© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 01. März 2003


"Quelle der Hoffnung und des Leids"
Ein Spanier über die deutsche Sprache

In seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag anläßlich des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2003 bekannte der einstige Häftling des Konzentrationslagers Buchenwald und spätere Kulturminister Spaniens, Jorge Semprun: "Die deutsche Sprache war mir in dieser trostlosen Lage Quelle der Hoffnung." Er veranschaulichte das Gesagte mit Goethe- und Heine-Versen: "Wer reitet so spät durch Nacht und Wind ...", "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin ..." Abschließend zitierte er noch: "Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Kommunismus ..." Jeder kennt auch den Autor des letzterwähnten Textes. Oder doch nicht?

Das Gespenst des Kommunismus taucht erstmals auf bei Lorenz von Stein im Jahre 1842. Für ihn ist der "Communismus ein finsteres, drohendes Gespenst". Karl Marx hat die Metapher sechs Jahre später entlehnt und dem Gespenst scheinbar eine andere Seele eingehaucht. Seine Töne klingen verheißungsvoll: "Erkämpfung der Demokratie", "... freie Entwicklung aller". Sind sie glaubwürdig oder nur Sirenengesang?

Der Herausgeber von "Das Schwarzbuch des Kommunismus", Stéphane Courtois, nimmt in seinem Buch Karl Marx in Schutz gegen alle Versuche, ihn mit dem GULag, mit den Folgen der kommunistischen Weltbewegung zu belasten. Doch als er in einer Veranstaltung mit den Schlußsätzen des Manifests der Kommunistischen Partei, dem die parolenhaften Zitate entnommen sind, konfrontiert wurde, räumte er ein, er habe die Schrift nie zu Ende gelesen, sonst hätte er anders geurteilt.

Dort heißt es nämlich: "Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen. Sie erklären offen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung." Was heißt das konkret?

Marx kurz vorher: "Ihr werft uns mit einem Wort vor, daß wir euer Eigentum aufheben wollen. Allerdings, das wollen wir ..." Gunnar Heinsohns "Lexikon der Völkermorde" belehrt uns, daß die meisten Menschenopfer im blutigsten Jahrhundert der Geschichte auf diese eigentumsfeindliche Ideologie zurückzuführen sind. Wörtlich: "Im 20. Jahrhundert bilden sie die größte Opfergruppe", Opfer also des "finsteren, drohenden Gespensts".

Es ist erfreulich, daß Semprun aus deutschen Texten Kraft und Hoffnung schöpfen konnte. Die Deutschen aber sollten mit Blick auf das geflügelte Wort vom Gespenst des Kommunismus wissen, daß es am Anfang einer Bewegung steht, die mit anderen zusammen das 20. Jahrhundert, ja die Menschheitsgeschichte auf Dauer verfinstert. Konrad Löw