© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 06. September 2003


Gedanken zur Zeit:
Mit dem Grundgesetz unterm Arm / Die Bundeswehr - Soldaten oder Söldner? 
von Hans-Joachim von Leesen

Nach einem Vortrag, den der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Wolfgang Schneiderhan, in Kiel über die Wandlung der Bundeswehr in eine Interventionsarmee gehalten hatte, die überall in der Welt eingesetzt werden könne, fragte ein älterer, offenbar pensionierter Bundeswehr-Offizier den Referenten, ob es in der Bundeswehr keine Unruhe über diese Einsätze gebe, da doch das Grundgesetz festlege, daß unsere Streitkräfte nur für die Verteidigung aufgestellt worden seien. General Schneiderhan schüttelte den Kopf. Nein, Unruhe aus solchen Gründen habe er nirgendwo unter den Soldaten erlebt. Und weiter: "Da sind unsere jungen Soldaten schon weiter."

Weiter wovon? Offenbar ist der Generalinspekteur der Ansicht, daß ein Bundeswehrsoldat falsch liegt, der an den bekannten Worten des Verteidigungsministers Struck (der selbst nie gedient hat) zweifelt, Deutschland werde am Hindukusch verteidigt. Wäre jener Soldat noch nicht "weit" genug, der da meint, die Bundeswehr habe sich - zumal wenn sie zum großen Teil aus Wehrpflichtigen besteht - mit der Verteidigung des eigenen Landes zu begnügen? Offenbar würde ein Soldat, der immer noch mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumläuft, heute als rückständig, als noch nicht "weit genug" gelten. Aber sind nicht überall einsetzbare Soldaten eher ein Rückfall in die Zeit der Söldner-Heere? Die Fürsten unterhielten Heere, die keinerlei Beziehungen zur Nation hatten. Der Soldat gehörte einem Kriegerstand an, der als ein in sich abgeschlossener Teil betrachtet wurde. Die stehenden Heere hatten die Aufgabe, die Bauern und Gewerbetreibenden eines Staates in die Lage zu versetzen, im Falle eines Krieges ohne Unter- brechungen ihren Verrichtungen nachgehen zu können.

Es erwartete niemand, daß die Söldner irgendeine Bindung an ihr Vaterland hatten. Sie sollten im Handwerk des Soldaten gut ausgebildet sein und dieses Handwerk dort ausüben, wohin ihr Fürst sie schickte. Fürsten konnten folgerichtig ihre Soldaten auch an andere Fürsten verkaufen, ein Verfahren, das nach der Aufklärung bei führenden Persönlichkeiten des deutschen Geisteslebens höchste Abscheu erregte - man denke an Schillers "Kabale und Liebe".

Ein Vierteljahrhundert später hatte sich diese Welt überlebt. Scharnhorst, Gneisenau und Clausewitz und die anderen Reformer erwirkten das Bündnis zwischen Regierung und Nation und damit auch zwischen der Armee und dem Volke. Nur dadurch ist die allgemeine Wehrpflicht gerechtfertigt, die zusammengefaßt wird in dem Satz: "Alle Bewohner des Staates sind geborene Verteidiger desselben." Nun werden deutsche Soldaten in die entferntesten Ecken der Welt geschickt, ohne daß die Bundesregierung die Frage beantworten kann, ob es in Afghanistan deutsche Interessen durchzusetzen gilt, die es rechtfertigen, daß die Regierung unseren Soldaten zumutet, ihr Leben in einem fremden Land zu riskieren und möglicherweise zu verlieren.

Nachdem man unseren Soldaten jede Verbindung zur Tradition abgeschnitten hat, ist der Rückfall in den Stand des Söldners um so leichter. Die Masse der vom Nato-Geist geprägten Bundeswehr-Offiziere, und je höher in der Rangordnung, desto deutlicher, hat kaum noch eine Bindung an ihre Nation. Dazu der weltweit anerkannte israelische Militärhistoriker Martin van Creveld in einem Interview der Zeitschrift Sezessio: "In der Tat ist der Zustand der Bundeswehr erschreckend. Es handelt sich lediglich um eine bürokratische Maschine ohne Zweck und ohne Geist. Ich bin fast regelmäßig bei der Bundeswehr zu Besuch und habe den Eindruck, keiner weiß, wozu diese Armee überhaupt da ist ... Sie darf keine Tradition haben. Ohne Tradition aber kann keine Armee funktionieren."

Die Bundeswehr funktioniert zwar in allen Gebieten, wohin sie im Auftrage der USA geschickt wird, aber eine Bindung an ihre Nation hat sie nicht (mehr). Da kann es nicht verwundern, daß, wie es General Schneiderhan beklagte, die Bundeswehr in der öffentlichen Diskussion lediglich als "Kostenträger" in Erscheinung tritt.

Und der ehemalige Außenminister Genscher ist zwar "betroffen", wie er sagte, daß die deutsche Öffentlichkeit lediglich mit Desinteresse auf die bisher zwölf in Kabul getöteten Bundeswehr-Soldaten reagiert, fragt aber nicht nach den Gründen.

Daß unsere Soldaten bei dieser Politik keine Verbindung zu ihrer Nation mehr haben, daß sie eben schon "weiter" sind, das kostet seinen Preis.

Selbst hohe Offiziere haben kaum noch einen Bezug zur Nation