© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 01. November 2003


Ihr Leben war Kampf
Ein Besuch bei Flutopfer Maria Niederle im sächsischen Weesenstein

Die Jahrhundert-Flut ist unvergessen, die immensen Schäden vielerorts noch präsent. Jeden, der die dramatischen Ge- schehnisse in den Medien verfolgt hat, ließen die damit verbundenen Schicksale nicht unberührt. Allein im sächsischen Weesenstein verschwanden zehn Häuser durch die zerstörerische Kraft der Müglitz. Menschen kämpften um ihr Leben, verloren ihre Habe. Nicht alle der 180 Einwohner des Ortes am Fuße des Erzgebirges sind, entschlossen zum Neuanfang, zurückgekehrt.

12. August 2002: Land unter! Es ging um Sekunden. Maria Niederle klammerte sich mit letzter Kraft an einer Dachrinne ihres Hauses fest. Wellen wie große Wagenräder seien auf sie zugekommen. Wenn nicht die helfende Hand eines Feuerwehrmannes sie noch geschnappt hätte, wäre Maria Niederle von den Fluten davon gerissen worden. In den ersten Tagen danach, der braune Schlamm überall, wollte sie aufgeben, Schluß machen. Doch die junggebliebene 83jährige hielt durch, auf bewundernswerte Weise. Mehrmals hat man inzwischen versucht, sie in ein Altersheim zu stecken. "Mein ganzes Leben war Kampf", sagt Maria Niederle, geboren am 17. März 1920 in Bullendorf, Kreis Friedland, im Sudetenland. Verlust der Heimat, Lagerleben, ein Jahr Ravensbrück, früher Tod der Eltern, da kann sie auch jetzt nichts so leicht aus der Bahn werfen.

Seit über einem Jahr lebt sie in ihrem "Bungalow", einem Container, neben ihrem alten Bahnwärterhäuschen. Es liegt nahe der Bahnstation Burkhardswalde-Maxen, unweit des sehenswerten Schlosses Weesenstein. Erst vor wenigen Jahren wurde hier ihr Traum vom Eigenheim wahr. Nun wollte sie ihn sich nicht wieder zerstören lassen. Wenn auch die Nerven oft blank lagen, heute weiß sie: "Es lohnt sich, noch mal von vorn anzufangen!" So hat sie es auch beruflich gehalten. In den 50er Jahren war sie Filmvorführerin in Dresden, 30 Jahre arbeitete sie für eine staatliche Versicherung im Außendienst. Und bis vor kurzem betreute sie Menschen ihrer Generation, die teilweise sogar jünger waren.

Maria Niederle liebte ihr beschauliches Leben am Waldrand, das Stückchen heile Welt mit ihren Katzen und Rehen und Kühen vor der Haustür. Seit der Flutka-tastrophe ist alles anders. Die Angst, daß das Wasser wiederkommt, ist immer da. Und das ungute Gefühl, wenn Regen auf ihren Container prasselt. Die Medien haben Maria Niederle zu ihrer "Flut-Oma" gemacht. Kerner holte sie in die große Benefiz-Sendung nach Berlin, und in der achtteiligen ZDF-Reihe "Die Menschen von Weesenstein" spielte sie sozusagen eine tragende Rolle, Fortsetzung folgt. Eine TV-Redakteurin bezeichnete sie als "absoluten Fernseh-Typ".

Die Herzen fliegen ihr zu, wildfremde Menschen rufen an, schreiben ihr, besuchen sie. "Neulich hielt hier sogar ein Bus. Die Handwerker schütteln immer nur die Köpfe", erzählt sie und lacht. Auch hätte sie sich vor dem 12. August 2002 nicht träumen lassen, jemals Fan-Post zu bekommen, insbesondere von jungen Menschen. Kein Wunder, daß ihr die 83 Jahre niemand glauben mag. "Freude macht jung!" sagt sie strahlend. Sportlich sei sie sowieso immer gewesen: "Ich stand ein paarmal auf dem Siegertreppchen."

Vor allem aber sind und waren da ihre "Engel", Menschen, die ihr Mut machen, helfende Hände von überall her, die dazu beitrugen, daß aus dem Schlamm neue Hoffnung entstehen konnte. Schließlich ist fast alles futsch, was ihr durch Jahrzehnte ans Herz gewachsen war. Nur wenige Teile hat sie retten können, mühsam die Spuren der Katastrophe entfernt. Alle wichtigen Papiere waren klitschnaß, sind kaum noch lesbar. Ihr Grundstück glich einem Rummelplatz. Mittendrin, flink wie ein Wiesel, Maria Niederle, die Ärmel hochgekrempelt, unzählige Wassereimer schleppend und mit einer Schiebkarre unterwegs.

Wenn in Kürze die Handwerker ihre Arbeit erledigt haben, wird sie sich besonders über ihr neues Badezimmer und eine Terrasse freuen. Erste Badefreuden sollen mit einem Piccolo begossen werden. Vom Wiedereinzug in ihr rotes Backsteinhaus wird Maria Niederle wohl noch in diesem Jahr in der Talkshow von Johannes Kerner erzählen.

"Wenn ich das jetzt so hab', dann bin ich froh. Und alle Menschen, die mich mögen, können mich besuchen." Ihr Motto lautet: "Man muß ein Ziel haben." In naher Zukunft möchte sie ihre Seniorenbetreuung fortsetzen. Hut ab! Susanne Deuter

Flutopfer: Maria Niederle auf ihrer Baustelle und ... vor Schloß Weesenstein: Unge-brochen Fotos (2): Deuter