© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 06. September 2003


Ein Leben an der Kette
Siamesische Zwillinge: Ein Roman über das gar nicht so neue Problem in der Medizin

Ihr Schicksal erschütterte die Welt: 29 lange Jahre hatten die iranischen Schwestern Ladan und Laleh Bijani, aneinandergekettet durch eine Laune der Natur, miteinander verbringen müssen. Dann endlich fanden sie den Mut zu einer Operation - und den Arzt, der sie von dieser Fessel befreien sollte. Einem Team von 28 Spezialisten gelang es allerdings nicht, die am Kopf zusammengewachsenen Schwestern zu trennen. Nach einer fast 50 Stunden währenden Operation starben sie schließlich doch ...

Siamesische Zwillinge werden meist noch im Säuglingsalter getrennt, oft erfolgreich, wenn alle lebenswichtigen Organe zweimal vorhanden sind. Eine jahrelange Nachbehandlung ist allerdings auch dann erforderlich. Manches Mal entschließen sich verzweifelte Eltern sogar, ein Kind zu opfern, um dem anderen ein "normales" Leben zu ermöglichen. Auf etwa 100.000 bis 200.000 Geburten kommt ein siamesisches Zwillings- paar, davon sind die meisten allerdings nicht lebensfähig. Und so schätzt man die Überlebenden bei 1:1 Million.

Mit Hilfe von Ultraschall kann heute eine erste Diagnose bereits im Mutterleib vorgenommen und rechtzeitig erkannt werden, ob sich die Kinder während ihrer frühen Embryonalphase komplett getrennt haben. Falls nicht, kann es zu siamesischen Zwillingen kommen, die dann meist am Brust- oder Kreuzbein, aber auch wie im Fall der Schwestern Bijani am Kopf zusammengewachsen sind.

Menschen, die mit einer solch extremen Behinderung zur Welt kommen, kannte man auch schon in grauer Vorzeit. So wurde um 6.500 v. Chr. eine neolithische Marmorstatue in Anatolien geschaffen, die eindeutig siamesische Zwillinge darstellt. Felsenzeichnungen in Australien, Skulpturen von den pazifischen Inseln und eine Mochica-Keramik aus Peru (500 v. Chr.) stellen dieses Phänomen ebenfalls dar. Selbst der römische Gott Janus mit seinem Doppelgesicht kann als symbolisierte Darstellung angesehen werden.

Seit je wurden siamesische Zwillinge als "Monster" gefürchtet. Im Mittelalter glaubte man gar, sie seien entstanden durch einen Zeugungsakt der Mutter mit dem Teufel - was Wunder, daß die bedauernswerten Frauen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden.

Eine erste erfolgreiche Trennung von siamesischen Zwillingen fand übrigens in den USA vor mehr als 50 Jahren statt, im berühmten Mount Sinai Hospital von Cleveland/Ohio. Weniger glücklich waren Mascha und Dascha, ein Zwillingspaar aus der Sowjet-union. 1950 geboren, paßten sie gar nicht in das Menschenbild des Kommunismus. Der Mutter wurde gesagt, die Kinder seien bei der Geburt gestorben; in Wirklichkeit aber landeten sie in einem Labor, wo unmenschliche Versuche mit ihnen angestellt wurden. In die "Freiheit" entlassen, verfielen sie dem Alkohol und starben im April 2003. Eine Trennung ist nie versucht worden.

Siamesische Zwillinge - das Wort geht meist problemlos über die Lippen; doch weiß man, woher dieser Name überhaupt stammt?

Chang und Eng, geboren am 11. Mai 1811 in Meklong, etwa 100 Kilometer westlich von Bangkok im damaligen Siam, heute Thailand, waren vom Brustbein bis zum Nabel miteinander verwachsen. "An dem Tag, an dem wir geboren wurden, rannten die Hebammen vor unserer monströsen Gestalt davon und überließen es unserer Mutter, die Nabelschnur zu durchschneiden, uns zu entwirren und zu baden. Zwanzig Jahre später kamen die Bürger zweier Kontinente angerannt, um zu glotzen ..." So hört man in dem Roman von Mark Slouka Eine Laune Gottes (Karl Blessing Verlag, München. 352 Seiten, geb. mit Schutzumschlag, 22 Euro) Chang sprechen, wenn er von seinem, von ihrem Leben erzählt. Einem Leben voller Abenteuer, voller Demütigungen, aber auch mit Höhepunkten, voller Leid, aber auch mit angestauter Wut über das gemeinsame, nicht zu trennende Schicksal zweier Männer, die durch eine "Laune Gottes" aneinandergekettet wa-ren.

Chang und Eng - Monster, ein Wunder der Natur, eine Zirkusattraktion. Sie lassen sich, nach langem Zögern, überreden, sich in Europa und Amerika zur Schau zu stellen. Sie werden bestaunt und bejubelt, sie werden betrogen und verlassen, doch immer schaffen sie es, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen, ihr gemeinsames, untrennbares Leben. Schlafen und essen, schwimmen und laufen, die Erledigung menschlicher Bedürfnisse - alles stets zu zweit, ein Alptraum für "Einzelgänger". Und doch führen die Brüder später, als sie amerikanische Staatsbürger und rechtschaffene Farmer geworden sind, ein reges Familienleben. Sie heiraten ein Schwesternpaar, nehmen den Namen Bunker an und zeugen Kinder: Eng 11, Chang 10, darunter keine Zwillinge.

Trotz, oder gerade wegen der Nähe entwickeln sich die Brüder zu zwei vollkommen eigenständigen Individuen. Eng findet Trost im christlichen Glauben, während Chang seiner großen Liebe Sophia auch nach Jahrzehnten noch nachtrauert. Eines Tages entbrennt ein fürchterlicher Streit zwischen den beiden, sie prügeln sich krankenhausreif ...

Mark Slouka hat mit diesem Buch einen packenden historischen Roman geschrieben, aber auch einen Roman über die Sehnsucht des Menschen nach Freiheit und Selbstbestimmung. Chang und Eng sind nicht zuletzt Sinnbilder für die Abhängigkeit der Menschen untereinander, nur daß "Einzelgänger" selbst entscheiden können, wann sie die Richtung ändern wollen, in die ihr Lebensweg sie führen soll.

Chang und Eng Bunker starben im Alter von 63 Jahren am 16. Januar 1874. Chang war alkoholkrank geworden, erlitt einen Schlaganfall und bekam später eine Lungenentzündung. Eng hat ihn nur um zwei Stunden überlebt. Ihr Grab befindet sich auf dem Friedhof in White Plains, North Carolina. Silke Osman

Operation mißlungen: Die Schwestern Laleh und Ladan waren am Kopf zusammengewachsen

Foto: Archiv

Wurden 63 Jahre alt: Die siamesischen Zwillinge Chang und Eng wurden auf Jahrmärkten und im Zirkus zur Schau gestellt

Foto: aus dem besprochenen Band