© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 22. Februar 2003


Plädoyer für Schloss Holstein
Christian Papendick hält des Jagdschlosses Erhalt für vorrangiger als den Wiederaufbau des Stadtschlosses

Seitens der Stadtverwaltung der ostpreußischen Hauptstadt gibt es offensichtlich Überlegungen, das Königsberger Schloß wiederaufzubauen. Derartige Gedankenspiele von russischer Seite lehren heute alte Ostpreußen das Staunen. Noch weiß man nicht, was und wer dahintersteckt, und man zweifelt nach der brutalen Sprengung der damals noch nicht total zerstörten Schloßruine, ob das einen Sinn ergibt. Daß nach dem Untergang des real existierenden Sozialismus in Königsberg nun inmitten dieser damals entstandenen schrecklichen Betonwüste - die als Stadtmodell in Europa nicht ihresgleichen hat - ausgerechnet das alte Ordensschloß aus seiner Versenkung wieder emporsteigen soll, klingt ziemlich absurd. Genau wie der heute noch einsam auf der Kneiphofinsel wieder im Aufbau befindliche Dom nach einer ihm gemäßen umfassenden Bebauung verlangt, deren Planung im Modell als Projekt bereits vorliegt (siehe Weihnachtsausgabe), ist das bei der Wiederherstellung des Schlosses ebenfalls notwendig. Konsequenterweise müßte man dann Überlegungen anstellen, diese gesamte Unstadt abzureißen! Das klingt alles sehr utopisch. Konkret hat man bereits begonnen, die Fundamente des zu Sowjetzeiten gesprengten Schlosses auszugraben, um zumindest die Lage dieses historisch so wichtigen Baukörpers zu kenn- zeichnen. Im-merhin muß man feststellen: Es tut sich etwas! Das bringt Hoffnung, und das braucht das Land.

Doch sollte man dabei nicht vergessen, endlich den Zerfall der wenigen noch vorhandenen kunsthistorisch wichtigen Gebäude zu stoppen und zu sichern. Dazu gehört auch das Schloß Holstein, das in seiner Gebäudesubstanz noch halbwegs vorhanden ist. Es wäre ein guter Anfang, dieses Gebäude sorgfältig zu restaurieren. Die baltischen Staaten machen das in beispielhafter Weise vor.

Denkbar wäre bei der geradezu idealen Lage die Nutzung als Hotel. Früher in eine weiträumige Parklandschaft eingebunden, ist es heute fast problemlos möglich, den noch vorhandenen Baumbestand zu lichten, einige Gehölze zu erneuern und durch gepflegte Rasenflächen die Flußlandschaft miteinzubeziehen. Seeschiffe auf dem Pregel würden diese weiträumige Parkanlage scheinbar durchqueren. Welch ein landschaftliches Erlebnis böte sich da den Touristen! Diese einmalige Lage müßte doch geradezu Investoren magisch anziehen.

Schloß Holstein ist zur Zeit des Hochbarock geradezu ein Paradebeispiel für Ostpreußen gewesen. Wie Wulf D. Wagner in seinem Buch "Stationen einer Krönungsreise" berichtet, gefiel das 1697 als Schloß Fried-richshof fertiggestellte Jagdschloß dem damaligen Kurfürsten Friedrich III., des Großen Kurfürsten zweiter Sohn, nicht sonderlich. Es sollte gelegentlich bei Elchjagden in der Caphorner Heide vom Hofe benutzt werden. Der 1701 sich selbst zum König in Preußen krönende Kurfürst, von da ab König Fried-rich I., hat noch 1701, 1703 und 1709 bis 1711 kleinere Ausgaben für das Schloß verauslagt. Sein Sohn Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig, war mehr Pragmatiker, hatte für die teils prunkvollen Bauten seines Vorgängers keine Vorliebe und konnte mit Friedrichshof nichts anfangen. Es stand einige Jahre leer, und 1719 verschenkte es der König seinem Vetter, dem Herzog Friedrich Wilhelm von Holstein, der es teilweise noch um- und ausbaute und seinen Namen in Holstein umwandelte. Gelebt hat er dort wohl nicht. Nach dem Tode von Friedrich Wilhelm Herzog von Holstein-Beck erhielt seine Witwe den Besitz, bis 1761 das Schloß an die Tochter Sophie Charlotte, Herzogin von Holstein-Gottorp, fiel.

Die Erben haben in den nachfolgenden Jahren nur zuweilen im Sommer in dem Schloß residiert. Schließlich wurde Holstein 1793/95 an Franz von Below für 76.000 Taler verkauft. Er behielt es nicht lange und verkaufte es 1798 an den Generallandschaftsrat Friedrich Wilhelm Karl von der Trenck, der wahrscheinlich manche Veränderungen vornehmen ließ. 1811 ging Holstein als Handelsobjekt an verschiedene jüdische Familien, und 1835 erwarb der Oberamtmann Ferdinand Adolf Gottfried Magnus das Gut. 1852 fand in Groß Holstein, wie man den Besitz nun nannte, vor dem Schloß das dritte ostpreußische Sängerfest statt. 1930 wurde das Gut dann an Dr. Kurt Munier verpachtet, der den Besitz nach dem Tode der Witwe Anna Magnus erwarb. Am 9. April 1945 nahmen sowjetische Truppen das Gut ein. Prof. Dr. Kurt Munier starb am 24. Dezember 1946 in Königsberg, seine Frau wurde im Mai 1947 ausgewiesen.

Schloß Holstein wurde durch die Sowjets zunächst seiner deutschen Vergangenheit entledigt, sein ganzer Schmuck wurde abgeschlagen, die herrlichen Rundbogenfenster zugemauert, die Säulen zerstört und das Treppenhaus herausgerissen. Heute wartet dieses schwerverwundete Kulturdenkmal auf seine Rettung - und es ist zu retten.