© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 01. November 2003


Wie deutsch ist die deutsche Schrift?
Vor 50 Jahren verbannte die Kultusministerkonferenz die Fraktur aus den Schulen 
von Harry Schurdel

Am 4. November 1953 beschloß die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder, daß in den Volksschulen der Bundesrepublik Deutschlands fortan die Lateinschrift als einzig gültige Ausgangsschrift anzuwenden sei. Damit ging endgültig die jahrhundertealte Tradition der Frakturschrift "von Amts wegen" zu Ende.

Es gibt nur wenige andere Kulturträger, die als so "typisch deutsch" gelten wie die Schrift mit den gebrochenen Buchstaben, der denn die Geschichte auch das entsprechende Adjektiv verlieh: die deutsche Schrift. Wiewohl ihre gebrochenen Lettern auch in anderen europäischen Ländern anzutreffen waren, ist sie doch nirgends so lange in Gebrauch gewesen wie im deutschen Sprachraum. Nachdem sie in der Mitte des 16. Jahrhunderts alle anderen Druckschriften verdrängt hatte, befriedigte die sogenannte Fraktur als die deutsche Schrift schlechthin nicht nur die ästhetischen und kulturellen Bedürfnisse der Leser, sondern wurde auch, buchstäblich, zum Sinnbild deutschen Nationalbewußtseins: Seit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit gegossenen beweglichen Lettern zu Mitte des 16. Jahrhunderts erschien das deutsche Schrifttum überwiegend in den gebrochenen Schriften. Der größte Teil des deutschen Geistesgutes ist in diesen Schriften überliefert.

Die deutsche Schrift, vor allem in ihrer handschriftlichen Form, ist heute fast gänzlich verschwunden. Verwendet, wenn auch meist für "Spezialzwecke", werden gebrochene, gedruckte Schriften dennoch weiterhin in vielen Ländern der Erde. Diese "Sonderanwendungen" beziehen sich zumeist auf Werbezwecke im Sinne der Anmutung überkommener Werte wie Beständigkeit und Gediegenheit. Zu den herausragenden, ja täglich wiederkehrenden Beispielen zählen dabei die Titelköpfe so renommierter Zeitungen wie der New York Times, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Le Monde oder der Neuen Zürcher Zeitung - und auch dieser Wochenzeitung, der Preußischen Allgemeinen Zeitung / Das Ostpreußenblatt. Für all diese Beispiele gilt, daß die Fraktur nicht nur aus Traditionsgründen verwandt wird, sondern auch weil diese Schriftart in der Wahrnehmung der Leserschaft auch für Gründlichkeit der Recherchen, Seriosität der Nachrichten und Kompetenz der Kolumnen steht.

Doch spätestens seit der nationalsozialistischen Ära wird zumindest die gotische Druckschrift nicht selten als reaktionär, ja verfemt angesehen. Völlig zu Unrecht: Im Jahre 1941 wurde im Dritten Reich die Frakturschrift zu "Judenlettern", dekretierte die Partei- und Staatsführung die lateinische Druckschrift Antiqua und die lateinische Schreibschrift fortan als "Deutsche Normalschrift". Doch diese Tatsache ist der Öffentlichkeit anscheinend verborgen geblieben, die Frakturschrift war und ist mit einem nazistischen Stigma behaftet.

Alle unsere heutigen Schriftformen stehen in der Tradition der abendländischen Antike. Der direkte Stammbaum der deutschen Schrift führt von der Gotischen Minuskel und der Textura zur Schwabacher und Fraktura, zu deutsch "Bruch, Brechung". Als Martin Luther mit seiner Bibelübersetzung von 1522 entscheidend zur Entstehung einer einheitlichen deutschen Schriftsprache beitrug, gab die Schwabacher Schrift dem Deutschen ihre buchstäbliche Gestalt.

Zu den ersten und bekanntesten Benutzern der Fraktura zählte Albrecht Dürer (1471-1528). Mit ihren feineren Buchstaben gewinnt sie rasch Freunde im deutschen Sprachraum. Mit der Bezeichnung Fraktur werden erstens allgemein alle sogenannten gebrochenen Schrif- ten benannt, das heißt die mit eckigen, eben "gebrochenen" Schriftformen, zweitens versteht man darunter speziell die letzte bedeutende Schriftschöpfung vor der beginnenden Neuzeit. Als Fraktur wird überdies die deutsche Schrift in Druckform bezeichnet, aus der sich wiederum die deutsche Schreibschrift entwickelte. So gibt es also zwei deutsche Schriften respektive Schriftarten, wie sich ja überhaupt die meisten Schriftgattungen in zwei Hauptgruppen unterteilen lassen: die "Buchschriften" und die Kursiven, das heißt die Schreibschriften.

Es gibt sogar so etwas wie die "Erfinder" der Fraktura, unterteilt in einen Inspirator, einen Paten und einen "Macher". Spiritus rector war Kaiser Maximilian, genannt "der letzte Ritter". Der von 1493 bis 1513 regierende Monarch war ein hochgebildeter Renaissance-Herrscher, ins- besondere ein Kenner und Liebhaber der kalligraphischen Kunst, die er als junger Mann selbst erlernt und gern betrieben hatte. In seinen Diensten als kaiserlicher Sekretär stand Vinzenz Rockner, der in der berühmten Schreib- und Rechenschule des Paulus Vischer zu Nürnberg seine Ausbildung erfahren hatte. 1508 gab der Sekretär dem Augsburger Buchdrucker Johann Schönsberger den Auftrag, ein Gebetbuch für den persönlichen Gebrauch des Kaisers herzustellen, das zu einem der großartigsten Werke der deutschen Buchkunst überhaupt wurde.

Als bewußte Gegenschöpfung zur deutschen Schrift kommt zu dieser Zeit, im 16. Jahrhundert, die Humanisten-Antiqua auf; in diesem Kontext bedeutet Antiqua nichts anderes als "Altschrift". Die Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern der Fraktur und der Antiqua, die schon zu Lebzeiten Martin Luthers begonnen hatten, entwickelte sich zu einem kulturellen Dauer- disput.

Die Französische Revolution und der Geist der Aufklärung machten auch nicht vor der Frakturschrift halt. In jener Zeit meldeten sich auch, ganz unerwartet, nationale Kreise und Persönlichkeiten zu Wort, die der Einführung der lateinischen Antiqua-Lettern das Wort redeten. An vorderster Front stand hier der preußische Minister Phi-lipp Karl Graf von Alvensleben, der 1791 seine Denkschrift "zur Einführung der lateinischen Lettern aus Staatsgründen" vorlegte.

Doch mit den napoleonischen Kriegen, die zur Besetzung weiter Teile Deutschlands führten, und der nationalen Aufbruchstimmung im Gefolge der Befreiungskriege erlahmte die Begeisterung für die Ideen der französischen Aufklärung und damit einhergehend für die lateinischen Lettern. Jetzt war wieder die Rückbesinnung auf alles Vaterländische gefragt, was folgerichtig die Stellung der "deutschen" Fraktur wieder stärkte.

Es war aber nicht nur eine nationale, sondern auch eine soziale, ja bildungsbürgerliche Frage, ob man für oder gegen die Fraktur war. So schrieb Goethes Mutter ihrem Sohn am 16. Juni 1794: "Froh bin ich über allen Ausdruck, daß Deine Schriften, alte und neue, nicht mit den mir so fatalen lateinischen Lettern das Licht der Welt erblickt haben; - beim römischen Karneval, da mags noch hingehen - aber sonst im übrigen bitte ich Dich, bleibe deutsch, auch in den Buchstaben."

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dauerte der Streit um die rechten Buchstaben unvermindert an. Im 1871 gegründeten Deutschen Reich wurde die Frakturschrift zur offiziellen Amtschrift, nicht zuletzt auf Drängen des Reichskanzlers Otto von Bismarck.

Seine Aversion gegen die lateinische Schrift fand seine anekdotenhafte Berühmtheit, als er es anno 1886 ablehnte, eine Magistratsdokumentation über die medizinischen Einrichtungen Berlins überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, da sie nicht in Frakturschrift gesetzt war.

Im Jahre 1911 wurde der Schriftenstreit gar Gegenstand einer parlamentarischen Debatte im Reichstag. Die Auseinandersetzung verlief engagiert, ja emotionsgeladen, allerdings nicht ohne Humor: Der SPD-Abgeordnete Geck trug nämlich vor, daß er vor der Sitzung die Anwesenheitsliste durchgesehen habe, wobei er festgestellt habe, daß lediglich ein Dutzend Parlamentarier ihren Namen in Fraktur geschrieben hätten. Worauf er die polemische Frage stellte, ob es denn im Reichstag nur zwölf patriotische Deutsche gäbe. An dieser Redestelle verzeichnete der stenographische Bericht "Große Heiterkeit". Am 17. Oktober 1911 wies der Reichstag das Anliegen der Antiqua-Verfechter mit einer Zweidrittelmehrheit zurück.

Nicht zuletzt diese parlamentarischen Diskurse und Beschlüsse bewogen die preußischen Kultusbehörden, eine für das Königreich genormte Schreibschrift für die Schulen einzuführen, die es bis dato nicht gegeben hatte. Ab 1915, mitten im Ersten Weltkrieg, hatten die preußischen Schüler zwischen Köln und Königsberg eine einheitliche deutsche (Fraktur-)Schreibschrift als Ausgangsschrift sowie eine lateinische Schreibschrift als Zweitschrift zu erlernen. Beide Schriften waren eine Kreation Ludwig Sütterlins, deshalb spricht man auch von der "Sütterlin-Schrift", wobei dieser Begriff landläufig nur der Frakturfassung zugeordnet wird, ja man hält sie vielfach für die einzi- ge deutsche Schreibschrift überhaupt.

Karl Ludwig Sütterlin wurde am 23. Juli 1865 im badischen Lahr geboren. Er erlernte den Beruf eines Lithographen. Mit 25 Jahren verzog er wegen besserer Verdienstmöglichkeiten in die Reichshauptstadt. Neben seiner Arbeit im eigenen Atelier war der Graphiker noch als Lehrer an verschiedenen Kunstanstalten sowie als Berater bei der Reichsdruckerei tätig. Am 20. November 1917, es war der schreckliche "Kohlrübenwinter", starb Ludwig Sütterlin.

Eine einheitliche deutsche Schreibschrift für ganz Deutschland sollte es jedoch erst seit der Anfangszeit der nationalsozialistischen Regierung geben. Am 30. Januar 1934, ein Jahr nach der sogenannten Machtergreifung, trat das "Gesetz über den Neuaufbau des Reichs" in Kraft, das den Ländern endgültig alle Hoheitsrechte, einschließlich der Kulturautonomie, nahm und sie nur als Verwaltungsgebiete bestehen ließ. Damit war der Weg frei, für das gesamte Deutsche Reich eine einheitliche deutsche Schreibschrift zu verordnen. Am 7. September 1934 erließ der Reichs- und Preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung entsprechende Richtlinien für den Schreibunterricht an den Volksschulen. Diese wurden länderweise eingeführt und waren spätestens ab dem Schuljahr 1935/36 anzuwenden. Die Verordnung enthielt "Richtnormen" der deutschen Ausgangsschrift, der deutschen Verkehrsschrift und der lateinischen Schrift. Letztgenannte hatte fortan als Zweitschrift ab dem 4. Schuljahr unterrichtet zu werden.

Was wohl niemand vermutet hatte, am allerwenigsten die Anhänger der Frakturschrift, trat bereits sieben Jahre nach Einführung derselben ein: ihr Verbot durch das NS-Regime. Mit Datum des 1. Sep- tember 1941 war die lateinische Schrift reichseinheitlich verbindliches Lehrziel für alle deutschen Schüler geworden.

Wie so vieles im Dritten Reich wurde auch diese Maßnahme rassistisch begründet: "Die sogenannte gotische Schrift als eine deutsche Schrift anzusehen oder zu bezeichnen ist falsch. In Wirklichkeit besteht die sogenannte gotische Schrift aus Schwabacher Judenlettern." Genau wie sie sich später in den Besitz der Zeitungen setzten, setzten sich die in Deutschland ansässigen Juden bei Einführung des Buchdrucks in den Besitz der Buchdruckereien und dadurch kam es in Deutschland zu der starken Einführung der Schwabacher Judenlettern."

Neben diesen ideologischen Erwägungen haben aber auch politische Überlegungen bei der Abschaffung der Frakturschrift eine Rolle gespielt. Zum einen wollte man den kulturellen Zusammenhalt Europas unter der Ägide der drei faschistisch beziehungsweise nationalsozialistisch regierten Mächte Deutschland, Italien und Spanien betonen, zum anderen mit der lateinischen Schrift zur "besseren Verständigung" mit der Bevölkerung in den besetzten Gebieten beitragen.

Nach dem Krieg erlangte in fast allen westdeutschen Ländern und in Österreich - vorbehaltlich einer endgültigen Regelung - wieder die deutsche Schreibschrift Gültigkeit. Und erst vor vier Jahren hat das Bundesverwaltungsamt, Bundesstelle für Büroorganisation und Bürotechnik (BBB), eine entsprechende Anfrage mit Schreiben vom 25. November 1999 wie folgt beantwortet: "Da es sich bei der Sütterlinschrift um eine deutsche Schreibschrift handelt, ist gegen ihren Gebrauch für Schreiben an öffentliche Dienststellen nichts einzuwenden. Im Verwaltungsverfahrensgesetz ist lediglich festgelegt: ‚Die Amtssprache ist deutsch.' Im Grundgesetz heißt es: ‚Jedermann hat das Recht, sich einzeln oder in Gemeinschaft mit anderen schriftlich mit Bitten oder Beschwerden an die zuständigen Stellen und an die Volksvertretung zu wenden.' Wenn ältere Menschen hierzu die Sütterlinschrift verwenden, die sie als deutsche Schreibschrift gelernt haben, kann man ihnen keine andere Schreibweise vorschreiben. Für die Anwendung bestimmter Schriftarten gibt es keine Formvorschriften."

Jedem ist es also unbenommen, ohne Bedenken den nächsten Bauantrag oder den fälligen Widerspruch gegen den Steuerbescheid in deutscher Schreibschrift auszufertigen. Er wird viel Freude in den Amtsstuben auslösen ...

Maximilian I.: Spiritus rector der Fraktura

Wolfgang v. Goethe: Ihm schrieb seine Mutter: "Froh bin ich über allen Ausdruck, daß Deine Schriften, alte und neue, nicht mit den mir so fatalen lateinischen Lettern das Licht der Welt erblickt haben; ... bleibe deutsch, auch in den Buchstaben."

Otto v. Bismarck: Nicht zuletzt auf sein Drängen wurde im Deutschen Reich die Frakturschrift zur offiziellen Amtsschrift