© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 03. Mai 2003


Einen Besuch wert
Die Franz-Domscheit-Galerie in Memel
von Kristina Jokubaviciene

In der Memeler Gemäldegalerie des Litauischen Kunstmuseums wird eine stattliche Reihe von Werken des expressionistischen Malers Franz Domscheit, geboren am 15. September 1880 in Cropiens im Samland, gestorben am 14. November 1965 im südafrikanischen Kapstadt, gezeigt. Es ist zu hoffen, daß so der Name Franz Domscheit (lit. Pranas Domsaitis) und sein Werk allmählich zu einem festen Begriff in der Stadt, im Memelland und in Litauen werden. Die ersten Erfahrungen in der Tätigkeit der Franz-Domscheit-Galerie und die Abendveranstaltungen, zu denen sich immer ein zahlreiches Publikum versammelt, zeigen, wie viele Kunstkenner und Persönlichkeiten des kulturellen Lebens die Heimkehr des Künstlers schätzen.

In der 2002 erstmals in Litauen erschienenen Bildbandmonographie schreibt die Kunsthistorikerin Laima Bialopetraviciene: "Der Künstler Domsaitis war unter Einwirkung von zwei nebeneinander existierenden Kulturen - der deutschen und litauischen - groß geworden. Bis zum Zweiten Weltkrieg in Europa als Franz Domscheit bekannt, ist er in den Nachkriegsjahren zu einem der bekanntesten Künstler Südafrikas mit etwas ungewöhnlich für afrikanische Ohren klingendem Namen Domsaitis geworden."

Bis zum Alter von 27 Jahren lebte Franz Domscheit in seinem Heimatdorf Cropiens in einer Bauernfamilie. Schon als Kind hatte er gemalt, angeregt durch aufmerksame Beobachtung der Menschen im Dorf und ihres einfachen Alltags. Die Empfehlung von Max Liebermann öffnete ihm 1907 den Weg in die Königsberger Kunstakademie. Dort studierte er beim damaligen Akademiedirektor Ludwig Dettmann, gewann sogleich viele Freunde und Gleichgesinnte, mit denen er sich später oft zum Malen in der samländischen Ortschaft Klein Kuhren zusammenfand. Zu diesem Freundeskreis gehörten Arthur Degner, Waldemar Rösler, Theo von Brockhusen und Alfred Partikel. Eine besonders tiefe Freundschaft entwickelte sich zu Arthur Degner. Im Museum Ostdeutsche Galerie Regensburg ist das 1960 von Degner gemalte Gruppenporträt "Fünf ostpreußische Maler 1914" zu sehen, auf dem alle erwähnten Maler, Vertreter des Künstlerkreises Klein Kuhren dargestellt sind. Franz Domscheit besuchte auch die Niddener Künstlerkolonie.

Nach dem Studium in Königsberg bildete sich Domscheit einige Jahre lang in Berlin, im Atelier von Lovis Corinth fort und besuchte die namhaftesten Museen Europas. Die Begegnung mit dem großen Norweger Edvard Munch im Jahre 1914 hinterließ bei ihm einen starken Eindruck und gab den Anstoß, vom Impressionismus zu expressionistischen Ausdrucksformen überzugehen. Er nahm an Ausstellungen der "Neuen Sezession" teil und veranstaltete 1919 in der Ferdinand Möller Galerie Berlin seine erste Einzelausstellung, die auch in Breslau zu sehen war. Diese Ausstellung machte Franz Domscheit berühmt, beendete symbolisch die frühe Periode seines Schaffens und leitete zugleich eine Zeit des Erfolgs und der Anerkennung in Deutschland ein, die bis 1933 dauerte.

Über Domscheit schrieben bekannte Kritiker im damaligen Deutschland, darunter auch Karl Scheffler. Museen und private Sammler kauften seine Bilder. In seinem Buch, das 1930 in Weimar herausgegeben wurde, zählt Richard Bie Domscheit zu den zehn besten Malern der damaligen Zeit. Domscheit wurde als herausragender Maler von Landschaftsbildern und religiösen Kompositionen, besonders der "Flucht nach Ägypten", geschätzt. Dieses Thema lag ihm besonders nahe und stand im Zusammenhang mit dem eigenen Nomadenleben und der schmerzvollen Erfahrung Europas im Ersten Weltkrieg.

Bis 1933 malte Domscheit intensiv und nahm an Ausstellungen in Berlin, Stettin und Königsberg gemeinsam mit berühmten deutschen Malern des Expressionismus teil. Zusammen mit ihnen geriet er auch in die Wirren der Kampagne "Entartete Kunst". Seine Werke wurden aus staatlichen Museen entfernt, so die "Anbetung" aus der Nationalgalerie Berlin. Domscheit erhielt Ausstellungs- und Malverbot. Enttäuscht fand er Zuflucht in seinen geliebten entlegenen Alpendörfern Österreichs, wo er die Kriegs- und Nachkriegsjahre in schöpferischer Depression verbrachte und harmlose Blumenstilleben malte. Im Nachkriegs-Österreich traf sich Domscheit zum ersten Mal mit litau- ischen Exilkünstlern, die 1944 aus Litauen vor der "roten Pest" geflüchtet waren. Gemeinsam mit ihnen nahm Domscheit an den Exilanten-ausstellungen in Feldkirch und Bregenz teil. Da der Maler immer seine baltische Herkunft betont hatte, begann er noch vor dem Krieg, seine Bilder mit der litauischen Namensform "Domsaitis" zu signieren.

1949 reiste Domscheit gemeinsam mit seiner Frau, der bekannten Opernsängerin Adelheid Armhold, nach Südafrika. In Kapstadt erlebte er eine neue intensive Schaffens- periode, die zahlreiche Bilder und neue Ausstellungen ergab. 1964, bereits im Alter von 84, erhielt er die hohe Auszeichnung der südafrikanischen "Artists of Fame and Promise".

Franz Domscheit starb 1965 und hinterließ über 900 Ölbilder, Aquarelle, Pastelle und Zeichnungen. Seinen schöpferischen Nachlaß übernahm die Litauische Stiftung in den USA, die sich um die litauische Kultur, Kunst und Wissenschaft im Exil kümmerte. Dank der großen Bemühungen der Litauischen Stiftung wurde die Sammlung mit Werken von Franz Domscheit Litauen nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit geschenkt. Es wurde beschlossen, die Bilder in Memel, in diesem symbolisch nächstgelegenen Ort der Heimat Domscheits auszustellen.

In der Memeler Gemäldegalerie des Litauischen Kunstmuseums wird die aus 582 Werken bestehende und damit weltgrößte Sammlung Domscheits aufbewahrt. Seine Werke sind aber auch in anderen Ländern zu finden: In den Sammlungen der Litauischen Stiftung (Lemont, USA), in der Nationalgalerie Berlin, im Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg, im Museum Ostdeutsche Galerie Regensburg, in Museen und Privatsammlungen des afrikanischen Kontinents sowie in Privatkollektionen in Deutschland, Österreich, Kanada, den USA, Australien und der Türkei.

Gemeinsam mit der Franz-Domscheit-Galerie wurde in Memel auch das Franz-Domscheit-Kulturzentrum mit dem Ziel eröffnet, die Öffentlichkeit über den bisher wenig bekannten Künstler und sein Werk zu informieren. Das Kulturzentrum hat mittlerweile Verbindung mit Museen und Kunsthistorikern in der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen. Das Material über die nicht bekannten Werke Domscheits wird gesammelt und präzisiert. Auch zwei Reisen in das Königsberger Gebiet auf der Suche nach dem Elternhaus Domscheits wurden durchgeführt. Darüber hinaus fand die erste Konferenz der litauischen Kunstforscher zum Thema Domscheit statt. Zur diesjährigen zweiten Konferenz am 20. September sind auch Referenten aus der Bundesrepublik Deutschland eingeladen. In der Bundesrepublik wurden Angehörige des Malers ausfindig gemacht, und man begab sich auf die Spurensuche in Österreich.

Sehr wichtig für das Franz-Domscheit-Kulturzentrum ist jede Information über den Künstler, seine Studienjahre in Königsberg, sein Umfeld, Künstlerfreunde, über die im Deutschen Reich und in Österreich verbrachten Jahre. Spärlich sind die Kenntnisse über die Tätigkeit seiner Ehefrau, der Sängerin Adelheid Armhold. Wir wären sehr dankbar, wenn die Leser der Preußischen Allgemeinen Zeitung helfen würden, die weißen Flecken auf dem Schaffens- und Lebensweg des Künstlers zu tilgen.

In Memel ist die Franz-Domscheit-Galerie (Liepu-Straße 33) einen Besuch wert. In zehn Austellungsräumen werden die Werke der frühen reichsdeutschen und österreichischen Periode sowie in Südafrika enstandene Bilder gezeigt. Es handelt sich um Landschaftsmalerei, Porträts und besonders aussagekräftige Bilder mit religiöser Thematik. Die Ausstellung wird durch antike, im Memelland hergestellte Möbel ergänzt. In der Franz-Domscheit-Galerie herrscht die gemütliche, romantische Atmosphäre eines "Künstlerhauses". Umfassende Informationen in litauischer, deutscher und englischer Sprache geben Auskunft über das Werk des Künstlers, der an seinem Lebensende sagte: "Ich bin immer unterwegs." Nun hat er schließlich ein ruhiges Zuhause gefunden.

Die Autorin ist Kunsthistorikerin und Leiterin der Franz-Domscheit-Galerie in Memel