© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 01. März 2003


Deutschbaltische Kulturarbeit: Ein Name verpflichtet
Die Carl-Schirren-Gesellschaft und ihre Aktivitäten im "Brömsehaus" (DOD)

Die "Carl-Schirren-Gesellschaft" als kulturelle Vereinigung aller Deutschbalten hat es sich zur Aufgabe gemacht, das deutsch-baltische Kulturerbe zu pflegen und in der sich wandelnden Welt lebendig zu halten.

Vor dem Hintergrund einer 800 jährigen Geschichte will man Interesse und Verständnis für deutschbaltische Traditionen in Deutschland wecken und zugleich die Verbindung zu den Völkern im baltischen Raum erneuern.

Carl Schirren lebte von 1826 bis 1910 und war Professor für Geschichte an der Universität Dorpat (estn.: Tartu). Er mußte seine Vaterstadt verlassen, da er in einer Kampfschrift den Russifizierungsmaßnahmen gegen die Deutschbalten in den russischen Ostseeprovinzen Estland, Livland und Kurland entgegentrat. Sein Name wurde zum Symbol des Willens zur Behauptung national-kultureller Eigenständigkeit. Die nach ihm benannte Gesellschaft hat ihren Sitz in

Lüneburg, genauer: im sogenannten "Brömsehaus". Dabei handelt es sich um ein 1406 erbautes denkmalgeschützes Gebäude, das als Kultur- und Begegnungszentrum eingerichtet ist.

In dem Haus, das seit 1983 Eigentum der Organisation ist, werden Konzerte, Vorträge, Tagungen, Ausstellungen und gesellige Abende veranstaltet, die Deutschbalten und Freunde aus den verschiedensten Landesteilen zusammenführen.

Zu den wichtigsten Veranstaltungen gehört der "Carl-Schirren-Tag", der regelmäßig am letzten Wochenende im September stattfindet. Anläßlich dieses Kulturwochenendes erscheint im Auftrag der Deutsch-Baltischen Landsmannschaft das Jahrbuch des baltischen Deutschtums.

Des weiteren vereinigt zweimal im Jahr ein "Konzert bei Kerzenlicht" in der historischen Diele Lüneburger Bürger und Deutschbalten. Mit dieser Veranstaltung holt die Gesellschaft attraktive Konzerte und Liederabende ins Brömsehaus, um so deutschbaltische, estnische und lettische Künstler einem größeren Publikum bekannt zu machen.

Alljährlich im November werden die "Baltischen Seminare" durchgeführt. Das sind trinationale Veranstaltungen, bei denen je vier Fachwissenschaftler aus Estland, Lettland und Deutschland Wesentliches zu den gestellten Themen vortragen.

Diese seit 1990 abgehaltenen Kolloquien behandeln in einem weiten Bogen die lange Historie der Deutschbalten hinsichtlich der politischen Geschichte, der Kunst- und Sozialgeschichte und dem sich wandelnden Verhältnis zu den Esten und Letten.

Um die Ergebnisse nicht nur im Kreis der Fachwissenschaft publik zu machen, wurde eine neue Schriftenreihe unter dem Titel Baltische Seminare begonnen.

Zudem beteiligt sich die Carl-Schirren-Gesellschaft an den "Baltischen Kulturtagen" im Schloß Döttingen und fördert die Jugenkulturtagungen des Deutschbaltischen Jugend- und Studentenringes. Um

den Besitz der Carl-Schirren-Gesellschaft für die weitere Zukunft zu sichern, wurde eine gleichnamige Stiftung gegründet und als alleinige Eigentümerin des Brömsehauses wie des gesamten Inventars, des Archivs, der reichhaltigen Bibliothek und des dinglichen Kulturgutes sowie des Grundstückes für ein geplantes Museum eingesetzt.

Im Archiv werden Manuskripte, Urkunden, Landkarten, Postkarten, Gemälde, graphische Darstellungen, Fotografien sowie Porzellan, Silber u. a. gesammelt, bewahrt und aufgearbeitet. Verzeichnisse, Kataloge und ein Bildnachweis ermöglichen es, Auskünfte über das reichhaltige Kulturgut zu erteilen, das durch Spenden, Schenkungen und Erbschaften bzw. Nachlässe zusammengetragen werden konnte.

Die deutschbaltischen Korporationen haben ihre Archive ebenfalls übergeben oder als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt; und einzelne wertvolle Stücke können in einem gesonderten Raum ständig besichtigt werden.

Die Bibliothek umfaßt mehr als 15 000 Bücher. Schwerpunkt der umfangreichen Bestände ist das wissenschaftliche Schrifttum über die deutschbaltische Geschichte, das deutschbaltische Alltagsleben, die kulturellen Gegebenheiten sowie landeskundliche Beschreibungen (7000 Bände).

Daneben enthält die Bibliothek eine Abteilung einzigartiger belletristischer Literatur deutschbaltischer Schriftsteller (4000 Bände). Ergänzt wird der Bestand um Schriften deutschbaltischer Autoren mit nicht-baltischen Themen (3000 Einheiten). Alle diese Werke können über die Nordost-Bibliothek ausgeliehen werden (www.ikgn.de; E-Post: nob@ikgn.de).

Im Rahmen der Kulturförderung der Bundesregierung besteht die Verpflichtung, den früheren deutsch beeinflußten Kulturlandschaften in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa würdige Erinnerungsstätten in musealer Form zu schaffen. Zu diesen Gebieten zählen auch die ehemaligen baltischen Provinzen Estland, Livland und Kurland, aus denen die heutigen Staaten Estland und Lettland hervorgegangen sind.

Seit der Christianisierung haben sich von der Ordens- und Hansezeit und der anschließenden Zugehörigkeit zu Schweden und Polen bis in die Epoche als russische Ostseeprovinzen und bis zum Ersten Weltkrieg sowie der danach folgenden Selbständigkeit Wirkungen deutschen Rechts, Handels- und Wirtschaftsordnungen und vor allem deutscher Kultureinflüsse erhalten.

Das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg plant einen Erweiterungsbau, in dem die Carl-Schirren-Gesellschaft eine deutschbaltische Abteilung erhält, um erstmals ein Deutschbaltisches Museum in Deutschland zu begründen. Das erforderliche Grundstück hat die Carl-Schirren-Gesellschaft bereits erworben und den zuständigen Dienststellen ein museales Konzept vorgelegt. Mit dem Baubeginn ist für das nächste Jahr zu rechnen.

Für die Zeit nach der Fertigstellung sind auch Sonderausstellungen anvisiert, deren Vorbereitung teilweise in Zusammenarbeit mit estnischen und lettischen Organisationen geschen soll und die man dann auch im Baltikum selbst zeigen möchte.

Kontakt: Carl-Schirren-Gesellschaft. Das Deutsch-Baltische Kulturwerk, Brömsehaus, Am Berge 35, 21335 Lüneburg, Tel.: 04131-36788, Fax: 33453, Internet: www.carl-schirren-gesellschaft.de