© Preußische Allgemeine Zeitung / 28. Februar 2004

Völkermord in der Steppe?
Hans-Joachim v. Leesen über die Niederschlagung des Hereroaufstandes 1904 durch die deutsche Schutztruppe

Im Januar dieses Jahres gab es wohl keine deutsche Zeitung, keinen deutschen Rundfunksender, der nicht mehr oder weniger sensationell aufgemachte Berichte veröffentlichte über den "ersten Völkermord, den die Deutschen in der Neuzeit verübten". Es jährte sich zum 100. Male der Beginn des Krieges des Hererovolkes gegen die deutsche Kolonialmacht in Deutsch-Südwestafrika. Im August 1904 endete der Aufstand am Waterberg mit der Niederlage der Herero. Diese militärischen Ereignisse waren für die politisch korrekten Redakteure ein Anlaß, in seltener Einmütigkeit die Deutschen einmal wieder als besonders gewalttätig darzustellen und bei der Gelegenheit eine Linie aufzuzeigen, die direkt von der Niederschlagung des Herero-Aufstandes zum Holocaust führte.

Die Geschichte des Kolonialismus ist blutig. Bereits im Altertum haben sich Staaten jenseits ihrer Grenzen auf kriegerischem Wege Kolonien verschafft, um über unterlegenen Zivilisationen politische und wirtschaftliche Herrschaft auszuüben. In der modernen Zeit errichteten Portugal und Spanien Kolonialreiche an der westafrikanischen Küste und in der Neuen Welt. Es folgten die Niederlande, Frankreich, Dänemark, Belgien, Italien. An der Spitze aller Kolonisatoren aber stand Großbritannien, das schließlich mehr als ein Fünftel der Erdoberfläche und damit ein Viertel der Weltbevölkerung beherrschte. Ein extremes Beispiel der Kolonisierung bietet Nordamerika. Es war England, das auf dem Gebiet der heutigen USA und Kanadas die Urbevölkerung nicht nur zurück-drängte, sondern auszurotten versuchte, was damit endete, daß die eingewanderten Weißen sich von der britischen Kolonialherrschaft befreiten.

Deutschland spielte in den Ausdehnungsbestrebungen der Mächte eine untergeordnete Rolle. Die Regierung des zweiten deutschen Reiches war nicht interessiert. Erst auf Druck von Wirtschaftskreisen entschloß sich die Reichsregierung, bislang von Privatpersonen und Gesellschaften erworbene Gebiete unter den Schutz des Reiches zu stellen.

Nur 30 Jahre danach war es vorbei mit der Herrlichkeit. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg bemächtigten sich die Siegerstaaten der deutschen Kolonien, um damit ihre eigenen Herrschaftsgebiete abzurunden, deren Ende dann nur weitere 30 Jahre später teils auf friedlichem teils auf blutigem Wege kam.

Zwar waren die raumgreifenden europäischen Mächte der in fernen Ländern angetroffenen Bevölkerung technisch überlegen, doch ordneten sich die überseeischen Völker keineswegs immer widerstandslos dem europäischen Führungsanspruch unter. So mußten die Spanier zunächst einmal in Mittel- und Südamerika den Widerstand brechen, wobei ganze Kulturen zerstört wurden. England hatte mit Indien und Burma ebenso seine liebe Not wie mit afrikanischen Stämmen und Völkern; Frankreich konnte vielerorts erst seine Herrschaft errichten, nachdem arabische, afrikanische oder indochinesische Völker niedergekämpft worden waren. Im Kongo flossen Ströme von Eingeborenenblut, bis das Gebiet dem belgischen Staat zugeordnet werden konnte. Ähnlich erging es den Holländern und Portugiesen.

Mit welchem Aufwand an Gewalt Kolonialmächte ihre Herrschaft noch bis in die jüngste Vergangenheit aufrechtzuerhalten suchten, geht aus dem französischen Vorgehen in Algerien und in Indochina nach Ende des Zweiten Weltkrieges hervor; in Algerien haben die Franzosen in den blutigen Kämpfen gegen die algerischen Unabhängigkeitsbestrebungen von neun Millionen Einwohnern eine Million umgebracht.

Zumindest im 19. Jahrhundert gingen die Kolonialmächte vor, ohne ein schlechtes Gewissen zu empfinden. Hier ein übervölkertes Europa, dessen Menschen - zumal deutsche - zu Hunderttausenden auswanderten, weil sie auf engem Raum ihrer Heimat keine Ent-wicklungsmöglichkeiten sahen, dort dünn besiedelte unerschlossene Gebiete. Hier ein rasanter Wirtschaftsaufschwung, dort die Rohstoffe, die von den Eingeborenen nicht genutzt wurden. Hier expandierende Märkte, dort Menschen, denen die Segnungen europäischen Fortschritts unbekannt waren - das alles führte zu der Überzeugung, daß es durchaus legitim, ja, gottgewollt sei, seine Machtbereiche auszudehnen.

Deutsch-Südwestafrika, das durch die Berichterstattung über den Herero-Aufstand in der letzten Zeit ins öffentliche Bewußtsein gedrungen ist, war mehr als zweimal so groß wie das damalige Deutsche Reich. Es war außerordentlich dünn besiedelt; die Bevölkerung setzte sich aus rassisch und ethnisch sehr unterschiedlichen Gruppen zusammen. Die führende Rolle hatte sich das Nomadenvolk der Herero erkämpft, das einige Jahrhunderte vorher in das Land eingewandert war und sich häufig Auseinandersetzungen vor allem mit dem Volk der Hottentotten (= "Stotterer" wegen ihrer aus Schnalzlauten bestehenden Sprache, heute Nama genannt) lieferte. Beide Völker lebten von ihren Rinderherden, die sie über das weite Land trieben.

Als deutsche Siedler begannen, Farmen anzulegen, nachdem sie mit den Häuptlingen, denen es bislang fremd gewesen war, Grund und Boden zu kaufen oder zu verkaufen, und denen die Abfassung schriftlicher Verträge nichts sagte, entsprechende Abmachungen getroffen hatten, mußten beide Völker zunehmend um ihre Existenz bangen. Entsprechende Vorhalte dem deutschen Gouverneur Leutwein gegenüber blieben weitgehend unbeachtet.

Da brach im Januar 1904 ein gut vorbereiteter Aufstand der Herero aus, die unter der Führung von Oberhäuptling Samuel Maharero über eine ausgezeichnete Bewaffnung, etwa über moderne Hinterlader-Gewehre, in großer Anzahl verfügten. Innerhalb weniger Wochen wurden über 120 Farmer, darunter auch einige Frauen und Kinder, umgebracht. Die deutsche Schutztruppe, kaum 700 Soldaten stark, stand dem sich schnell ausbreitendem Kampf machtlos gegenüber.

Im Deutschen Reich wurden schleunigst Expeditionstruppen geschaffen, die kaum auf einen Kolonialkrieg vorbereitet waren. Schließlich waren in ganz Deutsch-Südwestafrika etwa 15.000 Mann unter dem Kommando des Generalleutnant v. Trotha versammelt, eines Oberbefehlshabers, der sich zwar in europäischen Kriegen bewährt hatte, aber über keinerlei Kenntnisse Afrikas und der Afrikaner verfügte.

Es gelang den mit 30 Geschützen und zwölf Maschinengewehren ausgerüsteten Schutztruppensoldaten, die aufständischen Herero - die keineswegs das ganze Volk der Herero umfaßten; nicht wenige hielten sich vom Aufstand fern - zum Fuße des Waterberges im Norden des Landes am Rande des Sandfeldes Omaheke zu treiben. Dort, am Fuße des Gebirges, lieferten sich Herero und Schutztruppe einige Gefechte, die keineswegs immer zu Gunsten der Deutschen ausgingen. Eine Schlacht größeren Umfanges gab es nicht. Die Schutz-

truppe bemühte sich, etwa 1.500 Mann stark, die etwa 4.000 Hererokrieger samt ihren Sippen einzuschließen und zur Kapitulation zu zwingen. Man schätzt heute, daß insgesamt zwischen 24.000 und 31.000 Herero am Waterberg versammelt waren.

Die Kämpfer, die tatsächlich um die Freiheit, wenn nicht um die Existenz, ihres Volkes stritten, dachten nicht an Kapitulation. Da die viel zu schwache deutsche Schutztruppe nicht in der Lage war, eine dichte Einkesselung zu bewerkstelligen, machten sich die Herero auf, den Ring zu verlassen, um durch die Omaheke die britische Kolonie Betschuanaland zu erreichen. Die Omaheke war keineswegs eine Sandwüste, sondern eher eine Steppenlandschaft mit hohem dichtem Gras und mit Buschstrecken.

Nun war im Jahr vorher die Regenzeit wesentlich spärlicher ausgefallen als gewohnt, so daß die meisten Wasserstellen in der Omaheke ausgetrocknet waren. Viele Hereros brachen auf der Flucht erschöpft zusammen und verdursteten.

Als die Schutztruppe den Ausbruch erkannte, versuchte sie, den Herero nachzusetzen, doch mußte, da auch ihre Soldaten durch die klimatischen Verhältnisse und durch die vorangegangenen Gefechte geschwächt waren, nach wenigen Tagen die Verfolgung abgebrochen werden. Nur einige Patrouillen folgten aufklärend den Herero. Maharero erreichte mit vielen Getreuen das britische Betschuanaland.

Das sind die historischen Fakten, die in vorbildlicher wissenschaftlicher Nüchternheit der in Südafrika lebende Claus Nordbruch in seinen beiden Büchern "Der Hereroaufstand 1904" und "Völkermord an den Herero in Deutsch-Südwestafrika? Widerlegung einer Lüge" in den letzten Jahren vorgelegt hat. Die deutschen Medien schenkten den mit zahlreichen Quellen belegten Büchern keine Beachtung. Sie stützten sich auf die früher in der DDR erschienene Literatur, die dazu dienen sollte, den westlichen Monopolkapitalismus und seine Aggressionspolitik anzuprangern sowie auf das "Blaubuch", das von der britischen psychologischen Kriegführung während des Ersten Weltkrieges konstruiert worden war, um durch Anhäufung angeblicher deutscher Greuel zu belegen, daß die Deutschen unfähig seien, Kolonien zu verwalten, weshalb nach dem Kriege die Siegermächte sich ihrer bemächtigten. Die Regierung von Südafrika, das damals noch als Dominion zum Britischen Empire gehörte, zog dieses Machwerk bereits in den 20er Jahren als "Propaganda" aus allen Bibliotheken des Landes zurück. Es ist unter seinem Originaltitel "Report of the Natives in South West Africa and their Treatment by Germany" soeben von interessierten Kreisen neu aufgelegt worden.

Gestützt auf solche "Quellen" treiben die Medien die Verlustzahlen der Herero in schwindelerregende Höhen. Die Behauptungen in deutschen Zeitungen schwanken zwischen 54.000 und 80.000. BBC weiß sogar von "mehr als 100.000 Toten" zu berichten. Überall wurde deutlich gemacht, daß die Deutschen schon immer ein besonders gewalttätiges Volk gewesen seien, wofür der "Völkermord an den Herero" nur ein weiteres Beispiel sei (eine löbliche Ausnahme bildet der Focus, der sachlich berichtete).

Die Konsequenzen ließen nicht auf sich warten. Ein Interessenverband von Herero wollte Deutschland auf eine Wiedergutmachung in Höhe von zwei Milliarden US-Dollar verklagen, doch nach einem gescheiterten Zustellversuch - die zuständige Justizverwaltung des Landes Berlin verweigerte die Annahme - wurde die Klage schon Mitte 2003 zurückgezogen.

Nach dem Zusammenbruch des Aufstandes wurden 24.000 Herero als Gefangene in Missionslagern kampierend oder als Flüchtlinge in Betschuanaland registriert. Hinzu kommen, wie Focus korrekt schreibt, "wahrscheinlich mehrere Tausend, die nach Norden zu anderen Stämmen gewandert waren".

In Namibia wurden 1990 in der letzten Volkszählung, in der auch nach der Volkszugehörigkeit gefragt wurde, 89.000 Herero ermittelt.

Nicht zuletzt daraus geht hervor, daß die Niederkämpfung des He-rero-Aufstandes keineswegs ein "Völkermord" war. Er war ein Kolonialkrieg, wie er in jenem Jahrhundert bedauerlicherweise von allen Kolonialmächten geführt worden ist - nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Foto: Verhandlungen: Der Oberhäuptling der Herero, Samuel Maharero ( 3.v.r.), beim Vertragabschluß mit dem deutschen Gouverneur Theodor Leutwein (4.v.r.) 1895 in Grootfontein. Foto: pa/akg

Claus Nordbruch: "Völkermord an den Herero in Deutsch-Südwestafrika? - Widerlegung einer Lüge", Grabert, Tübingen 2004, broschiert, Abb., 262 Seiten, 17 Euro


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