthodoxen Bulgarien höchst ungewöhnlich ist.

Werden die Deutschen aus Bardarski-Geran nach ihrer Heimat gefragt, fällt wiederum der Name Banat. Dieses Gebiet war nach 166jähriger Türkenherrschaft durch den Frieden von Passarovitz (21. Juli 1718) erneut Österreich-Ungarn zugeteilt worden.

Um das verwilderte und fast entvölkerte Land der Kultur zurückzugewinnen, erließ die Wiener Regierung in Deutschland, Italien und Spanien eine Einladung zur Kolonialisierung des Landes. Es wurde eine spezielle Kommission eingesetzt, welche den Einwanderern Pässe verschaffte und nähere Anweisungen gab.

Jedem Ansiedler wurden damals drei Gulden Reisegeld bis Ofen und weitere drei für die Reise ins Banat übergeben. Jene Deutschen, die dem Aufruf Folge leisteten, kamen aus Bayern, dem badischen Schwarzwald, Elsaß-Lothringen und Tirol. Schwierigkeiten blieben den Kolonisten natürlich nicht erspart, als es galt, neue Heimstätten zu gründen und sich Existenzmöglichkeiten zu schaffen. Wohl in mancher schweren Stunde mögen ihre Gedanken in die ferne Heimat zurückgeeilt sein. Aber Fleiß, Arbeitswille und zähe Ausdauer halfen die Hindernisse zu überwinden. Bald schon besaßen die Deutschen im Banat blühende Kolonien.

Neue Probleme entstanden infolge der starken Bevölkerungszunahme. Die dadurch bedingte Notlage und mißliche Familienumstände veranlaßten einige der Siedler, wie ihre Vorfahren zum Wanderstab zu greifen und in Bulgarien ein neues Glück zu suchen.

Am 17. April 1893 zogen aus den Dörfern Denta, Schaag, Gyertiamos, Homolitza, Stamora und Berg in der Temeschwarer Gegend sieben deutsche Familien donauabwärts bis Orjechovo. Am 19. April kamen sie nach vielen Entbehrungen in Bardarski-Geran an.

Was fanden sie dort? - Ein armseliges, seit zehn Jahren bestehendes Dorf, besiedelt von Banater Bulgaren, die sich während der Türkenherrschaft dorthin geflüchtet hatten und nach der Befreiung Bulgariens wieder in ihr Mutterland zurückgekehrt waren.

Als Wohnstätten dienten Erdhütten. Es gab weder Haus noch Zaun, sondern nur ein einziges Gebäude: ein Wirtshaus mit Zimmer und Küche. Die heimat- und obdachlosen Deutschen suchten nun Unterkunft teils in bulgarischen Hütten, teils in Schuppen. Vier Familien fanden eine erste Aufnahme in einem Raum, den sie mit 21 Gänsen teilen mußten.

Immer mehr Deutsche waren im Laufe der Jahre nach Bardarski-Geran gekommen. Die Zahl der Familien stieg auf 95. Zwei Wohnviertel ("machali") entstanden: auf der einen Seite die Donauschwaben aus dem Banat und auf der anderen die Banat-Bulgaren. Einige, denen das

Glück weniger hold war, zogen nach Amerika oder in benachbarte bulgarische Dörfer wie Gostilia, Assenovo und Gorna-Mitropolija, um dort als Pächter den Lebensunterhalt zu verdienen.

Die anderen übernahmen in Badarski-Geran mit ihrem Wissen und ihrem Fleiß die Regie. Als erste hatten sie in Bulgarien den Stahlpflug eingeführt und verhalfen der Landwirtschaft zu einer bis dato unbekannten Leistungskraft.

Wie eingangs erwähnt, gehörten diese Deutschen der römisch-katholischen Kirche an. Sie besuchten gemeinsam mit den Bulgaren den katholischen Gottesdienst, der in Ermangelung einer Kirche in einem Zimmer der bulgarischen Pfarrwohnung gehalten wurde. Die Priester, die in den ersten Zeiten im Dorf predigten, waren des Deutschen nicht mächtig.

Als dann im Jahre 1894 der polnische Priester H. H. Paul Kobilski als Pfarrer nach Bardarski-Geran kam, konnte den Bedürfnissen der Neusiedler mehr Rechnung getragen werden. Fortan gab es einen gesonderten Gottesdienst mit deutschen Liedern. In den 1930er Jahren wurde sogar eine eigene katholische Kirche errichtet, erstmals eine Orgel und ein Harmonium eingeführt sowie ein Männer- und ein Mädchenchor gegründet. Die deutschen Kinder besuchten für lange Zeit nur die bulgarische Schule. Damit sie sich auch die notwendigsten Kenntnisse der Muttersprache aneignen konnten, gab es deutsche Stunden. Das war allerdings kein regelmäßiger Unterricht.

Einheitliche Lehrbücher fehlten. Die Schüler benutzten einfach das, was man zu Hause an Lesematerial besaß. Als große Tafel diente das Nudelbrett aus des Schulmeisters Küche. Die Reihen der Schüler waren bunt gemischt: Kinder und Eltern, Herren und Knechte. Unterrichtsfächer waren Lesen, Schreiben, Rechnen und Singen. Ab den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts gab es dann auf dem Kirchengelände auch eine deutsche Schule. Der außerdem durchgeführte Nachhilfeunterricht bedeutete für Bulgarien ebenso eine Pioniertat wie die landesweit erste Gründung eines Kindergartens.

Insgesamt war die Ausbildung so mustergültig, daß wohlhabende bulgarische Familien aus der Umgebung ihre Kinder eigens in die deutsche Schule von Badarski-Geran schickten.

Politischen Einfluß hatten die Deutschen jedoch lange keinen. Sie wurden als Ausländer betrachtet, waren nicht militärdienstpflichtig, konnten aber freiwillig in die Armee eintreten. Während des Ersten Weltkrieges dienten sie im österreichisch-ungarischen Heer. Als die bulgarischen Deutschen danach ihr Heimatrecht im Banat verloren, das auf das siegreiche Serbien und Rumänien aufgeteilt worden war, wurden sie notgedrungen zu Bürgern des neuen Heimatlandes.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges gab es dann auch hier eine Fluchtbewegung nach Deutschland, wo man sich in Renningen bei Stuttgart niederließ. In Badarski-Geran bewohnen jetzt Aussiedler aus den bulgarischen Kolonien Rumäniens die deutschen Häuser. Die Kirche ist längst geschlossen und steht da als zerfallenes Zeugnis vergangener Blüte.

Dieser Artikel basiert auf Information von Prof. Dr. Gerd-Winand Imeyer, Honorarkonsul Bulgariens in Deutschland.