© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 06. September 2003


Die ostpreußische Familie
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Ruth Geede

Lewe Landslied und Freunde unserer Ostpreußischen Familie!

Wie unsere Familien-Kolumne gelesen wird, zeigt wieder einmal ein Beispiel, mit dem mich Rudolf Müller überraschte. Jener Mann aus Tawern bei Trier, der im Wartezimmer seines Arztes auf die Preußische Allgemeine Zeitung / Ostpreußenblatt stieß und sich sofort an seine Verschleppung als 18jähriger in verschiedene Gefangenenlager im Ural erinnerte. Er suchte dann in unserer Familienspalte nach ehemaligen Schicksalsgefährten, und es meldeten sich auch einige Leidensgenossen, vor allem verschleppte Frauen aus Ostpreußen. Im Mai fand in seiner MoselHeimat ein Treffen statt, an dem leider nicht alle, die sich gemeldet hatten, aus Alters- und Gesundheitsgründen teilnehmen konnten. Wir berichteten darüber. Und nun kam ganz überraschend ein Brief, der schon nach der ersten Zeile aufhorchen ließ: "Es hat sich aber noch viel mehr ereignet!" Was, das will ich im Wortlaut wiedergeben: "Im Juni war Ursula Weltz, geb. Senske bei mir. Auch sie habe ich durch Ihre Zeitung gefunden. Sie kam mit Grethe Müller, die ich nun schon zum dritten Male traf. Ursula Weltz übergab mir Briefe aus jener Zeit - einen, den sie aus dem Lager an ihre Mutter geschrieben hatte, und zwei von dieser an ihre verschleppte Tochter. Auch die Mutter war mit zwei jüngeren Söhnen bis 1950 in polnischen Lagern. Das Leid, das sie dort ertragen mußte, steht in diesen Briefen. Dann stand nach einigen Tagen ein weiterer Leser Ihrer Zeitung vor der Tür. Seine Familie stammt aus Königsberg, und er und seine Frau waren sehr daran interessiert, was diese Frauen in Gefangenschaft erdulden mußten. Dann meldeten sich noch brieflich zwei Schwestern aus Hamburg, die auch den Artikel gelesen hatten. Ihr Vater wurde 1945 aus Ostpreußen verschleppt und verstarb schon im August 1945 ..." Herr Müller hat mir alle erwähnten Briefe als Kopien übersandt. Er - und auch ich - sind erfreut, welche weiten Kreise sein Suchwunsch zieht - und vielleicht auch noch weiter ziehen wird. (Hans Müller, Bachstraße 18 in 54456 Tawern.)

Einen ersten Erfolg hat auch Brigitte Becker-Carus mit ihrem Wunsch nach "Taufengeln" in ostpreußischen Kirchen zu verzeichnen: Eva Droese übersandte ihr verschiedene Unterlagen über Balga, darunter Aufnahmen von der Kirche mit dem von ihr so geliebten Taufengel, der auch für sie und ihren Vater schon das Taufbecken hielt. Leider ist die Kirche nur noch eine Ruine, und der Verfall geht von Jahr zu Jahr weiter. Umso wichtiger ist es, daß solche Informationen erhalten und in einer umfassenden Dokumentation wie der von Frau Becker-Carus auch für die Zukunft bewahrt werden. Eva Droese freut sich, daß "der von uns zu Hause immer wieder bewunderte Taufengel noch einmal ins Gespräch kommt".

So erfolgsgestärkt können wir hoffnungsvoll die nächsten Fragen anpacken. Da wäre eine - von dreien -, die unsere Leserin Ursula Döppner beschäftigt. Ihr Vater war als Polizeibeamter während ihrer Schulzeit in die Mark Brandenburg versetzt worden. Da sie die einzigen in der Großfamilie waren, die nicht in Ostpreußen lebten, war es selbstverständlich, daß die kleine Ursula in den Ferien zu den Verwandten fuhr, immer hübsch reihum. 1935 stand Königsberg auf dem Ferienprogramm - wörtlich genommen, denn Ursula hatte einen Besuch der Albertina, der Universität, eingeplant. In ihrem ersten Physikbuch war nämlich die Abbildung eines Gemäldes zu sehen, das die Tötung des Archimedes durch römische Soldaten zeigt. (Störet mir meine Kreise nicht!) Die Unterschrift besagte, daß dies ein Wandbild von Alexander Piotrowski in der Aula der Albertina sei. Von ihrer Mutter, einer geborenen Piotrowski, erfuhr sie, daß der Maler ein Cousin ihres Urgroßvaters war. Als Ursula nun in Königsberg weilte, schritt sie mir ihrer Cousine Gretel zur Tat: Sie schlichen sich heimlich in die Aula der Universität, um sich das Bild anzuschauen. Es glückte, die Mädchen wurden nicht entdeckt. Sie waren sehr beeindruckt von dem Gemälde. Und nun kommt Ursula Döppner zu ihrer Frage: Gibt es eine Abbildung von dem Wandgemälde in der Aula der Königsberger Universität? Ich habe es in meinen Büchern nicht entdecken können, wohl aber den Hinweis, daß Alexander Piotrowski im 19. Jahrhundert ein über Königsberg hinaus bekannter Maler war. So, das wäre Frau Döppners erster Wunsch. Die beiden anderen werde ich wohl selber erfüllen können. Wenn nicht: Familie! (Ursula Döppner, Neckarstraße 8 in 65795 Hattersheim.)

Oft haben die Schicksalsgefährten meiner Generation über das geschwiegen, was sie erleben und erleiden mußten. Viele konnten es nicht mitteilen, wollten wohl auch nicht ihre Kinder damit belasten, sie blockten einfach alles ab, was mit Herkunft und Vergangenheit zu tun hatte. Und so kommt es, daß erst jetzt ihre Nachkommen nach ihren Wurzeln suchen, ja, daß das Interesse durch die Unkenntnis erst recht geweckt wird. Da die Eltern oder Großeltern vielleicht nicht die Preußische Allgemeine Zeitung / Ostpreußenblatt hielten, kennen sie auch nicht unsere Zeitung und damit auch nicht die Ostpreußische Familie. Aber jetzt stoßen sie im Internet auf uns und sind froh, endlich einen Weg gefunden zu haben, um nachforschen zu können.

So wurde auch August Eversmeier auf uns aufmerksam und kann jetzt gezielt auf Spurensuche gehen. Seine Frau stammt aus Gumbinnen. Über ihre Vorfahren mütterlicherseits ist kaum etwas bekannt. Ihr Großvater war der Landjäger Hans Falz. Geburtsort und -datum sind unbekannt. Er wohnte mit seiner Frau Anna, geb. Kislat zunächst in Eschingen (Escherningken) bei Gumbinnen. Seine weiteren Dienstorte waren Willkischken und Treuburg. Dorthin wurde er nach Aussagen seiner 1994 verstorbenen Tochter, also der Mutter von Frau Eversmeier, im Jahre 1936 strafversetzt, weil er nicht in die NSDAP eintreten wollte. Er muß 1939 verstorben sein. Unsere Frage: Wer hat Hans Falz gekannt, hatte mit ihm dienstlich zu tun oder war mit ihm privat bekannt? Da der Name selten ist, könnten sich ältere Landsleute auch nach 65 Jahren an ihn erinnern. Vielleicht melden sich ja auch Namensträger, so daß sich weitere Informationen nach der Herkunft ergeben. (August Eversmeier, Wiesenstraße 3 in 32602 Vlotho, Telefon 0 57 33/45 43.)

Wie hoch der Bekanntheitsgrad unserer Ostpreußischen Familie ist, beweist ein Brief von Karla Hinch-liffe, denn er kommt aus England. Damit nicht genug, die Schreiberin stellt auch Fragen, die Ostpreußen nicht betreffen, sondern Mitteldeutschland und Schlesien. Das bezeugt das große Vertrauen in unsern inzwischen erweiterten Leserkreis, der nicht zuletzt durch den Titel Preußische Allgemeine Zeitung dokumentiert wird. Aber auch unsere großartigen Erfolge schlagen wohl zu Buch. Hoffen wir, daß er uns auch in diesem Fall beschieden wird. Frau Hinchliffe sucht einen ihrer Paten. Sie wurde am 19. Juni 1938 in Nordhausen/ Harz in der St. Blasii-Petri Kirche getauft. Paten waren: Kläre Diener, Gertrud Prox und Max Borowski aus Breslau. Dieser soll damals Offizier gewesen sein. Frau Hinchliffe hat ihren Taufpaten nie treffen können, auch über sein weiteres Schicksal konnte sie nichts erfahren. In ihrer Familie gibt es auch eine Verbindung zu Breslau, denn die Schwester ihrer Großmutter, Franziska Koeppcke, hat mit ihren Töchtern Alice und Ingeborg in Breslau gewohnt, nachdem ihr Ehemann im Ersten Weltkrieg gefallen war. Vielleicht entstand damals eine engere Beziehung zu Max Borowski oder seiner Familie, denn nicht umsonst wurde ihm ja die Patenschaft für Karla angetragen. Ich bin neugierig, ob sich tatsächlich über unsere Ostpreußische Familie irgendwelche Hinweise ergeben. Aber da haben wir ja schon ganz andere Dinge erlebt! (Zuschriften an Karla Hinchliffe, 15 Charlton Court Road, Cheltenham, GL 52/ 6 JB, England)

Und nun wollen wir noch ein bißchen plachandern, da wir ja jetzt mehr Platz haben - noch einmal sei unserm Chefredakteur Hans-Jürgen Mahlitz dafür Dank gesagt. Auch im Namen vieler Leser und Leserinnen, die ebenso erfreut darüber sind - ich hab's schriftlich! Anlaß für dieses kleine Plachanderstündchen ist ein Brief von Waltraud Kamm. Sie kam erst etwas verspätet dazu, Folge 27 unserer Zeitung zu lesen. Zuerst spricht sie der Redaktion ihren Dank für die Veröffentlichung des Artikels "Ein Deal unter Ehrenmännern" von Prof. Dr. Hans-Joachim Selenz aus. Frau Kamm und ihr Mann sind empört über die Schlechtigkeit der uns Vorbild sein sollenden Menschen. Aber das ist nicht der eigentliche Grund ihres Schreibens, sondern das in der gleichen Ausgabe veröffentlichte Rezept für unser ostpreußisches Leibgericht "Schmand mit Glumse!" Da muß sie ein "Veto" einlegen! Frau Kamm schreibt: "Ich bin ja in Metgethen bzw. Königsberg geboren, hatte noch Bruder und Schwester. Und viele, viele schöne Sonntage wanderte unsere Familie nach Vierbrüderkrug, Bärwalde oder Wargen. Dort erwartete uns ein Hochgenuß: Im Gasthaus mit Blick auf den See spendierte mein Vater Schmand mit Glumse. Köstlich!" Ja, und diese Köstlichkeit wurde in Wargen in einem tiefen Teller serviert, in dem sich ein Berg Glumse erhob, bedeckt mit zerbröckeltem Schwarzbrot, übergossen mit süßer Sahne und bestreut mit Zimtzucker." Liebe Frau Kamm, es mag wirklich wunderbar geschmeckt haben, aber meine Erinnerung hält sich doch an dem veröffentlichten Rezept fest. So wurde es uns auf Ausflügen nach Neuhausen im "Eichenkrug" serviert: mit Schmand, Salz und Kümmel. Wie ich bisher festgestellt habe, die am meisten verbreitete Zubereitungsart unserer Leibspeise. Aber bekanntlich driften ja bei Rezepten die Meinungen immer auseinander, weil die je nach Region oder Familie variieren. Und wenn sie bedenken, daß beide erwähnten Gasthöfe im Samland lagen und doch so abweichende Zubereitungen boten, dann kann man sich vorstellen, wie unterschiedlich das Gericht erst in ganz Ostpreußen auf den Tisch kam. Mir ist sogar eine Version mit Zwiebeln bekannt! Bleibe jeder bei seiner Leibspeise! Wenigstens in der Erinnerung: so kalorienreich würde uns der Glumsberg im Schmandsee heute nicht mehr bekommen!

Zum Schluß wieder einmal ein Angebot: Aus dem Nachlaß seines Vaters bietet Herr Marlon Sdun aus Henstedt-Ulzburg (nördlich von Hamburg) die vollständigen, als Folianten gebundenen Ausgaben des Ostpreußenblattes von 1959 bis 1965 an, dazu noch die Jahrgänge 1966 bis 1986 in loser Form. Kostenlos für Selbstabholer oder gegen Erstattung der Transportkosten. (Marlon Sdun, Lindenstraße 19 in 24558 Henstedt-Ulzburg, Telefon 0 41 93/9 15 18.)

Eure

Ruth Geede