© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 01. März 2003


Die Hoffnung heisst Europa
Die französische Raumfahrt wurde durch den Mißerfolg einer Ariane 5 in eine schwere Krise gestürzt

Der Rücktritt des erst 1996 vom konservativen Regierungschef Alain Juppé ernannten Vorsitzenden des "Centre National d'Etudes Spatiales" CNES (Nationalanstalt für die Weltraumforschung) Alain Bensoussan samt dessen Begleitumständen hat die französische Raumfahrtindustrie in eine schwerwiegende Krise gestürzt. In die Kritik war der Franzose durch einen auszugsweise in Le Monde abgedruckten Bericht geraten, demzufolge die Auswahl der Weltraumforschungsprogramme allein auf der Basis von Haushaltskriterien gefällt wurde, ohne daß eine inhaltliche Strategie für die Entwicklung der Raumfahrtindustrie bestanden hätte. Erschwert wurde Bensoussans Stand zusätzlich durch das Scheitern der Mission einer Ariane 5 - ECA, eines neuen Typs von Trägerraketen. Daraufhin hat wohl die französische Forschungsministerin Claudie Hai- gneré Bensoussans gedrängt, seinen Hut zu nehmen.

Mit der Entscheidung des französischen Ministerrats über Bensoussans Nachfolger wird in Paris für Mitte dieses Monats gerechnet, mit einem neuen Flug der Ariane 5 für Ende des Monats. Ariane 5 soll laut DPA eine Nutzlast von zehn Tonnen befördern können. Das wäre mehr als doppelt soviel wie die 4,7 Tonnen der größten und schubstärksten der sechs Varianten von Ariane 4.

Das CNES wurde 1961 gegründet und verfügt über drei Zentren, darunter den Weltraumbahnhof von Kourou in Französisch-Guyana. Dort wurde Mitte Februar erfolgreich die letzte Trägerrakete Ariane 4 gestartet, die während der vergangenen 15 Jahre 116mal Satelliten ins All beförderte. In Kourou arbeitet das CNES mit der Europäischen Raumfahrtorganisation (ESA) zusammen, zu deren Haushalt es mit ungefähr 670 Millionen Euro beiträgt. Insgesamt, das heißt die Verteidigungsausgaben inbegriffen, beläuft sich der Haushalt des "Centre National D'Etudes Spatiales" auf mehr als 1,8 Milliarden Euro.

Die gegenwärtige Krise des CNES dürfte zu Problemen für die gesamte europäische Raumfahrtindustrie führen. So rechnen Beobachter mit einer Abnahme der Aktivitäten im Weltraumbahnhof von Kourou. Von der französischen Raumfahrtindustrie wird vermutet, daß sie noch lange rote Zahlen schreiben wird. Schon 1996, als Alain Bensoussan ernannt wurde, betrug das Defizit der öffentlichen Anstalt umgerechnet mehr als 500 Millionen Euro.

Die Hoffnungen richten sich nun auf eine Lösung der Probleme der CNES durch ein europäisches Programm. So ist beispielsweise von einer Zusammenarbeit mit Rußland in diesem Zusammenhang die Rede. EADS, ein europäischer Konzern in Privatbesitz mit Sitz in den Niederlanden, will einen europäischen Raumtrans-porter bauen, der ab September 2004 die internationale Raumstation ISS versorgen kann. Dieser Transporter mit dem Namen ATV (Automated Transfer Vehicle) wird in etwa dem russischen "Progress" vergleichbar sein. Das gesamte Programm der europäischen Raumfahrtindustrie wird fast 3,2 Milliarden Euro kosten, und das für insgesamt neun Reisen. Innerhalb von EADS ist "EADS Launch Vehicles" in Kooperation mit der ESA verantwortlich für das ganze Vorhaben. Das Problem ist, daß der europäische Raumtransporter eine ausreichend dimensionierte Rakete braucht und niemand derweil weiß, ob die Rakete Ariane 5 zur Verfügung stehen wird oder nicht. Nach Angaben von "Le Monde" wird die ganze Zukunft nicht nur der französischen Raumfahrtindustrie und des CNES, sondern auch der ESA vom Erfolg der Ariane 5 abhängen. Pierre Campguilhem