© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 28. Juni 2003


Feuerwasser mit Wirkung
Blutwurz: Die Knolle der Pflanze wird seit alters her erfolgreich in der Medizin verwandt

Just während eines Urlaubs quälte mich ein Wackelzahn, und der Zufall führte mich zur Besichtigung und Kostprobe in eine Schnapsbrennerei. Den Besuchern wurde ein Film gezeigt über die Herstellung der Spezialität des Hauses, und danach durfte jeder Gast auch den 50prozentigen Blutwurzschnaps probieren. Da bei der Kostprobe die verkniffenen Gesichtszüge der Gäste die Wirkung des "Feuerwassers" verrieten, brauchte ich mich wohl meiner Grimassen nicht zu schämen. Ich ließ den heilsamen Trunk in meinem Mund wirken - und habe danach mein Zahnweh vergessen. Der Urlaub war gerettet!

Selbstverständlich habe ich eine Tonflasche, gefüllt mit 1/2 Liter Blutwurzschnaps, "für alle Fälle" gekauft. Der Zahnarzt wird mir zwar nicht erspart bleiben, aber die Pflanze mit der heilsamen Wirkung hat mich zum Studieren animiert.

Blutwurz wächst in moorigen Gegenden Europas, auf Feuchtwiesen, und sie klettert in bergigem Gelände auf saurem Boden auf über 2000 Meter Höhe. Die Pflanze hätte mir längst auffallen müssen, denn ihre nur vierblättrigen Blüten mit den verkehrt-herzförmig ausgerandeten, goldgelben Kronenblättern und dem vierblättrigen Außenkelch sind eine Seltenheit unter den Blumen Europas. 16 Staubblätter und zahlreiche Fruchtknoten mit fadenförmigen Griffeln umgeben den gewölbten Blütenboden. Die einsamigen Früchte sind hart, nüßchenartig.

Aus den dunkelbraunen Knollen treiben im Frühling dünne Stengel mit drei- bis fünffingerigem, gezack- tem Blattgrün. Die ersten Blätter welken bereits, wenn ab Juni der Blutwurz blüht.

Die Knolle gab der Pflanze ihren treffenden deutschen Namen. Sobald sie angeschnitten wird, färbt sich ihr festes Fleisch blutrot. "Ruhrwurz" wird sie lobend genannt, denn als heilkräftige Drogen enthält sie 17 bis 22 Prozent Gerbstoffe neben Harz, Chinova- und Kaffeesäure, dazu auch Pseudosopanin. Wegen der adstringierenden, blutstillenden und fiebersenkenden Wirkung gilt die Heilpflanze seit alters her und immer noch als Medizin bei Erkrankungen des Verdauungsapparates und bei Entzün- dungen im Mund- und Rachenraum.

Der griechische Arzt Hippokrates (460-373 v. Chr.), Lehrmeister vieler Mediziner, prägte den lange gültigen Satz: "Krankheiten haben natürliche Ursachen und sind natürlich zu behandeln!" Er verordnete einen Sud mit dem Pulver von Blutwurz zur Wundbehandlung und bei blutigem Durchfall. Auch der berühmte englische Kräuterkundler Nicholas Culpeper (1616-1654) berichtete in seinem pharmazeutischen Lehrbuch "Complete Herbal ...", das im Jahre 1809 seine 6. Auflage erlebte, von der Heilkraft der "Tormentilla", die hierzulande auch "Tormantill" (= lat. "die Mächtige") genannt wird.

Im Frühling und im Herbst werden die heilkräftigen Knollen ausgegraben. Man kann sie selbst sammeln und trocknen, aber das Auf- bewahren ist in unseren zumeist städtischen Haushalten gewiß schwierig. Potentilla erecta, so der wissenschaftliche Name des Blutwurz, gedeiht gut im Moorbeet. Für die Arneimittelherstellung wird die Pflanze flächenmäßig und kontrolliert angebaut. Die Wurzeln kön- nen im zweiten Jahr geerntet werden.

Auch in der Tierheilkunde werden Aufguß und Salbe mit den Wirkstoffen des Blutwurz sehr geschätzt. Für Hunde wird ein Sud von vier Gramm Pulver auf einen halben Liter siedendes Wasser als tägliche Gabe bei Verdauungsstörungen empfohlen. Pferde bekommen bei Koliken die doppelte Ration. Kräuterkundige Schäfer tränken kranke Tiere mit Blutwurz-Tee und wissen eine Salbe zu bereiten, die verwundeten Tieren und auch den Menschen geholfen hat. Über Nebenwirkungen der Drogen aus Potentilla erecta wird in alten Lehrbüchern und modernen Schriften nichts berichtet. Anne Bahrs

Blutwurz: Eine zarte Pflanze mit goldgelben Blüten und großer HeilkraftZeichnung: Anne Bahrs