© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 12. Juli 2003


Spurenlese bei Banja Luka: Vergessene Landsleute
Auch in Bosnien gab es eine deutsche Volksgruppe
von Rudolf Grulich

Der Papst besuchte am 22. Juni zum zweiten Mal Bosnien, wo er nach dem 1995 durch den Vertrag von Dayton beendeten Krieg bereits in Sarajewo geweilt hatte. Sein jetziges Ziel hieß Banja Luka, die Hauptstadt der "Republika Srpska".

Seit Frühjahr 1992 versank Bosnien-Herzegowina buchstäblich im Blut. Die serbische Aggression kostete Tausende Tote, und das Land ist bis heute verwüstet.

Wenn Johannes Paul II. nun in Banja Luka den dort 1928 verstorbenen Ivan Merz seligsprach, sollte daran erinnert werden, daß es bis zum Zweiten Weltkrieg auch eine kleine deutschsprachige Volksgruppe in diesem Herzland des ehemaligen Jugoslawien gab: die zwischen 1942 und 1944 umgesiedelten Bosniendeutschen. Auch Merz hatte einen deutschen Vater, der aus dem Egerland kam.

Die erste deutsche Gründung in Bosnien erfolgte bereits vor der Besetzung durch Österreich 1878, also noch in türkischer Zeit. Schon 1869 ließen sich Trappisten unter Leitung des Vorarlbergers P. Franz Pfanner in der Nähe von Banja Luka am Vrbas-Fluß nieder und begründeten das Kloster Maria Stern, das bald Kirche und Schule, Mühle und Brauerei, Ziegelei, Weberei und andere Werkstätten sowie ein Waisenhaus und ein Krankenhaus beherbergte.

Mit sieben Mönchen hatte Pater Pfanner begonnen, zehn Jahre später waren es 76; um die Jahrhundertwende zählte der Konvent Maria Stern dann 180, im Jahre 1910 sogar 219 Mitglieder.

Franz Pfanner hatte nach dem Einmarsch der österreichischen Truppen in der Zeitschrift Der christliche Pilger deutsche Bauern aufgerufen, nach Bosnien zu kommen. Familien aus Nordbaden und Essen, aus Oldenburg und Schlesien folgten dem Appell. Sie erhielten mit Hilfe der Trappisten Grundstücke zwischen Banja Luka und Bosnisch Gradiska und gründeten die Dörfer Windthorst und Rudolfsthal.

Der Namen "Windthorst" erinnerte an den Führer der katholischen Zentrumspartei im Bismarckschen Kulturkampf. Diese heftigen innenpolitische Auseinandersetzung brachte auch andere Deutsche nach Bosnien, so vier Schwestern vom "Kostbaren Blut" oder den Priester Peter Zimmermann aus Trier, der im Kulturkampf ein halbes Jahr im Gefängnis einsaß.

Zimmermann war in Bosnien zunächst Sekretär des ersten Erzbischofs von Sarajewo, Josef Stadler, und übernahm seit 1884 in Windthorst und Rudolfsthal die deutsche Seelsorge. Außerdem war er Spiritual und Rektor der Schwestern vom Kostbaren Blut, die sich in Bosnien zu einer blühenden Kongregation entwickelten und verschiedene Filialen gründen konnten.

Der Priester aus Trier schuf nicht nur in Windthorst geregelte Pfarr- und Schulverhältnisse, baute Kirchen und gründete katholische Vereine, sondern er richtete auch in Banja Luka für die Kinder der dortigen deutschsprachigen österreichischen Beamten und Offiziere eine deutsche katholische Volksschule und eine höhere Mädchenschule ein. Er rieb sich buchstäblich auf und starb 1892 im Alter von nicht einmal 40 Jahren.

Weitere deutsche Kolonien in Bosnien entstanden in Troschelje, Opsietschko, Sitnesch und Schibowka. In den Städten Sarajewo, Banja Luka, Bijeljina, Jajce, Travnik u. a. gab es ebenso wie in den Industriegebieten größere deutsche Gruppen.

Daneben siedelten sich damals auch Tschechen, Polen, Ukrainer und Italiener an. Letzere kamen meist aus der Gegend von Trient und Görz.

Bei der Volkszählung 1910 gab es in Bosnien immerhin 23 000 Menschen mit deutscher Muttersprache. Ihre Zahl sank nach dem Ersten Weltkrieg auf 16 500 (laut Volkszählung von 1921).

Das mehrere Kilometer lange Straßendorf Windthorst mit seinen Ortsteilen Ober-, Mittel- und Unterwindthorst erhielt im neuen jugoslawischen Staat den Namen Nova Topala, Rudolfsthal hieß fortan offiziell Bosnisch Aleksandrovac. Daß es bis zum Ersten Weltkrieg in Bosnien außer den 23 000 Deutschen auch genügend andere Deutschsprechende gab, beweist die Existenz deutscher Zeitungen.

Seit 1884 erschien in Sarajewo zwei- bis dreimal wöchentlich, seit 1897 täglich die Bosnische Post, dazu gab es seit 1908 das Sarajevoer Tagblatt und die Mitteilungen des Vereins der Deutschen in Bosnien und Herzegowina.

Die eigenen Pfarreien wurden bis zum Zweiten Weltkrieg von deutschen Priestern betreut, die in polnischer Sprache auch die Seelsorge für die polnische Pfarrei Miljevac sowie für die Italiener in Mahovljani wahrnahmen. - Was für ein Bosnien, in dem es noch keine "ethnischen Säuberungen", sondern ein friedliches Miteinander der Nationen gab!

Das Ende des Deutschtums dieses Landes kam dann im Zweiten Weltkrieg: 1942 wurden alle Deutschen Bosniens mit Ausnahme der geschlossenen Orte Windthorst, Rudolfsthal und Troschelje evakuiert; Ende September 1944 kamen auch diese an die Reihe.

Seit dem Krieg von 1992 herrscht in den historisch mit Mitteleuropa eng verbundenen Gebieten, in denen einst die Bosniendeutschen lebten, erschreckende Not.

Obwohl die Katholiken im Gebiet der Diözese Banja Luka nur acht Prozent der Bevölkerung ausmachen und es in diesem serbisch beherrschten Landstrich keine militärischen Handlungen gab, haben die Serben über 80 Prozent der katholischen Kirchen zerstört, Zehntausende kroatischer Katholiken vertrieben und unvorstellbare Grausamkeiten begangen.

Priester wie Gläubige wurden ermordet, sogar die Schwestern blieben nicht verschont. So wurde deren Kloster in Windthorst im März 1993 mit Granaten beschossen, obwohl dies, wie gesagt, nicht im Kampfgebiet lag. Im Folgejahr mußte es evakuiert werden; die Rückgabe erfolgte erst 2002.

Der katholische Bischof von Banja Luka, Franjo Komarica, sucht händeringend Hilfe beim Wiederaufbau seiner Diözese, auch und gerade in den ehemals deutschen Orten wie Windthorst. Vom offiziellen EU-Europa ist er tief enttäuscht. Anläßlich der Begrüßung des Papstes am 22. Juni kritisierte Komarica, daß den Kroaten nicht die gleichen Rechte zuerkannt würden wie anderen Völkern.

Bischof Komarica gedenkt eines 1992 ermordeten Priesters: Die Katholiken im serbisch beherrschten Teil Bosniens kämpfen ums Überleben, Foto: Grulich