© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 15. März 2003


Zeitzeugen
Leserbriefe über Flüchtlingslager in Dänemark 

Kleiner Junge starb kurz nach der Geburt

Am 18. Februar 1945 mußte ich hochschwanger mit meinen Eltern und einer Tante Balga, unser geliebtes Heimatdorf, verlassen und auf die Flucht gehen. Wir waren zehn Personen auf dem Treck, und niemand wußte, wohin unser Weg führen würde. Fast vier Wochen, mit schrecklichen Erlebnissen auf dem Haff, waren wir unterwegs, bis wir am 10. März 1945 nach Gotenhafen kamen. Dank gütiger Umstände kamen wir am 13. März auf ein Schiff, auf dem 2.000 Verwundete und 1.100 Flüchtlinge waren. Am 17. März landeten wir zu unserem Entsetzen in Kopenhagen. Wir kamen in Güterzüge, und am 20. März waren wir in Agerstedt in Nordjütland und wurden von Wehrmachtsangehörigen in Empfang genommen und von ihnen betreut. Unsere körperliche Verfassung war nicht gut, aber wir dankten Gott, endlich zur Ruhe zu kommen.

Wir Flüchtlinge wurden in Privatquartiere vermittelt, und unsere Familie war bis zur Kapitulation auch bei freundlichen Dänen untergebracht. Am Tag nach der Kapitulation wurden wir sofort in ein ehemaliges Marine-Barackenlager kurz vor Skagen transportiert. Alle Aufregung hatte meinem Zustand geschadet, und es kam 24 Stunden später zu einer schweren Niederkunft. Die dänische Hebamme und ein Heilpraktiker aus dem Lager versuchten, mir bei der Geburt meines Sohnes zu helfen. Aber alle Angst und Not der Flucht hatten sich auf mein Kind übertragen, es bekam Herzanfälle und starb nach einer Woche. In den ersten Wochen starben viele Säuglinge und Kleinkinder. Sie hatten Ernährungsstörungen und Brechdurchfälle, aber ich kann mich erinnern, daß ihnen ärztliche Hilfe zuteil wurde. Die wenigen Männer im Lager versuchten, mit Brettern kleine Kisten zu machen, und man legte mehrere Kinder in ein Grab. In dem Grab meines Jungen lagen noch vier weitere Kinder. Sehr viel später durfte ich einmal im Monat unter bewaffneter Begleitung das Grab besuchen und pflegen.

Die Zimmer in dem Lager waren mit jeweils 16 bis 20 Personen belegt. Mein Vater war Barackenleiter und versorgte die Bewohner, etwa 200 Menschen, mit Kaltverpflegung, teilte später nach Aufhebung des Postverbotes die Post aus und mußte für Ordnung sorgen. Meine Familie hatte das Glück, mit vier Personen einen eigenen kleinen Raum zu bewohnen. Da unser Lager dicht an der Straße lag, gab es manchmal Konfrontationen mit den Dänen. Wir wurden bespuckt oder deutsches Schwein genannt, aber es gab auch deutschfreundliche Dänen, und es kam vor, daß man uns heimlich eine Tube Zahnpasta über den Zaun warf. In dieser Hinsicht war unsere Versorgung nämlich sehr schlecht. Wir bekamen anfangs weder Seife, Zahnpasta, Papier, wir wären selbst mit Zeitungspapier zufrieden gewesen. Wir jungen Frauen hatten auch unsere Probleme. Sehr viel später gab es ein Stück graue Seife. Zu erwähnen wäre vielleicht noch, daß für unsere Notdurft ein Toilettenhaus mit zehn Plätzen vorhanden war, aber ohne Türen. Es kostete stets Überwindung, auf die offenen Sitze zu gehen.

Wir hofften stets, nach Deutschland zu kommen, obwohl wir auch von dort keine guten Nachrichten hatten, aber das Lagerleben hatten wir alle satt. Da ich wußte, daß mein Mann es bis nach Kiel geschafft hatte, war meine Sehnsucht nach ihm sehr groß. Zum Glück hörte mein Mann, daß man Angehörige, die in Dänemark waren, anfordern konnte. So kam ich nach zwei Jahren Internierung mit den ersten Transporten nach Deutschland. Meine Eltern mußten noch ein und meine Tante sogar noch zwei Jahre länger bleiben. Im Februar 1947 bin ich zu meinem Mann nach Kiel gekommen, und wir waren dankbar, wieder vereint zu sein. Der Neuanfang war schwer, aber irgendwie ging es weiter. Im Jahre 1948 wurde uns zur großen Freude wieder ein Sohn geboren. 

Eva Droese, Kiel

Angeregt durch Leserbriefe über Flüchtlingslager in Dänemark hat uns eine Vielzahl von Erlebnisberichten zu diesem Thema erreicht. Eine Auswahl dieser Zeitzeugenberichte lesen Sie hier.

Kulturprogramm: Das Lager Oxbøl (eingedeutscht Oksböl) hatte ein eigenes Theater, das den Flüchtlingen ein abwechslungsreiches Programm bot.

 

 

Es gibt eine Menge allgemein zutreffender Fakten

In den letzten Jahren habe ich mehrere hundert Berichte ehemaliger Dänemark-Flüchtlinge ausgewertet. Die Erfahrungen waren sehr unterschiedlich, weil auch die Lebensbedingungen in den einzelnen Lagern unterschiedlich waren. Es gibt aber einige allgemein zutreffende Fakten. Nach dem Führererlaß vom 4. Februar 1945 sind wir Flüchtlinge Dänemark aufgezwungen worden. Die Alliierten haben nach der Kapitulation bestimmt, daß wir in Dänemark bleiben mußten. Sie waren auch für die Postsperre nach Deutschland bis zum 5. April 1946 verantwortlich.

Zur Verpflegung: Großbritannien hatte 1.800 Kalorien pro Tag und Person vorgeschlagen. Dänemark setzte die tägliche Kalorienmenge am 24. Mai 1945 auf 2.000 bei zusätzlicher Kost für Kranke, Schwangere und Kinder, am 17. Januar 1946 auf 2.500 hoch, im Juni um über 200 Kalorien wieder herunter. Die Kalorienmenge in Deutschland, vor allem in der britischen Zone, war erheblich niedriger. Entscheidend war, was in den Lagern ankam. Teilweise waren die Lebensmittel einfach, aber eßbar, teilweise waren sie am Rand des Genießbaren. Es gab anfangs Lieferungsprobleme. Auch gab es Schiebungen. Die Grover Lagerzeitung berichtete häufig über Klagen gegen die Küchen und nannte Verurteilungen von überführten Schiebern zu Haft "bei Wasser und Brot". In Gl. Rye wurden der dänische Kommandant und die deutsche Lagerleitung wegen Schiebungen im großen Maße 1947 abgesetzt. Erheblich besser als in den normalen Lagern war die Verpflegung im Straflager Mosede. Die nichtdeutschen Flüchtlinge in Sonderlagern erhielten bessere Verpflegung.

Zur Gesundheitspflege: Die Schutzimpfungen wurden zum Teil brutal durchgeführt, verhinderten aber den Ausbruch von Seuchen. Die Anklagen der dänischen Ärztin Kirsten Lylloff wegen verweigerter Hilfeleistungen der dänischen Ärzteschaft sind nicht unbegründet.

Das ausgezeichnete kulturelle Leben wurde gefördert. Viele einzelne Dänen haben sich für die Flüchtlinge eingesetzt, an der Spitze die etwa 60 Kopenhagener Pastoren mit ihrer Erklärung vom 24. Juni 1945, worin es unter anderem hieß "... wir haben gegen das Nazitum gekämpft, weil es im Juden nicht einen Mitmenschen sehen wollte, und wir werden in gleicher Weise gegen ein neues Nazitum kämpfen, das im Deutschen nicht einen Mitmenschen sehen will". 

Karl-Georg Mix, Lübeck-Ivendorf

 

 

Im dänischen Krankenhaus gepflegt

Mein Gerechtigkeitsempfinden zwingt mich zur Stellungnahme. Ich lebte vom Mai 1945 bis Februar 1948 in zwei dänischen Flüchtlingslagern. Eine persönliche Bekanntschaft mit Dänen hatte ich nicht.

Für mich war die Flucht aus Ostpreußen, verfolgt von russischen Tieffliegern, zu Fuß über das vereiste Haff, als letzte Möglichkeit, per Schiff von Hela entkommen, wo Bomben geworfen wurden und Torpedos das Schiff bedrohten, die Hölle. Wir wollten nicht nach Dänemark, aber es war so! Erwünscht waren wir nicht, erst recht nicht eingeladen. Die deutsche Wehrmacht war dort einquartiert gewesen und hatte in dem neutralen Land Widerstand und Feindseligkeit geweckt. Es kamen ungefähr 200.000 teilweise armselige, hungrige Menschen in dieses "Schlaraffenland". Warum sollte man uns lieben? Ich bin sicher, daß es dort nicht nur Deutschenhasser gab - wie es nicht nur gute Deutsche gibt oder gab.

Jetzt bin ich dankbar, daß ich überlebt habe, schwerkrank wurde ich in einem dänischen Krankenhaus gesund gepflegt. Ich bin dankbar, daß ich, wenn auch manchmal hungrig, jedoch meistens satt wurde, was in den genannten Jahren auch in unserem Vaterland nicht selbstverständlich war. 

Eva Zerrath, Lüneburg

Auf engstem Raum: Die ostdeutschen Flüchtlinge lebten sehr beengt in den überfüllten Baracken. Fotos (2): "Menschen hinter Stacheldraht"

 

 

Den Dänen keineswegs dankbar

Dem Brief in Folge 4 kann ich nur zustimmen. Mit meinen Eltern und noch drei Geschwistern im Alter von zwölf bis 18 Jahren haben wir in diesen zweieinhalb Jahren sehr viel Schweres erleben müssen. Gerne wären wir, vor allen Dingen während der Monate in Kopenhagen, betteln gegangen, da wir alle gehungert haben und sehr krank wurden. Bestohlen wurden wir von den Lagerleitungen. Unsere letzten Wertsachen wurden uns abgenommen. Dies war von der Genfer Konvention verboten. Man hat uns diese Dinge nicht zurückgegeben.

Ich kann den Dänen dafür nicht dankbar sein, auch daß sie uns einige Monate auf Stroh mit 300 Menschen im Kopenhagener Stadion leben ließen. Auch möchte ich an die Tausende von Kleinkindern erinnern, die in den ersten Monaten nach der Kapitulation an Hunger gestorben sind. Dies würde ich auch als "Mord" bezeichnen, und sicher wären deren Mütter gerne betteln gegangen, damit ihre Kinder überlebt hätten.

Abschließend möchte ich zur Information folgende Bücher empfehlen: "Menschen hinter Stacheldraht - Flüchtlingslager Oksböl 1945 bis 1949", zu beziehen über den Preußischen Mediendienst, sowie "Ungeladene Gäste" von Arne Gammelgaad, Rautenberg Verlag, und "Flucht aus Ostpreußen 1945" von Heinz Schön, Arndt Verlag. 

Margot Spitzeder, Oberursel

 

 

"Warum sind Sie überhaupt geflüchtet?"

Meine Mutter, mein kleiner Bruder und ich kamen am 10. Februar 1945 über die Ostsee von Pillau nach Jütland in Dänemark. Dort war ein Wehrmachtslager mit vielen Baracken mitten im Wald. Hier sollten wir ungefähr zwei Jahre bleiben. Es war für uns ein Segen nach all der zuvor verspürten Angst, und wir wurden versorgt nach all den Entbehrungen auf der Flucht. Es gab Brot (ohne Schimmel), Milch, Butter, warmes Essen aus Kesseln. Was wollten wir mehr? Im Winter konnten wir die Kano-nenöfen mit Torf heizen. Da das Lager sehr groß war, hatten wir die Stacheldrahtzäune nicht "vor der Nase". Ich habe mich nie eingesperrt gefühlt. Sicher lag es auch daran, daß sich ein Freundeskreis gebildet hatte. Auch Schulen wurden eingerichtet, sowie Büchereien und kleine Theater. Da wir nie krank waren, kann ich über die medizinische Versorgung nichts sagen.

Januar 1947 meldeten wir uns zu dem Transport nach Deutschland in den Raum Tübingen, der zur französischen Zone zählte. Dort begann dann das Leid! In Osnabrück hielt der Zug das erste Mal in Deutschland. Trümmer und nochmals Trümmer. Es gab eine warme Wassersuppe. Ich habe drei Tage darunter gelitten. Da wären wir gerne wieder im Lager Oksböl gewesen. Im Raum Tübingen wurden wir nach vielem Hin und Her in einem Dorf-Armenhaus untergebracht. Vorher hatte dort ein Hund gehaust. Und von wegen heizen, der Ofen war kaputt. Meine Mutter war immer zufrieden, aber hier hat sie sehr geweint. Und wer waren wir hier? "Polen", die erstaunlicherweise hochdeutsch sprachen. Wie hatte einmal die Konrektorin der Schule dieses Dorfes meine Mutter gefragt: "Warum sind Sie überhaupt geflüchtet?"

Aber alles ist lange her. Dank an Dänemark! 

Ruth Großmann, Nussloch

 

 

"Ihr Schweine werdet erschossen"

Es war im Frühjahr 1946. Wir waren vier deutsche Jugendliche im Alter von etwa 15 Jahren aus dem Flüchtlingslager Skrystrup bei Vojens in Dänemark. Wir haben mehrere Male bei Dunkelheit das Flüchtlingslager verlassen, um zu dem in der Nähe gelegenen Fliegerhorst zu gelangen. Unsere Ausflüge verliefen bis auf den letzten problemlos. Bei dieser Tour ging an meiner Stelle ein anderer gleich- altriger Lagerinsasse mit. Als sich die Gruppe bei der Rückkehr in den späten Abendstunden dem Lager näherte, wurden sie von einem Wachtposten entdeckt. Mit den Worten "Ihr Schweine werdet erschossen" forderte er die Gruppe auf, sich entgegengesetzt des Flüchtlingslagers schnellstens zu entfernen. Als sie dies verängstigt taten, schoß der Wachtposten hinter ihnen her. Tödlich getroffen wurde hierbei der Lagerinsasse, der an meiner Stelle mitgegangen war. Die anderen drei blieben unverletzt, weil sie in einen in der Nähe gelegenen Laufgraben gesprungen waren. Die Überlebenden erreichten schließlich die Lagerwache und berichteten von dem Vorfall. Die Betroffenheit war bei den Menschen im Flüchtlingslager sehr groß. In einer dänischen Tageszeitung soll damals jedoch gestanden haben, der Lagerinsasse sei auf der Flucht erschossen worden. 

Eckart Burczik, Bad Hersfeld