© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 06. September 2003


Die Gesichter des Todes
Neue Erkenntnisse über die Morde an Mauer und Stacheldraht

Ihr Freiheitswille war "stärker als die Angst", mit diesen Worten stellte Alexandra Hildebrandt von der "Arbeitsgemeinschaft 13. August" die Zwischenbilanz der Todesopfer des DDR-Grenzregimes vor. Fall für Fall anhand der Akten überprüft, sind nunmehr 1.008 Todesfälle durch das Grenzregime der DDR dokumentiert. Waren 1989 noch 191 Todesopfer angenommen worden, ergaben die Recherchen bis zum 13. August 2002 bereits 985 Tote durch das Grenzregime der DDR. Obwohl sechs Fälle nach sorgfältiger Prüfung wieder aus der Statistik herausgenommen wurden, kommt man nun auf 1.008 Fälle von Menschen, die zu Tode gebracht wurden, weil das sogenannte Arbeiter- und Bauernparadies niemanden gehen lassen wollte.

Der Tod hatte dabei viele Gesichter: In den Listen finden sich die Erschossenen und Minenopfer genauso wie die Fälle, bei denen Menschen in der bedrohlichen Atmosphäre der Grenzkontrollen durch die Staatssicherheit starben. Ein solches Schicksal ereilte etwa Elle Richter, die am 25. Mai 1971 in der Berliner Grenzübergangsstelle Friedrichstraße, dem "Tränenpalast", einem Herzinfarkt erlag.

Die vorgestellte Liste liest sich beklemmend: gemeinsam zu Tode gebrachte Ehepaare, erschossene Kinder, der Fall der erschossenen hochschwangeren Frieda Klein oder auch die Geschichte von Elsbeth Jurowski, die zusammen mit ihrem Hund im Kugelhagel verblutete, lassen hinter jedem Toten eine traurige Geschichte erahnen. Elsbeth Jurowski ist eine der neu entdeckten Grenztoten, und Alexandra Hildebrandt geht davon aus, daß weitere, bisher unbekannte Schicksale ans Tageslicht kommen werden.

Der Arm der SED war lang. Aufgelistet wurden auch diejenigen, die nach erfolgreicher Flucht im Westen liquidiert oder zurückgeholt und dann getötet wurden. Auf einer Pressekonferenz erklärte Frau Hildebrandt, daß auch im Fall des ehemaligen westdeutschen Grenzschutzbeamten Plüschke die Recherchen noch nicht abgeschlossen seien. Er verletzte am 14. August 1962 den Hauptmann der Grenztruppen der DDR, Rudi Arnstadt, tödlich, nachdem dieser auf die BGS-Beamten das Feuer eröffnet hatte. Staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen den BGS-Beamten erkannten auf Notwehr, und das Verfahren wurde eingestellt. Der ehemalige BGS-Beamte arbeitete nach dem Ende seiner Dienstzeit als Taxifahrer und offenbarte sich erst nach der Wende im Hessischen Fernsehen als der Todesschütze. Von diesem Tag an wurde er bedroht und am 15. März 1998 auf der B 84 bei Hünfeld erschossen (Das Ostpreußenblatt hatte am 24. Ok- tober 1998 über diesen Fall berichtete). Der Täter hatte professionell gearbeitet. Parlamentarische Anfragen des Fuldaer Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann im Jahr 2001 ergaben, daß im Ermittlungsverfahren zwar rund 100 Hinweisen nachgegangen wurde, Fingerabdrücke, Fremdblut oder geeignete DNA-Materialien konnten aber nicht sichergestellt werden. Ein Racheakt ehemaliger Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit wurde als Spur verfolgt, die Anfragen beim Landesamt für Verfassungsschutz blieben jedoch ergebnislos. Das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Fulda wurde eingestellt, der Mord bleibt mysteriös.

In die Liste der "Arbeitsgemeinschaft 13. August" wurden aber auch die Fälle aufgenommen, in denen An- gehörige der "Bewaffneten Organe" der DDR oder der sowjetischen Streitkräfte durch eigene Leute getötet wurden. Bekanntestes Beispiel ist wohl der in der DDR als Held gefeierte Grenzsoldat Egon Schulz. Angeblich am "Tunnel 57" von westlichen Provokateuren ermordet, starb er im Feuer seines eigenen Kollegen, wie das in der DDR geheimgehaltene Obduktionsprotokoll der Stasi-Ärzte verrät.

Die Aufarbeitung der Diktatur, die ein ganzes Land zum Gefängnis machte, verläuft dabei zur Zeit sehr seltsam. Man mag vielleicht bei Lehrern, die aus dem Schuldienst der DDR übernommen worden sind, noch verstehen, daß sie ihren Schülern ein verklärtes Bild der SED-Diktatur vermitteln wollen, auch um sich selbst vor möglichem Rechtfertigungsdruck zu schützen. Statt der "Ostalgie"-Welle im Fernsehen wäre es jedoch angemessener, die Todesbilanz des sogenannten "Grenzsicherungssystems" der SED-Diktatur in den Medien und in den Schulen zu vermitteln. G. D.

Erinnern: Menschen stehen in Berlin vor Kreuzen, die an die Toten an der Berliner Mauer erinnern. Zwischen 1961 und 1989 kamen Schätzungen zufolge allein an den Berliner Grenzanlagen 239 Menschen ums Leben. Foto: dpa