© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 06. September 2003


Musik kann nicht denken
Auch neue Biographie kann sich vom Thema "Wagner und die Juden" nicht lösen

Es gibt ganz wenige Menschen, über die soviel geschrieben worden ist wie über Richard Wagner - man spricht von ungefähr 100.000 Titeln, in allen wichtigeren Sprachen der Welt. Das Ergebnis: Man kann praktisch nichts mehr Neues über ihn sagen. Das muß man am Anfang jeder Neuerscheinung über ihn festhalten!

Andererseits zieht gerade er magisch die Autoren an wie kaum ein anderer - und so hat sich auch Ulrich Drüner, Orchestermusiker und Musikwissenschaftler, aufgemacht, um über "Richard Wagner als Künstler" - so der Untertitel - ein 360 Seiten starkes Buch mit den Titel "Schöpfer und Zerstörer" herauszugeben.

Vorweggenommen - und deshalb der Vorspann: Etwas Neues bringt das Buch nicht! Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt die Richtung: das Genie, der Revolutionär, Nietzsche, Wagner der Schriftsteller, Wagner der Deutsche, Wagner der "Vorläufer" und immer wieder Wagner und die Juden. Nichts, was nicht schon zigfach in der Wagnerliteratur ausgeschöpft worden wäre. So kommt es nun ganz darauf an, wie der Autor die einzelnen Themen angeht und da sind zumindest teilweise Aspekte, Erkenntnisse, Überlegungen, die recht originell sind, wenn auch nicht unbedingt ein- und erstmalig.

So ist der manchmal gelungene Versuch, Musik und Ideologie sich entsprechen zu lassen, recht interessant - wie Richard Wagner selbst in "Oper und Drama" sagt: "Die Musik kann nicht denken, sie kann aber Gedanken verwirklichen." Weit entfernt von Zielinskys paranoiden Behauptungen vom Vernichtungsschlag der Pauken im Parsifal als codierte Anweisung zur Endlösung - zwar paranoid, aber von geradezu unglaublicher Erfindungsgabe - zeigt der Autor als ausübender Musiker und Musikwissenschaftler, daß er durchaus die Einmaligkeit Wagnerscher Musik erkennt und im Detail zu beurteilen weiß. Was er über Musik und Dramaturgie der Walküre, Tristans, Parsifals, der Meistersinger sagt, kann sich überall sehen lassen - und wird großartig, wenn er ins kompositorische Detail geht!

Zwanzig Seiten Fußnoten und zehn Seiten Bibliographie erweisen den wissenschaftlich seriösen Cha-rakter der Studie - und Liebe zur Musik Wagners. Was den Schreibstil betrifft, ist das Buch gelungen.

Aber der Genuß der Werke muß uns doch durch permanente Reflexion über des Autors Kardinalthema "Wagner, der Antisemit" gründlich verdorben werden! Ob es um den "Juden" Beckmesser oder die "Jüdin" Kundry, die "Juden" Alberich und Mime, den "Halbjuden" Hagen, den juif errant, den fliegenden Holländer, die in jüdische Nähe gerück-te Venus geht - bei Drüner schauen sie hinter jedem Baum hervor, um ihr schändliches Werk zu vollenden, um die Arier Parsifal und Siegfried, und den Deutschen Hans Sachs, und andere, zu Fall zu bringen ... zumindest in Drüners Vorstellungswelt. Nur Tristan ist judenfrei, und Lohengrin fast!

Inzwischen, seit Zielinskys unseligem Angedenken, ist die Zahl jener Autoren, die Wagner in erster Linie als Antisemiten und nicht mehr als Komponisten sehen, Legion geworden.

Dazu gehört unser Autor ausdrücklich nicht - davor bewahrt ihn seine profunde Kenntnis und seine Liebe zur Musik.

Seien wir ehrlich: Wagner war kein Freund der Juden - obwohl er einige gute jüdische Freunde hatte - und befand sich damit in der Gesellschaft Luthers und Goethes, Dostojewskis und von 99 Prozent der Bevölkerung seiner Zeit, wenn wir dem im vorliegenden Buch zitierten Wagner-Forscher Marc Weiner glauben dürfen.

Er mochte besonders Meyerbeer nicht, und sein Verhältnis zu Heine war ambivalent. Ungleich verhängnisvoller aber ist sein fürchterliches Traktat "Das Judentum in der Musik"! Wir wären alle heilfroh, wenn der Titan dieses widerwärtige, unwürdige Machwerk nie geschrieben hätte. Aber allein deshalb seine in jeder Hinsicht visionäre Weltsicht einzig und allein auf sein Verhältnis zu den Juden einzuengen, ist eben falsch. Jedes Werk, das einzusuggerieren versucht, die Texte und Schriften Wagners seien nur wegen der und gegen die Juden geschrieben, gleichermaßen als durchgehendes Kompositionsprinzip, ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Werner Dremel

Ulrich Drüner: "Schöpfer und Zerstörer - Richard Wagner als Künstler", Böhlau, Köln 2003, geb., 360 Seiten, 34,90 Euro