© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 01. März 2003


Abwertung an Universitäten
Kleines Plädoyer für die Geisteswissenschaften
von Klaus Hornung

Die Lage der Geisteswissenschaften an unseren Universitäten und Hochschulen nähert sich einer Tragödie - so jedenfalls das übereinstimmende Urteil der Betroffenen, der Lehrenden und Lernenden, weniger hingegen in den Ministerialbürokratien der Ressorts für Wissenschaft der Länder und des Bundes. Und auch die politisch Verantwortlichen, ob in den A- (SPD-regierten) oder in den B- (Unions-regierten) Ländern, drücken sich, zumal in Wahlkampfzeiten, um klare Antworten und Entscheidungen herum.

Um so erfreulicher ist eine studentische Initiative an der Universität Tübingen, die dem Niedergang der Geistes- und Kulturwissenschaften in den Arm fallen und einer vielfach desinteressierten Öffentlichkeit und Bürokratie deren schiere Lebensnotwendigkeit vor Augen führen will. Das studentische Team hat dazu knappe, aber inhaltsreiche Stellungnahmen verschiedener Tübinger Vertreter dieser Disziplinen sowie des Freiburger Staatsrechtslehrers und früheren Bundesverfassungsrichters Ernst-Wolfgang Böckenförde vorgelegt. Böckenförde: "Was betreiben und vermitteln denn die Geisteswissenschaften? Sie bewahren und vermitteln je von neuem das Wissen über die eige- ne Sprache, Geschichte, Literatur und Kunst; über die Bedingungen und Möglichkeiten des Zusammenlebens und Zusammenwirkens von Menschen in einer Gesellschaft (Recht, Ökonomie und Soziologie); über die Selbstvergewisserung und die Beantwortung der Sinn- und Identitätsfrage der Menschen (Philosophie, Theologie, Psychologie). Sie sind damit Grundlage für das Verständnis der Welt, in der man lebt; für die Erkenntnis von Problemen und Herausforderungen im Zusammenleben der Menschen und der fortschreitenden Gestaltung, Veränderung oder Bewahrung; für das Verstehen von anderen Menschen und Völkern wie auch seiner selbst; für die Vermittlung von Wissen, Reflexion und daraus hervorgehender Urteilskraft in die nachfolgende heranwachsende Generation und in die Kommunikationsprozesse der Gesellschaft."

Die in der Schrift sich äußernden Hochschullehrer stimmen in der Sorge überein, daß im Schatten der unmittelbar "lebensnützlichen und marktgerechten Disziplinen" die Geisteswissenschaften sich auf der "Verliererstraße" und auf dem "Weg in die öffentliche Irrelevanz" befinden: Sie erbringen auf den ersten bornierten Blick keine Leistungen für den Standort Deutschland, schaffen keine Arbeitsplätze, mildern nicht die Leiden der Kranken, haben nicht künstliche Düngung und Penizillin, Atomkraft und Extrakorporale Befruchtung entdeckt und erfunden, sie versprechen allesamt nicht weitere weltbrauchbare Kenntnisse, in die man sinnvoll investieren kann (so der Erziehungswissenschaftler Professor Dr. Klaus Prange).

Das geschlossene Konzept der Kritik und der Abhilfen entwickelt der Althistoriker Prof. Dr. Frank Kolb mit seinem Plädoyer für die größtmögliche Genauigkeit ("Akribie" nannten das die Alten) in den Geisteswissenschaften und durch sie angesichts der heute verbreiteten Neigung zu "Schaumschlägerei und Scharlatanerie" in Öffentlichkeit, Medien, Politik und bis hinein in die Wissenschaften selbst. Selbst für das heute so vielberedete "kritische Denken", für Urteilsfähigkeit und Selbstkritik und die (ebenfalls oft so phrasenhaft verwendete) "Innovation" ist Präzision, exaktes Denken, beginnend mit der Beherrschung der Sprache, der Grammatik und des Vokabulars eine Grundvoraussetzung. Kolb geht mit der gesamten Bildungs- und Schulpolitik der letzten 30 Jahre ins Gericht, in denen unsere in der Welt bis dahin an Qualität unübertroffene dreistufige Bildungslandschaft und ihr durch eine hervorragende praktische Berufsausbildung ergänztes dreistufiges Schulsystem in wesentlichen Teilen ruiniert wurden. Noch heute und nach der PISA-Studie ist jedoch unsere Bundesbildungsministerin immer noch in dem "sozialistischen Irrglauben an die von Natur gleiche Begabung aller Menschen" befangen, der zur Entwertung des Abiturs und Massen-Überfüllung der Universitäten und Hochschulen geführt hat. Aus Gleichmacherei resultierte zwangsläufig der Niveauverlust aller Schultypen. "So hat die Politik mit dem Gymnasium und der Universität staatliche, für Schüler und Studenten kostenlose Elitebildungsanstalten weitgehend zerstört und ruft nun heute marktschreierisch wieder nach Elitebildungsanstalten, die aber jetzt nach amerikanischem Vorbild als teure Privatschulen und Privatuniversitäten eingerichtet werden. Damit frißt der sozialistische Bildungsgedanke gewissermaßen seine Kinder." Mit der Gleichmacherei verbündete sich, so der Tübinger Historiker weiter, "eine Art Hippie-Pädagogik des ,spielerischen Lernens', der Fixierung auf sogenannte Selbstverwirklichung und grenzenlose Ich-Bezogenheit". Schließlich wird "die Rückkehr zur Präzision im deutschen Bildungswesen" durch zahlreiche heute an den Schulen tätige Pädagogen erschwert, welche es selbst an Fähigkeit zu exaktem Arbeiten fehlen ließen und das Examen in den 70er und 80er Jahren geschenkt erhielten.

Mir ist kein Bildungsforscher, Wissenschaftler oder Politiker bekannt, der die negative Bilanz unserer Bildungspolitik der letzten 30 Jahre so auf den Punkt gebracht hätte wie der Tübinger Historiker. Mit Recht weist Professor Kolb darauf hin, daß es nicht zuletzt die systematische Diskreditierung der sogenannten Sekundärtugenden wie Fleiß und Disziplin seit der Mitte der sechziger Jahre gewesen ist, die dann auch das Arbeitsklima in den Schulen ruinieren mußte, ganz zu schweigen vom Niedergang der intakten Elternhäuser in dieser Zeit, die jene Tugenden immer sporadischer vermitteln konnten. Eine gute Bildungspolitik, so Kolbs Fazit, ist eben nicht zu verwirklichen ohne unbequeme gesellschaftspolitische Einsichten und elementare gesellschaftliche und psychologische Voraussetzungen für konzentriertes Lernen der Schüler. Von diesem springenden Punkt hat man in unserer ganzen Bildungsdebatte seit langem mutwillig abgesehen. Nicht nur natürliche Biotope sind eben Lebensgemeinschaften, in denen alles mit allem zusammenhängt. Gleiches gilt auch für die kulturellen und historischen Gemeinschaften der Menschen. Auch hier breiten sich Ruinierungen an einer Stelle rasch über das ganze "System" aus. Die Verfechter der sozialistischen Bildungsideen verweigern sich jedoch nach wie vor dieser Einsicht und verfahren nach dem Motto "Haltet den Dieb!", einer demagogischen Beweislast-Umkehrung, indem sie ausgerechnet das von ihnen ruinierte dreigliedrige Bildungs- und Schulsystem zum Verursacher der jetzigen Bildungsmisere stempeln wollen.

Es ist das Verdienst der Tübinger Studenten-Initiative, den roten Faden des Bildungsniedergangs bloßzulegen, der von der Achtundsechziger-Bewegung bis zur heutigen Ruinierung unserer Geisteswissenschaften reicht. Gewiß: Daran sind heute oft ganz andere gesellschaftliche Kräfte und Ideologien beteiligt als vor 30 Jahren. Aber auch ein stupides rein ökonomisches Nutzdenken kann zum Testamentsvoll-strecker von Ideologien und Kräften werden, die damals ihre unheilvolle Rolle zu spielen begannen. Man möchte die kleine Tübinger Schrift in die Hände (und Köpfe) möglichst vieler Studenten, Hochschullehrer, Publizisten, Bildungspolitiker und Bildungsbürokraten wünschen. Möge der Notschrei der Studenten sie alle an ihre politische und kulturelle Verantwortung erinnern. n

Florian Keisinger: "10 x 1000 Worte für die Geisteswissenschaften. War-um wir die Geisteswissenschaften brauchen", Broschüre, Tübingen 2002

Auf den Inhalt kommt es an: Studenten der Geistes- und Kulturwissenschaften müssen immer mehr erkennen, daß ihre Studiengänge nicht gleichrangig gefördert werden wie beispielsweise Jura oder Medizin. Foto: Ullstein