© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 01. November 2003


"Wir werden siegen!" Ein Star ist geboren: "Comical Paul" 
Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

In Brandenburg wurde gerade die Demokratie neuen Typs geboren, die "Demokratie ohne Volk". Die Frankfurter Allgemeine findet das bedenklich und raunt düster: "Es ist ein Menetekel. Demokratie gibt es nur, wenn der Demos, das Volk, mitmacht." So? Passiert denn was Schlimmes? Werden Politikergehälter gekürzt, weil nicht mal jeder zweite Brandenburger bereit war, dem Treiben seinen Segen zu geben? Nichts da, im Gegenteil: Jetzt kann es erst richtig losgehen. Bislang sahen sich die Gewählten an lästige "Wahlversprechen" gekettet, die sie dann unter Bauchweh brechen mußten. Das ist nicht mehr nötig: Wo keine Wähler mehr sind, gibt's auch keinen mehr, der einen an irgend etwas Peinliches "erinnern" könnte. In Cottbus gingen gerade noch 28 Prozent zu den Urnen, davon haben 15 Prozent SPD gewählt, von allen Wahlberechtigten haben also gerade 4,2 Prozent bei Schröders Provinzgenossen ihre Kreuze gemacht.

Das Geniale ist ja, daß die Politik funktioniert wie die ihr eng verbundenen öffentlich-rechtlichen Medien: Ob wir uns deren Auswürfe nun antun oder nicht - finanzieren werden wir auf jeden Fall. Wie in einem Restaurant, in dem man die gesamte Speisekarte bezahlen muß, obwohl man nur ein Süppchen gelöffelt hat. Man hat zwar sonst nichts bestellt, aber man hätte ja alles bestellen können, rein theoretisch. Ob wir nun wirklich gern Schröder-Politik genießen oder Panorama gucken - die Rechnung für beides kommt pünktlich.

Die Gewerkschaften gewöhnen sich nur langsam an die neue Zeit, wie gewöhnlich. Bislang meinen sie noch, Mitglieder haben zu müssen. Sie leiden, weil immer weniger Leute willig sind, Beiträge auf die Konten verdienter Funktionäre zu überweisen. Insbesondere die Jungen bleiben aus, weshalb sich die Führung von "Verdi" nun mit der Frage befaßt hat, welche Daseinsberechtigung die Jugend überhaupt noch hat, wenn sie keine Gewerkschaftsbeiträge mehr zahlt. "Gar keine" lautet das erfrischend eindeutige Resultat der Beratungen. Aber wie wird man sie los? Abtreiben ist bei denen, die schon da sind, leider zu spät. Alle zusammentreiben und abmurksen? Sehr, sehr teuer. Zudem könnte man sich am Ende dummen Fragen rechtslastiger Richter ausgesetzt sehen oder gar einem "Parlamentarischen Untersuchungsausschuß", der nur zu zwei Dritteln mit Gewerkschaftern besetzt wäre. Das ist nicht zumutbar. Schließlich kam die erlösende Idee: Laßt es sie einfach selber machen! Seit etlichen Tagen nun flimmern blutrünstige Verdi-Fernsehspots über den Bildschirm. Kleine Filmchen, in denen sich mal ein Mädchen aufhängt, ein anderes sich die Pulsäderchen aufschneidet und ein Junge sich Papas Revolver in den Mund steckt. Um mürrischen Pressekommentaren vorzubeugen, hat man den Streifen getarnt als Kampagne für mehr Ausbildungsplätze. Und was, wenn ein Handwerksmeister, von Schuldgefühlen übermannt, einen der zur Selbst-Abschlachtung Vorgesehenen doch noch einstellt und rettet? Keine Sorge, die Verdis sind keine Idioten. Sie haben die Spots ausschließlich im Jugendsender Viva plaziert. Den sieht so gut wie keiner, der über 40 ist. Kann also nichts schiefgehen.

Für jene Jugendlichen, die selbst zum Aufhängen zu blöde sind (Pisa! Pisa!), bleibt nur eine Lösung: Drogen. FDP-Generalsekretärin Cornelia Pieper führte neulich einem Stern-Reporter stolz die kleine Marihuana-Kultur ihres 18jährigen Sohnes vor - nicht ahnend, daß der Schmierant petzen würde. Hat er aber, weshalb Piepers das Grünzeug eiligst entsorgten. Allerdings kamen sie offenbar nur bis zum heimischen Komposthaufen, wo die Polizei den Rauschkram prompt wieder ausgebuddelt hat. Das hätte nicht passieren müssen. Die Beamten sind immerhin potentielle Wähler, gehören also zu einer Gattung, die bei Politikern spontan an Unrat denken muß und folgerichtig ebendort, im Dreck, mit dem Suchen anfing. Wo hatte die Pieper nur ihren Kopf?

Wenigstens haben wir eine Erklärung dafür, warum die FDP-Generalsekretärin meistens so einen heillosen Quatsch redet. War wohl manchmal ein bißchen zugedudelt vom Zaubertabak aus Sohnemanns Zucht. Da muß man Verständnis haben. Selbst vor Gericht bekommt der Täter milden Strafnachlaß, wenn er nachweisen kann, wie zugedröhnt er war, als er die alte Frau niedergestochen hat. Der arme Junge. Und da wollen wir bei Politikern nun keine Nachsicht üben?

Doch, wollen wir, zumal diesem geplagten Berufsstand immer weniger Abwechslung geboten wird. Früher konnten sie wenigstens hin und wieder einen Krieg anfangen (oder sich ihm kämpferisch entgegenstellen wie Schröder). Das macht aber auch keinen Spaß mehr. In Washington ist die Stimmung am Hund. Alle zwölf Stunden stirbt ein amerikanischer Soldat, derweil US-Statthalter Paul Bremer in seinem Bagdader Bunker hockt und den baldigen Sieg herbeisabbelt. Natürlich hat auch das seinen Charme. Die Szenen erinnern zunehmend an die lustigen Pressekonferenzen mit Saddams Propaganda-Minister während des letzten Golfkriegs. Der trompetete mit feurigem Blick durch seine vom Trümmerschutt bestäubten Brillengläser: "Es gibt keine Amerikaner in Bagdad" - derweil die ersten US-Panzer gleichsam hinter ihm durchs Bild rollten.

George Bush soll sich über "Comical Ali", wie die US-Medien Saddams Schreihals tauften, königlich amüsiert haben. Aber Bushs eigene Stimmungskanonen sind auch nicht schlecht: Jetzt verkündet uns Paul Bremer, wie sehr sich die Lage von Tag zu Tag "normalisiert", während sein Vize-Verteidigungsminister Wolfowitz beinahe auf einer irakischen Rakete ins Zimmer geritten kommt, die ihn um nur ein Stock-werk verfehlt hatte.

Bei Bush selber finden "Alis" Nacheiferer erstaunlicherweise keine Gnade, er findet sie kaum halb so witzig wie das Original. Ja, er meint sogar, man sollte die aktuellen Bagdad-Bilder der Weltöffentlichkeit nicht länger antun. Daher haben nun US-Truppen die Kameraleute von Reuters und Al-Dschasira verhaftet. Kriegen wir bald nur noch "gesäuberte" Bilder vom Tigris? Dann heißt es: aufmerksam sein! Wenn etwa "Comical Paul" Bremer mal wieder die "Beruhigung der Lage" feststellt, müssen wir genau hinsehen: Wackelt die Kamera? Ist das Staub auf seinen Schultern, vom herabrieselnden Schutt? Und wieso ist der Frieden nur so fürchterlich laut? Da haben wir Deutschen der Welt etwas voraus: Mit Siegesmeldungen aus Bunkern sind wir vertraut.

Verdi appelliert an die Jugend: Schneidet euch die Pulsadern auf oder erhängt euch!