© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 10. Mai 2003


Borgen bringt Sorgen
von Heinz Kurt Kays

Um der Wahrheit willen soll nicht verhehlt werden, daß es auch bei uns so etwas gegeben hat, was man als "verkrachte Existenz" zu bezeichnen sozusagen gezwungen war. Bei uns - damit ist jener Landstrich gemeint, der noch heute als Masuren bekannt ist. Es lebten dort freilich ganz überwiegend brave, arbeitsame und rechtschaffene Menschen, die sich bemühten, ihr Brot im Schweiße ihres Angesichtes zu verdienen - nebst allem, was sonst noch benötigt wurde.

Das war auch in Stradaunen der Fall, einem durchaus ansehnlichen und freundlichen Landstädtchen, nicht weit von der Grenze zum Polnischen. Hier wirkten und lebten dazumal an die dreitausend Leutchen, die lieben Kleinen mitgerechnet, die gerade heranwuchsen. Sie waren tätig in mancherlei Berufen, zuvörderst in der Land- und Forstwirtschaft. Außerdem gab es Handwerker jeglicher Art sowie den einen oder anderen Handelsmann. Selbst einige Beamte waren anzutreffen, der Briefträger, der Gendarm und sogar drei Lehrer.

Wie man jedoch weiß, ist in einer solchen Schar von Menschen hie und da auch ein Exemplar anzutreffen, das ein wenig aus dem Rahmen fällt. Ein solcher "Lachodder", wie man auf gut masurisch sagte, hatte meist etwas verquere Gedanken und benahm sich, hochgestochen ausgedrückt, immer reichlich unkonventionell. Kurz und gut - er entsprach keiner allgemeingültigen Norm und befleißigte sich eines Lebenswandels, der nur selten den Beifall der übrigen Bürgerschaft zu finden vermochte.

Ein solches Original, leicht verschroben und etwas skurril, dabei durchaus liebenswert, war ohne Zweifel der Waldemar Jurkutat. Er bewohnte ein von seinen Eltern ererbtes Häuschen direkt am Stradauner See. Ein Garten gehörte dazu, in dem man Gemüse ziehen und Kartoffelchen anbauen konnte. Was der Besitzer gelegentlich auch tat, allerdings wirklich nur gelegentlich, beileibe nicht immer. Denn das hätte stete Arbeit bedeutet und die behagte dem Waldemar Jurkutat nicht sehr. Viel lieber saß er auf dem in den See hineingebauten Angelsteg und lauerte darauf, daß eine Brasse anbiß oder eine vorwitzige Karausche.

Dabei war der "fröhliche Waldemar", wie er oft gerufen wurde, im besten Arbeitsalter, und genügend Kraft zum Scharwerken besaß er auch. Doch statt zu rackern von früh bis spät, ließ er den Herrgott einen guten Mann sein und lebte sorglos und stets vergnügt in den Tag hinein. "Was soll ich schuften", pflegte er zu sagen, "ich tu nicht viel brauchen und was ich brauch', das hab' ich." Und dabei zwinkerte er so freundlich mit den Augen, daß ihm kein einer recht böse sein mochte.

Natürlich - ganz ohne Arbeit konnte auch er nicht über die Runden kommen. Einen regelrechten Beruf oder eine feste Beschäftigung hatte der Waldemar Jurkutat freilich nicht. Er tat dies und das, am liebsten aber garnuscht, wie man in Masuren sagte. Wenn Not am Mann war, verdingte er sich als Kuhhirt oder er half bei der Kartoffelernte. Ansonsten trug er das "Stradauner Wochenblatt" aus, ging im Sommer in die Pilze, machte auch Besorgungen in der Kreisstadt und spielte bei Tanzveranstaltungen auf der Ziehharmonika. Dabei verdiente er immer nur ein paar Dittchen, aber er brauchte sich nie sehr anzustrengen.

So also fristete der "fröhliche Waldemar" seine Tage, stets nur bemüht, nicht ernsthaft in Geldschwierigkeiten zu kommen. Das gelang ihm allerdings nicht immer, zumal er mit einer ziemlich durstigen Kehle begabt war. Und deshalb geschah es, daß der Heinrich Salewski, seines Zeichens Wirt vom "Oberen Krug", seinem sonst gerne gesehenen Stammgast die Freundschaft aufkündigte, dieweil bereits auf dem dritten Bierdeckel kein Platz für weitere Striche war.

"Wann wirst", so fragte er mit drohend gesträubtem Schnurrbart, "endlich bezahlen die Zeche? Ist inzwischen eine ganz schöne Latte, die du hast stehen bei mir. Anschreiben geht jedenfalls nicht mehr!" Dem Waldemar, dem es nach einem frischgezapften Bierchen jieperte, fuhr ein gewaltiger Schreck in die Glieder. Er war wieder einmal völlig blank und hatte wenig Aussicht auf baldigen Verdienst. Bedriepst brummelte er: "Nu ja, nu nei. Werd' schon noch zahlen. Nur nich sofort. Mußt schon warten ein Weilchen."

Krugwirt Salewski war keineswegs besänftigt. "Hab' ich mir beinah gedacht! Wieder eine faule Ausrede! Aber nich mit mir, Lieberchen. Meine Geduld ist am Ende. Bis zum Fuffzehnten mußt gezahlt haben, sonst ..." Er ließ offen, was sonst geschehen würde. Nur das Tulpchen Bier mit der appetitlichen Blume obenauf, worauf sein Gast wartete, das trank er nun selbst und wischte anschließend genießerisch den Schaum aus dem Schnurrbart.

Reichlich bedröppelt verließ Waldemar Jurkutat das Gasthaus. Das war ein Schlag ins Kontor, mit dem er nicht gerechnet hatte. Er überlegte hin und her, was denn zu tun wäre. Die Zeche mußte bezahlt werden, da gab es kein Vertun. Aber wie nur? Bis zum "Fuffzehnten" waren es noch zwei Wochen. Nicht viel Zeit, um das Geld aufzutreiben. Da blieb nur ein Ausweg und der hieß: Borgen, Leihen, Pumpen!

Als der gar nicht mehr fröhliche Waldemar so weit war, fiel ihm sofort Tante Meta ein, ein gutmütiges Weibchen, das zudem ihren Neffen ganz gut leiden mochte. Außerdem war sie alleinstehend seit ein paar Jahren und saß auf einem ziemlich großen Geldsack. Die mußte doch rumzukriegen sein. Und tatsächlich, ihm lachte das Glück! Zwar barmte Tantchen über die schlechten Zeiten und hatte eine Menge Ermahnungen auf Lager, rückte dann aber doch mit den erbetenen fünfzig Talerchen heraus. Freilich forderte sie: "Denk daran, Jungchen, nur bis nächsten Fuffzehnten, nich länger."

Ihr schlitzohriger Neffe versprach hoch und heilig pünktliche Rückerstattung. Dann trollte er sich sichtlich erleichtert und lenkte seinen Schritt zum "Oberen Krug". Großspurig verlangte er die Bierfilze, auf denen seine Schulden verzeichnet waren, und zerriß sie vor den erstaunten Augen des Wirtes. "Hier", so sprach er dann mit Verachtung in der Stimme, "hier hast du deinen Mammon, Heinrich Salewski. Und nun zapf' mir ein frisches Bier und gieß einen Meschkinnes ein, aber nich zu knapp, möcht' ich bitten!"

Hochgemut verließ der nun wieder fröhliche Waldemar die Kneipe. Doch seine gute Laune hielt nicht lange vor, denn der Rückzahlungstermin bei Tante Meta rückte schnell herbei. Da fiel ihm sein Jugendfreund Gottfried Libuda ein, der in Stradaunen eine profitable Tischlerei betrieb. "Wegen der alten Zeiten" streckte ihm dieser wahrhaftig die erforderliche Summe vor. Allerdings bekam Waldemar Jurkutat auch hier zu hören: "Bis zum nächsten Fuffzehnten, länger nich!"

Stehenden Fußes eilte er zu seinem Tantchen. "Hier", so verkündete er mit stolzgeschwellter Brust, "hier ist das Geld, was du mir geliehen hast. Und zwar pünktlich auf die Minute." Tante Meta war zunächst sprachlos, fing sich aber schnell. "Na so was!" wunderte sie sich. "Hätt' ich eigentlich nich gedacht. Bist also doch ein braves Jungchen." Und im Überschwang ihrer Gefühle fügte sie hinzu: "Wenn wieder mal was brauchst, du weißt ja, wo ich wohne."

Es gab also einen Lichtblick für künftige Fälle. Das Tantchen mußte er sich warmhalten, durfte es nicht vergrämen. Als daher wieder dieser ominöse "Fuffzehnte" herbeikam, wandte sich Waldemar zunächst einmal an seinen Schwager Wilhelm Stach, der am Stadtrand von Stradaunen einen Bauernhof besaß. Und er mußte eine wahre Glückssträhne haben, denn auch hier gelang sein Pumpversuch. "Die fünfzig Taler kriegst", ließ sich der Mann seiner Schwester vernehmen, "aber nur für einen Monat."

Waldemar Jurkutat nickte dankbar und trabte mit dem Geld zu Gottfried Libuda. Der biedere Tischlermeister war baß erstaunt über die prompte Rückzahlung. Auch er sagte deshalb seine Hilfe für eventuelle künftige Notlagen zu. Dies mußte jedoch nicht gleich in Anspruch genommen werden, denn zuerst war das liebe Tantchen an der Reihe. Hier erbat sich der fröhliche Waldemar nahezu problemlos die fünfzig Taler, um sie alsogleich an seinen Schwager Gottfried weiterzuleiten.

Denn unser Pumpgenie war nicht auf den Kopf gefallen und hatte die Geschichte schnell begriffen. Folgerichtig setzte er eine Art Geldkarussell in Bewegung, so daß die Talerchen munter reihum wanderten. Waldemar Jurkutat holte sie sich von Gottfried Libuda und brachte sie zu Tante Meta. Einen Monat später lieh er sie sich von Wilhelm Stach und gab das Geld an den Tischlermeister weiter. Dann wurde erneut das Tantchen angepumpt, und der Zaster wanderte zu seinem Schwager zurück.

So ging es Zeitchen lang weiter. Der immer fröhlicher werdende Waldemar trug die Talerchen zwischen seinen Kreditgebern hin und her, und alle waren zufrieden. Dann aber kam das Sommerfest des Gesangvereins von Stradaunen. Und wie es der Zufall fügte, saßen Freund Gottfried, Tante Meta und Schwager Friedrich gemeinsam am selben Tisch und sprachen den gebotenen Genüssen zu, welche hauptsächlich aus Bier und Bärenfang bestanden sowie aus Bratklopsen mit Salzgurken.

Dies aber wurde Waldemar Jurkutat gewahr, und es kam ihm eine großartige Idee. Er baute sich vor den dreien auf und verkündete: "Also, in Zukunft wollen wir es so machen: Gottfried Libuda, du gibst das Geld am Fuffzehnten an Tante Meta und die liefert es Monatchen später an dich, Wilhelm Stach. Du aber zahlst dann an Gottfriedchen. Ist das nu klar soweit?"

Und in das verblüffte Schweigen an der Festtafel hinein ließ er die Bombe endgültig platzen: "Mich aber laßt bitte in Ruh' jetzt. Ich will mit der Geschichte nuscht mehr zu tun haben." Worauf es der fröhliche Waldemar dann aber doch für geboten hielt, den Festplatz beschleunigten Schrittes zu verlassen.

Hermann Eisenblätter: Kurenkähne (lavierte Federzeichnung)