© Preußische Allgemeine Zeitung / 21. Februar 2004

Auch Roman einer Epoche
Vor 75 Jahren erschien "Berlin Alexanderplatz" von Alfred Döblin

Dies Buch berichtet von einem ehemaligen Zement- und Transportarbeiter Franz Biberkopf in Berlin. Er ist aus dem Gefängnis, wo er wegen älterer Vorfälle saß, entlassen und steht nun wieder in Berlin und will anständig sein ..." Ob ihm dies gelingt, ist nachzulesen in dem Roman Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin, zu dem der Autor selbst diese Vorbemerkung schrieb. Zwei Jahre aus dem Leben des Franz Biberkopf nur sind es, die der Berliner Armenarzt und Schriftsteller Döblin da so eindrucksvoll schildert. Es sind Jahre voller Enttäuschungen, aber auch voller Hochgefühle, voller Gewalt, aber auch voller Liebe, die Döblin den Franz erleben läßt. Zuhältern und Gaunern und auch so mancher ehrlichen Haut begegnet der einfache Arbeiter; ein falscher Freund und seine Braut Mieze spielen schließlich wesentliche Rollen in dem Bemühen des Franz Biberkopf, anständig zu bleiben.

Döblin schildert meisterhaft das quirlige Leben in einer Großstadt Ende der 20er Jahre. Er findet eine neue Sprache, um das Chaos bildlich werden zu lassen. So mischt er Texte aus Zeitungen, Werbeslogans, Bibelzitate, Nachrichtenmeldungen mit Wetterberichten und Liedtexten. Als der Roman vor 75 Jahren erschien, sprach man bald von einem "Großstadtroman", von der literarischen Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen des Individuums in der modernen Metropole. Heute sprechen Wissenschaftler wie Helmut Koopmann von einem "populären Mißverständnis" (Harenberg Literaturlexikon). "Die starke Fundierung des Romangeschehens mit biblischen Motiven und Zitaten läßt erkennen, daß eigentliches Thema des Romans die Geschichte einer inneren Wandlung ist, die ihre Opfer verlangt und am Schluß gleichsam zur Auferstehung führt ... Durch seine Substrukturen ist der Roman über die Beschreibung eines Einzelschicksals hinaus auch Roman einer Epoche."

Oft wurde "Berlin Alexanderplatz" mit dem Roman "Ulysses" von James Joyce verglichen, der 1922 erschien. Darauf angesprochen betonte Döblin 1932: "Immer wieder, besonders jetzt nach Erscheinen der englischen und amerikanischen Übersetzung, weist man auf Joyce hin. Aber ich habe Joyce nicht gekannt, als ich das erste Viertel des Buches schrieb. Später hat mich sein Werk, wie ich auch öfters gesagt und geschrieben habe, entzückt, und es war ein guter Wind in meinen Segeln. Dieselbe Zeit kann unabhängig voneinander Ähnliches, ja Gleiches an verschiedenen Stellen erzeugen. Das ist nicht weiter schwer verständlich."

Alfred Döblin wurde 1878 in Stettin geboren, gelangte aber bereits zehn Jahre später mit seiner Familie nach Berlin. Dort besuchte er die Schule und studierte Medizin und Philosophie. In Freiburg/Br. wurde er 1905 zum Dr. med. approbiert und ließ sich in Berlin als Arzt nieder. Im Ersten Weltkrieg wirkte der Pommer als Militärarzt im Elsaß. Seine Praxis übte Döblin bis 1933 aus. Nach zahlreichen Presseangriffen und Bedrohungen entschloß er sich Ende Februar 1933, Deutschland zu verlassen. Er ging nach Paris, später nach Los Angeles. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er nach Deutschland zurück, doch fühlte er sich dort nicht mehr wohl und verließ 1953 das Land erneut und ging nach Frankreich. Döblin starb 1957 in Emmendingen bei Freiburg.

Neben theoretischen Schriften und Erzählungen und Romanen ist es vor allem der 1929 erschienene "Berlin Alexanderplatz", der seinen Ruhm begründete. Schon bald wurde er in mehrere Sprachen über-setzt und bereits 1931 verfilmt. Wer erinnert sich nicht an den unvergleichlichen Heinrich George als Biberkopf? Konkurrenz bekam der Schauspieler 50 Jahre später, als Rainer Werner Fassbinder für das Fernsehen mit Günther Lamprecht in der Hauptrolle neue Akzente setzte. Seitdem hat man lange suchen müssen, einen geeigneten Künstler zu finden, der Franz Biberkopf, dieses Berliner Urgestein, diese Seele von Mensch mit all seinen Höhen und tiefsten Tiefen, auf der Bühne verkörpern kann. Mit Ben Becker, diesem eindringlichen Darsteller menschlicher Stärken und Schwächen, ist es dem Maxim Gorki Theater in Berlin vor einigen Jahren gelungen. Kritik und Publikum waren gleichermaßen begeistert. Und so nimmt es nicht wunder, wenn der Düsseldorfer Patmos Verlag für sein Hörbuch "Berlin Alexanderplatz" (Länge 174 Minuten 21 Sekunden, 2 MCs oder 3 CDs, 19,95 Euro) Ben Becker gewann, die Geschichte von Franz Biberkopf zu erzählen. Entstanden ist eine außergewöhnliche Einspielung, die dem Zuhörer allerdings Muße und Zeit abverlangt, dann jedoch ist es ein unvergeßliches Erlebnis.

Silke Osman

Ben Becker als Franz Biberkopf: Anständig bleiben in der Großstadt? Foto: Patmos


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren