© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 06. September 2003


Die Geschichte hat geöffnet
Berliner Höhepunkte zum Tag des offenen Denkmals 
von Silke Osman

Auch in diesem Jahr wird das zweite Wochenende im September wieder ganz im Zeichen des Denkmalschutzes stehen. Zum 11. Mal erwarten die Veranstalter am "Tag des offenen Denkmals" bundesweit eine große Zahl von Architektur- und Geschichtsliebhabern, die sich für das Erbe der Väter begeistern können. In vielen Städten und Gemeinden werden am 14. September Kulturdenkmale, die der breiten Öffentlichkeit sonst meist verschlossen sind, für Besucher zugänglich sein. Windmühlen, Dorfkirchen und Bürgerhäuser, Schlösser, Burgen und Herrenhäuser, historische Friedhöfe, industrielle Anlagen oder auch Bauernhöfe bieten an diesem Tag "Geschichte zum Anfassen". Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die diese Aktion im Rahmen der "European Heritage Days" koordiniert, will so historische Denkmale in das alltägliche Leben einbinden. 6.700 Bauwerke und histo- rische Stätten werden in diesem Jahr an der Aktion beteiligt sein. "Nur für wenige Denkmale kommt eine museale Nutzung in Frage, die Mehrzahl steht mitten im Leben", betonte Gottfried Kiesow, Vorstandsvorsitzender der Stiftung, einmal in einem Interview gegenüber unserer Wochenzeitung. "Diese alltäglichen, aber oft nicht zugänglichen Denkmale zu öffnen, das ist die Idee des Tages des offenen Denkmals."

Das Motto lautet in diesem Jahr "Geschichte hautnah: Wohnen im Baudenkmal". Wohnen im Denkmal - das heißt meist neues und anderes Wohnen, in ehemaligen Fabriken, Schulen, ja sogar ungenutzten Kirchen. Auf diese ungewöhnliche Weise wird die historische Bausub-stanz erhalten. Neues Wohnen wird auf die Berliner nicht zutreffen, die ohnehin bereits in historisch wertvollen Gebäuden leben. Tausende gar werden vielleicht bald in einem sogenannten Welterbe wohnen, dann nämlich, wenn die Unesco dem Vorschlag der Ständigen Kultusministerkonferenz nachkommt, und sechs Siedlungen in die Welterbeliste aufnimmt: die Gartenstadt Falkenberg (Tuschkastensiedlung) in Treptow-Altglienicke von Bruno Taut und Ludwig Lesser (1913- 1915), die Siedlung am Schillerpark in Wedding, ebenfalls von dem Königsberger Bruno Taut geschaffen (1924-30), die sogenannte Hufeisensiedlung (Fritz-Reuter-Stadt) in Neukölln-Britz von Taut und seinem Königsberger Landsmann Martin Wagner (1925-31), die Bau- und Gartendenkmalbereiche in der Wohnstadt Carl Legien von Bruno Taut und Franz Hillinger in Prenzlauer Berg (1929-30), die Weiße Stadt genannte Großsiedlung von Bruno Ahrends, Wilhelm Büning und Otto Rudolf Salvisberg sowie Ludwig Lesser in Reinickendorf (1929-31) und die Großsiedlung Der Ring, 1929-31 unter der künstlerischen Gesamtleitung von Hans Scharoun, Martin Wagner und Leberecht Migge (Gartenarchitekt aus Danzig) für die Siemensstadt zwischen Charlottenburg und Spandau geschaffen. Jörg Haspel, Landeskonservator in Berlin, sieht den besonderen Wert dieser Siedlungen darin, daß "sie über weite Strecken nicht bloß ihr historisches Gepräge in der Substanz bewahrt, sondern auch in der angestammten Nutzung als historischer Wohnort die Generationen überdauert haben und bis heute gefragt sind". Kein Wunder also, wenn diese auch international bedeutenden Siedlungen einmal am 11. September auf dem 17. Berliner Denkmaltag, aber auch am Tag des offenen Denkmals am 14. September besondere Beachtung finden.

Neben den Siedlungen als Beispiele des Neuen Bauens in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind gerade auch in Berlin viele Denkmale zugänglich, die an Preußens Geschichte erinnern, wie etwa das Fundamentgewölbe des einstigen Nationaldenkmals für Kaiser Wilhelm I. am Schloßplatz oder der Berliner Dom, wo man die 100 Sarkophage und Särge sowie Grabdenkmäler der Hohenzollern besichtigen kann. Wie die preußischen Herrscher einst lebten, zeigt ein Besuch des Schlosses Charlottenburg, während das älteste Haus Charlottenburgs in der Schu-stehrusstraße 13 Einblick gibt in das bürgerliche Leben des Viertels.

Ins Reich der Toten führt ein Besuch der historischen Friedhöfe in Berlin, wie etwa des Dorotheenstädtischen Friedhofs, wo Schinkel und Stüler, aber auch Hegel, Fichte und Brecht ihre letzte Ruhe fanden. Auf dem Alten Berliner Garnisonfriedhof, der um 1706 angelegt wurde und als herausragendes Denkmal der Kulturgeschichte gilt, sind viele Grabstätten Berliner Ehrenbürger wie des romantischen Dichters de la Motte-Fouqué oder der Generäle der Befreiungskriege zu sehen. Ihre letzte Ruhestätte fanden Käthe Kollwitz oder der Astronom Archenhold auf dem Zentralfriedhof Fried-richsfelde. In Berlin einem türkischen Friedhof zu begegnen, wird heute kaum erstaunen, gilt die Metropole doch seit langem als größte türkische Stadt außerhalb der Türkei. Erstaunen allerdings dürfte man, wenn man hört, wann dieser Friedhof eröffnet wurde: 1866. Seine Entstehungsgeschichte begann, als 1798 der erste ständige osmanische Botschafter in Preußen, Ali Aziz Efendi, starb und erstmals ein Moslem in Berlin bestattet werden mußte ...

Natürlich haben sich auch viele Kirchen dem Tag des offenen Denkmals angeschlossen, wie die Pfarrkirche St. Bonifatius in Kreuzberg, die ein Altarbild des Königsbergers Fred Thieler besitzt, oder die Christophoruskirche in Köpenick, die am 13./14. September eine Ausstellung zu Johannes Bobrowskis "Schattenland Ströme" zeigt (15 bis 18 Uhr). Sehenswert sein dürfte auch die evangelische Kirche St. Peter und Paul auf Nikolskoe, der einzige öffentliche Bau Berlins, der seit der Schinkelzeit unzerstört und original erhalten blieb.

Der jüngeren Geschichte begegnet man beim Besuch des ehemaligen Bundeshauses des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, 1922-23 geschaffen von Franz Hoffmann und dem Königsberger Max Taut im Stil des Neuen Bauens und heute ein Musterbeispiel moderner Architektur der 20er Jahre (Führung am 13. September). Der Allensteiner Erich Mendelsohn schuf 1930 das Haus des Deutschen Metallarbeiterverbandes in der Alten Jakobstraße. Ob es gelungen ist, mit dem gegenüberliegenden Willy-Brandt-Haus ein künstlerisches Pendant zu schaffen, muß der Besucher entscheiden. Ebenfalls von Mendelsohn stammt das Landhaus Dr. Bejach im Süden Zehlendorfs, das er 1927 entwarf und das zu den schönsten seiner Art zählen dürfte.

Mehr als 230 Bauwerke und historische Denkmale werden am Tag des offenen Denkmals zugänglich sein. Unmöglich, alle an dieser Stelle zu erwähnen, und so mögen die genannten als Glanzlichter gelten, die aufmerksam machen auf die vielfältige (Bau-)Geschichte der deutschen Hauptstadt. Weitere Aus- künfte zum Tag des offenen Denkmals auch in anderen Bundesländern unter Fax (02 28) 9 57 38-28 oder unter www.denkmalschutz.de 

Windmühlen, Kirchen, Friedhöfe: Alles kann besichtigt werden

Wohnen im Baudenkmal: Die Siedlungen am Schillerpark in Berlin-Wedding (l.) und die Tuschkastensiedlung (r.) in Treptow-Köpenick werden möglicherweise von der Unesco in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Planer beider Kandidaten war der Königsberger Architekt Bruno Taut, der Anfange des 20. Jahrhunderts mit seinen Bauwerken neue Maßstäbe setzte. Foto: Stadtentwicklung Berlin