© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 01. November 2003


Zeitgeschichte: Dogma hinterfragt
Polnische Historiker untersuchen "Bromberger Blutsonntag"

Polnische Historiker sollen im Auftrag des staatlichen Warschauer Instituts für Nationales Gedenken (IPN) die Vorgänge beim sogenannten "Bromberger Blutsontag" am 3. September 1939 neu untersuchen.

Das berichtete am 19. Oktober mit der Gazeta Wyborcza dieselbe Zeitung, die im August durch den Abdruck eines Interviews mit dem Historiker Prof. Wlodzimierz Jastrzebski die bisherige einhellige polnische Interpretation der blutigen Ereignisse in Westpreußen in Frage gestellt hatte.

"In der Stadt gab es keine deutsche Diversion, dafür gab es aber Repressionen und Exekutionen, denen Bromberger Deutsche zum Opfer fielen", erklärte damals der am Institut für Geschichte der Pädagogischen Hochschule in Bromberg lehrende Professor.

Das ausführliche Interview in der Gazeta Wyborcza als einer der größten polnischen Tageszeitungen löste einen ebensolchen nationalen Schock aus wie die Aufdeckung der wirklichen Hintergründe der Juden-Morde von Jedwabno vor zwei Jahren. Es erschütterte das Dogma, wonach die deutsche Bevölkerung Brombergs als "fünfte Kolonne" des Dritten Reiches aus lauter Saboteuren bestanden habe und den von der Wehrmacht zerschlagenen und sich über die Stadt zurückziehenden Abteilungen der polnischen Pommerellen-Armee in den Rücken gefallen sei.

Laut bisheriger polnischer Auffassung hatten diese Verbände im Rahmen von Verteidigungshandlungen die "Diversanten" vernichtet, und jeder Deutsche, der am 3. September in Bromberg ums Leben gekommen ist, sei mit der Waffe in der Hand getötet worden.

Der stellvertretende IPN-Chef Janusz Krupski ließ bereits einen Tag nach Erscheinen des Interviews mit Prof. Jastrzebski verlauten, "daß das polnische Bild vom Blutsonntag heute nicht mehr haltbar ist". Jastrzebski stellt den tatsächlichen Verlauf der Ereignisse wie folgt dar: Am 3. September 1939 flüchteten die zerschlagenen Abteilungen der Pommerellen-Armee über Bromberg nach Süden, weil nur dort die Brücken über den Fluß Brahe noch unzerstört waren.

Marodierende Truppenteile nahmen an der örtlichen deutschen Zivilbevölkerung Rache für die erlittene Niederlage. Sie zerrten die Menschen aus ihren Häusern, bereicherten sich an ihrem Eigentum und erschossen sie zumeist umgehend. Mitunter waren ganze Familien einschließlich kleiner Kinder die Opfer.

Der Begriff "Blutsonntag" ist nur insofern falsch, als auf den 3. September ein nicht minder blutiger 4. September folgte.

Vermutlich beteiligte sich an dem Massaker auch die noch vor Kriegsausbruch in Pommerellen gegründete "Blaue Legion". Diese irreguläre Einheit der polnischen Rechten unter dem Oberbefehl von General Haller gliederte sich in drei Bataillone. Eines von ihnen stand unter der Führung von Oberleutnant Palaszewski und operierte in Bromberg, Nakel, Hohensalza, Mogilno und Strzelno.

Ist es nun bloß ein Zufall, fragt Jastrzebski, daß zeitgleich in Bromberg 358 deutsche Zivilisten ermordet wurden, in Hohensalza 20, in Nakel 2 und in Mogilno 44?

Der deutsche Historiker Hugo Rasmus hat eine Liste der in seiner Heimatstadt Bromberg umgebrachten Deutschen erstellt. Demnach befanden sich unter den 358 Toten 39 Frauen und 55 ältere Menschen. Ein studentischer Mitarbeiter von Prof. Jastrzebski verglich diese Liste nun mit dem kommunalen Einwohnerverzeichnis von 1939 und stellte fest, daß alle genannten Personen zu dieser Zeit Einwohner Brombergs waren, später jedoch nicht mehr erfaßt sind.

Aus dem Interview mit der Gazeta Wyborcza wird klar, daß es keinerlei Beweise für die angeblichen deutschen Diversanten gibt, zumal auch keine polnischen Todesopfer nachweisbar sind, die damit in Verbindung gebracht werden könnten.

Militärmeldungen besagen lediglich, daß einige polnische Zivilisten durch Querschläger verwundet wurden. Außerdem wäre da nur noch der Pole Brunon Pulkowski zu nennen, der sich schützend vor einige zur Erschießung aus ihren Häusern gezerrte Deutsche stellte und daraufhin zusammen mit diesen getötet wurde.

Wlodzimierz Jastrzebski gehörte noch in den 80ern selbst zu den Verfechtern der alten polnischen Beurteilung des "Bromberger Blutsonntags". Doch genauere Recherchen veranlaßten ihn in den letzten Jahren zu einer grundlegenden Meinungsänderung und trugen maßgeblich dazu bei, daß die polnischen Geschichtsbücher in absehbarer Zeit voraussichlich umgeschrieben werden.

Petra Schirren/Gerhard Olter