© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 16. August 2003


Noch hält der Schutz des Zaren
Deutsche aus Rußland, Teil II: Ausweitung der deutschen Siedlungen und die Bewahrung des Deutschtums
von Uwe Greve

Der Erfinder und Übervater

Eine der bedeutendsten Gestalten, die das Deutschtum in Rußland hervorgebracht hat, war der Mennonit Johann Cornies, geboren am 20. Juni 1789 in Bärwalde bei Danzig, gestorben am 13. März 1848 in Orloff. Im Jahre 1789, als bereits seit einem Vierteljahrhundert Deutsche an der Wolga siedelten, hatte sich auch der erste Schub westpreußischer Mennoniten nach Rußland aufgemacht. Er war am Flüßchen Chortitza nahe des Dnjepr im Gouvernement Jeka-terinoslaw seßhaft geworden. Mit einer zweiten größeren Auswanderergruppe von Mennoniten in den Jahren 1803 bis 1805 kam Johann Cornies nach Rußland in die Siedlung Molotschnaja im Gouvernement Taurin. Nach zwei Jahren in der Kolonie Chortitza landete seine Familie in dem neu anzulegenden Dorf Orloff und baute eine Landwirtschaft mit 65 Deßjatinen auf. Nebenher arbeitet der Vater als Heilkundler und wurde der erste Arzt der Kolonie. Als er 1814 starb, hinterließ er außer der fleißig weiterentwickelten Landwirtschaft ein Barvermögen von 4.000 Rubeln.

Johann Cornies, der älteste unter vier Brüdern, arbeitete zuerst als Knecht bei einem Müller. Später, als er sich ein Fuhrwerk erworben hatte, verkaufte er landwirtschaftliche Waren - Gemüse, Schinken, Eiern - in Sewastopol. 1811 konnte er sich ein eigenes Haus in Orloff kaufen. Er war es, der entdeckte, daß sich die naheliegende Steppe zur Schafzucht eignete. Am Flüßchen Juschanle errichtete er eine Schäferei. Bis zu Zar Nikolaus I. sprachen sich seine Fähigkeiten herum. Der schenkte ihm 500 Deßjatinen von diesem Land. Zur Viehzucht kam nun eine Baumschule, über die er an die Siedler Setzlinge verkaufte.

Sein Erfolg war so groß, daß er schließlich zwei Güter mit 8.500 Deßjatinen sein Eigen nennen konnte. Eine Ziegelei kam hinzu, während Versuche mit Tabakanbau und Seidenraupenzucht fehlschlugen. Zeitweise arbeiteten in der Seidenraupenzucht 270 Familien. Kolonistenmädchen lernten in einer speziell dafür eingerichteten Schule das Seidenhas-peln. Aber gegen die erdrückende französische und italienische Konkurrenz konnte sich die Zucht in dieser Region nicht durchsetzen. Auch Versuche mit dem Anbau von Flachs konnten sich nicht lange halten.

Doch Corniesens Weitblick, nicht nur für sich, sondern für alle Kolonisten der Region, hatte als Wichtigstes den Getreideanbau im Auge. Deutsche Auswanderer ohne landwirtschaftliche Kenntnisse erhielten von ihm Ratschläge. Er erfand die Methoden, mit denen Getreide- und anderer Ackerbau in der Steppe möglich wurde. Er entdeckte den Wert von Schwarzbrache und Vierfelderwirtschaft für diese Landstriche. Durch kleine Dammbauten half er, das Wasser der im Sommer zumeist trockenen Steppenflüßchen zu halten und künstliche Wiesenbewässerung zu erzeugen. Seine künstlich gebauten Teiche stellten für das Vieh auch im Sommer die notwendige Wassermenge bereit. Sein Aufforstungsprogramm war so erfolgreich, daß 1845 in dieser Steppen- region rund 500.000 Obst-, Laub- und Nadelbäume wuchsen, bald auch 300.000 Maulbeerbäume.

Seiner Initiative war auch die Förderung der Blumenzucht zu verdanken. Sie diente besonders der Verschönerung der Höfe und Straßen. Cornies lehrte die Siedler, haltbare Farben für ihre Häuser zu verwenden. All diese Neuerungen sprachen sich schnell herum und wurden auch in anderen deutschen Kolonien in Südrußland eingeführt.

Besonderen Wert legte er auf ein gut entwickeltes Schulwesen. Sein "Christlicher Schulverein" begründete in Orloff bereits 1820 eine erste "gehobene" Vereinsschule. Bald danach rief er einen Leserverein ins Leben und die dazugehörige "Volksbücherei". Er ließ den regelmäßigen Schulbesuch der Kinder überwachen. Selbst stellte er "87 allgemeine Regeln über Unterricht und Behandlung der Schulkinder" zusammen.

In einer Studie über Johann Cornies schreibt Walter Quiring 1939: "Bei seiner großen Autorität kann Cornies seinen starken erzieherischen Einfluß vielfach auch im Privatleben der Einwanderer geltend machen. Anlaß dazu bietet sich nur zu oft, wenn zum Beispiel einer der Kolonisten sich in die eingeführte Ordnung nicht fügen will, oder wenn ein junger Mann lieber bummelt, anstatt seinem Vater in der Wirtschaft zu helfen. Solche Kolonistensöhne werden zu tüchtigen und strengen Bauern als Knechte vermietet, um sie dort in einer harten Schule erziehen zu lassen."

Bei den Deutschen in die Lehre geschickt

Selbst junge Russen wurden ihm zur Unterweisung in der Landwirtschaft anvertraut. 1839 unterrichtete er zum Beispiel 16 russische Burschen auf seinem Gut in Landbau, vier russische Mädchen in Hauswirtschaft. Die russische Regierung erließ diesen "Kronsburschen" sogar die Militärzeit, damit sie sich auf das Lernen konzentrieren konnten. Da sich russische Bauern oft gegen die deutschen "Neuerungen" sperrten, wurden diese "Kronsburschen" dorthin entsandt, leider oft nur mit mäßigem Erfolg.

Trotzdem setzte die russische Regierung weiterhin auf dieses Prinzip und entsandte immer mehr russische Burschen in die deutschen Dörfer, damit sie von den deutschen Bauern Nützliches lernen konnten. Unter anderem hatte dies zur Folge, daß russische Bauern, die bisher den Kartoffelanbau verschmäht hatten, mit deren Anpflanzung begannen.

Bei den südrussischen Behörden genoß Cornies hohe Wertschätzung. Der Gouverneur von Neurußland und Bessarabien, Fürst Woronzow, weilte häufig im Hause Cornies. Hoch schätzte er den Rat dieses Mannes, insbesondere in Fragen der Landwirtschaft und der Viehzucht. Das Gelehrtenkomitee des russischen Ministeriums der Reichsdomänen berief ihn zum korrespondierenden Mitglied. Berichte, Vorschläge und statistische Angaben, die Cornies verfaßte, wurden auch in Petersburg hoch geschätzt. Auch seine wissenschaftlichen Neigungen fanden hier Interesse. Er ließ Grabungen in den Steppenhügeln, den sogenannten "Kurganen", durchführen, die von einer früheren Kultur Zeugnis ablegten.

Cornies wurde bereits 1825 von Kaiser Alexander I. sowie dessen Kronprinz besucht. Zar Nikolaus I. empfing ihn in Sinferopol 1837. Die ihm angetragenen Orden lehnte er aus seinem religiösen Grundverständnis ab. Die rußlanddeutsche Geistlichkeit indes sah in seiner hohen weltlichen Machtposition eine Bedrohung der eigenen Macht und lebte mit ihm in langjähriger Fehde. Das ertrug er mit Gelassenheit, denn unter den Kolonisten hatte er viele Freunde. Fast jede Familie in seinem Gebiete kannte er persönlich. Er protzte nicht mit seinem Reichtum, behielt seinen westpreußischen Dialekt bei und blieb Zeit seines Lebens ein einfacher deutscher Bauer. Nach seinem Tode 1848 setzte ihm die dankbare Gemeinde in Orloff ein schlichtes Grabmal nach seinem Wunsch - eine abgebrochene Marmorsäule.

Zwischen Zitronen- und Feigenbäumen

Als in den Jahren 1817 bis 1819 in Württemberg eine drückende Hungersnot herrschte, suchten viele Familien den Weg nach Osten. Weitere Ursache war die Gewissensnot von sogenannten "Separatisten", einer christlich schwärmerischen Gemeinschaft, die sich einer "aufgeklärten" Kirche verschloß. Eigent- lich wollten sie nach Palästina auswandern, entschlossen sich jedoch bald, nach Rußland zu gehen. Hier wollten sich die Mitglieder dieser Sekte versammeln, bis das "Tausendjährige Reich" anbrechen sollte.

Im Herbst 1817 kamen die ersten Auswanderer im Kaukasus an. Der Weg hatte sie über Wien und Odessa geführt. Krankheiten und Tod hatten sie erheblich dezimiert. Weitere Schübe folgten. Sie gründeten Dörfer mit Namen wie Marienfeld, Elisabethtal, Annenfeld, Katharinenfeld oder Helenendorf nahe Tiflis. Diesen schwäbischen Schwärmern erschien Alexander I., der sie ins Land holte, als "heiliger Kaiser". Doch der Zar der Russen hatte in erster Linie im Auge, hier den Acker- und Weinbau mit deutschen Kolonisten zu fördern. Die Zahl der Auswanderer wird in der historischen Literatur auf etwa 5.000 geschätzt. Auch sie schufen blühende Dörfer. Ein Missionar aus Basel namens J. B. Saltet kümmerte sich um sie in religiösen Angelegenheiten und "heilte" sie von ihrer Schwärmerei, wie ein Chronist bezeugt. Sie bauten stattliche Häuser mit breiten Veranden, so wie in ihrer schwäbischen Heimat üblich - nicht zwischen Apfel- und Birnen-, sondern zwischen Zitronen- und Feigenbäumen. Die Bevölkerung um sie herum war tatarisch, russisch, grusinisch und armenisch. Hohe Nachwuchszahlen führten auch bei ihnen zu weite- ren Wanderungsbewegungen. Neue deutsche Dörfer entstanden insbesondere links und rechts der Bahnlinie von Tiflis nach Baku. 17 Siedlungen entstanden, jede mit einer Volksschule ausgestattet. 1917 wurde sogar eine Oberrealschule begründet, von deren Schülern einige nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland studierten. Etwa 3.000 Deutsche siedelten sich direkt in Baku an und begründeten sowohl eine Volks- als auch eine höhere Schule.

In der Steppe zwangsrussifiziert

In Sibirien lebten in 500 Siedlungen in der Zeit zu Beginn des Ersten Weltkrieges etwa 100.000 Deutsche, vor allem in den Wald- und Steppengebieten Westsibiriens, aber auch in den Städten. Deutsche Dörfer wurden besonders zahlreich in den Bezirken Omsk, direkt an der Sibirischen Eisenbahn, aber auch an beiden Seiten des Flusses Irtysch, begründet.

Ausgangspunkt dieser Siedlungsbewegung waren die Agrarreformen des russischen Ministers Stolypin 1905, der Zuwanderern hier kostenloses Privateigentum an Boden versprach. Von diesem Angebot machten auch viele deutsche junge Männer und Familien aus den Regionen an der Wolga, am Schwarzen Meer und im Kaukasus Gebrauch.

Die zaristische Regierung stand damals auf dem Standpunkt, daß rein deutsche Siedlungsgebiete den russischen nationalen Interessen widersprechen würden. Deshalb wurden zwischen die deutschen Siedlungen planmäßig russische gesetzt. Sie sollten dafür sorgen, daß die Deutschen bald russifiziert würden; auf der anderen Seite sollten die Russen sich an deutscher Tatkraft und deutschem Durchhaltevermögen ein Beispiel nehmen. Lutherische, katholische und mennonitische Siedler bauten jeweils eigene Dörfer auf. Auch hier schufen die Deutschen mustergültige Siedlungen mit schönen Häusern, ansehnlichen Kirchen und Schulen. Ebenso breitete sich in sibirischen Städten deutsches Handwerk aus. Zwar russifizierten sich manche ihrer Sitten, aber an der deutschen Sprache hielten sie überall fest, wo sich eine deutsche Gemeinschaft gebildet hatte. Mancher deutsche und österreichische Kriegsgefangene, der im Ersten Weltkrieg hierher in Arbeits- oder Gefangenenlager verschlagen wurde, war verwundert, hier Deutsche in größerer Zahl anzutreffen.

Ermüdender Kampf gegen den Urwald und den Willen des Zaren

Obwohl Teile dieses Gebietes zwischen den Weltkriegen zu Polen gehörten, müssen sie an dieser Stelle ebenfalls erwähnt werden. Die ersten deutschen Siedlungen entstanden hier beidseits der Straße von Rowno nach Shitomir, zogen sich aber bis Kiew hin. Ein Teil der Zuwanderer gehörte zu jener Einwanderungsbewegung, die Katharina II. 1763 in Gang setzte. Ein anderer Teil kam in der Zeit des polnischen Aufstandes 1830/32 hierher, als die Deutschen in Polen schlecht gelitten waren. Im Gegensatz zu den Gebieten an der Wolga oder am Schwarzen Meer handelte es sich zumeist um Einzelhöfe. Auch hier schufen die deutschen Kolonisten aus Urwald blühendes Ackerland. Als Zar Alexander II. den Deutschen den Landerwerb erschwerte und ihre Entwicklung hemmte, zogen viele von ihnen weiter nach Sibirien oder ließen sich in den Ostseeprovinzen, den heutigen baltischen Staaten, nieder. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Zahl der verbliebenen Deutschen auf 150.000 geschätzt.

Im Heer des Zaren

In allen größeren Städten Rußlands gab es Deutsche, deren Väter vor Generationen als Handwerker, Kaufleute, Soldaten, Gelehrte und Ingenieure eingewandert waren. Sehr viele aus dem Baltikum! Die große Zahl deutscher Namen im zaristischen Heer, in der Marine, in der Verwaltung, aber auch bei den Banken, Handelshäusern und unter den Industriellen fiel in vielen Städten auf. Vor dem Ersten Weltkrieg lebten allein in Petersburg 50.000 Deutsche, in Moskau 20.000, in Saratow gleichfalls 20.000, in Odessa weit über 10.000. Deutsche Vereine, Zeitungen, Schulen und Gottesdienste gehörten hier zum normalen Stadtbild. Die ständigen Kontakte mit der russischen Mehrheitsbevölkerung führten hier jedoch sehr viel schneller zur Assimilation im Russentum als in den ländlichen deutschen Siedlungsgebieten, wo sich deutsche Sprache und Kultur - zumindest in Resten - sogar über beide Weltkriege hinweg retteten. Bis zum Ersten Weltkrieg hielten sich in Petersburg die bereits 1712 gegründete deutsche Petrischule und einige weitere Schulen deutscher Sprache mit Eliteanspruch, in die auch reiche russische Familien ihre Kinder schickten. Auch deutsche Kindergärten wurden hier bis zu Beginn des Ersten Weltkrieges zumindest geduldet. Allein in Moskau besuchten über 3.000 Schüler deutsche Schulen.

Noch heute erhalten: Kolonisten aus Württemberg gründeten 1804 den Badeort Lustdorf bei Odessa am Schwarzen Meer. Fotos (2): Greve

Vom Zaren bewundert: Der Deutsche Johann Cornies (1789 bis 1848) schuf aufgrund seines großen Einfallsreichtums in wüster Landschaft eine blühende Zivilisation.