© Preußische Allgemeine Zeitung / 28. Februar 2004

Steine zeugen von Toleranz
Der Französische Dom in Berlin muß saniert werden
von Silke Osman

In gut einem Jahr wird eine Berliner Kirche ihr 300jähriges Jubiläum feiern können, die einen für norddeutsche Verhältnisse ungewöhnlichen Namen trägt: der Französische Dom auf dem Gendarmenmarkt. Die Kirche gehört zu den bemerkenswertesten Ensembles der Hauptstadt und fasziniert neben dem Deutschen Dom und dem Schauspielhaus immer wieder unzählige Touristen aus nah und fern. Erst vor 14 Tagen konnten sich die Leser der Preußischen Allgemeinen Zeitung anläßlich einer Feierstunde zu Ehren des Philosophen Immanuel Kant im Französischen Dom von der wundervollen Architektur überzeugen. Bald aber müssen Handwerker an die Arbeit gehen und die Außenfassade der Kirche komplett sanieren.

Das 300 Jahre alte Gotteshaus und der 220 Jahre alte Kuppelturm waren im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt worden und die 1977 unternommenen Bemühungen, das Gebäude für die 750-Jahr-Feier Berlins wieder herzurichten, waren nur auf den ersten Blick erfolgreich. Viel Arbeit und zur Zeit geschätzte sechs Millionen Euro braucht es, bis der Französische Dom wieder in seinem alten Glanz erstrahlt.

Während der aus dem ostpreußischen Insterburg stammende Martin Grünberg im Jahr 1701 mit dem Bau der Deutschen Kirche begann, nahm zur gleichen Zeit Louis Cayard die Arbeiten an der Französischen Kirche auf. Nach dessen Tod führte

Abraham Quesnay den Bau fort. Vorbild sollte die 1685 zerstörte Kirche von Charenton sein, die Hauptkirche der Hugenotten. Friedrich der Große, der Berlin zu einer Hauptstadt von europäischem Rang machen wollte, ließ durch seinen Baumeister Carl v. Gontard beide Kirchen schließlich mit Kuppeltürmen versehen. Als jedoch der Turm der Deutschen Kirche 1781 einstürzte, wurde Gontard schnell von seinen Aufgaben entbunden. "Beide Türme - die später gebrauchte Bezeichnung Dom leitet sich von der architektonischen Form und nicht von einem kirchlichen Rang her - blieben ohne innere Verbindung mit den Kirchen und waren als reine Repräsentationsbauten nicht ausgebaut", erläutert Uwe Kieling in seinem Band Berlin - Bauten und Baumeister die Architektur. "Erst Ende des 19. Jahrhunderts etablierte sich im Deutschen Turm ... der Verein für die Geschichte Berlins, das nördliche Pendant wurde 1929/30 für das Hugenottenmuseum eingerichtet."

Und da ist auch schon die Erklärung, warum es im Herzen von Berlin einen Französischen Dom gibt: Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes, das den Hugenotten relative Freiheiten in der Religionsausübung gewährte, flüchteten die verfolgten Protestanten ab 1685 in die Schweiz, die Niederlande, nach England und nach Deutschland, vornehmlich nach Brandenburg-Preußen. Dort hatte der Große Kurfürst bereits 1661 die Grenzen geöffnet, brauchte er doch Siedler, um die durch den Dreißigjährigen Krieg entstandenen Lücken zu füllen. Bis 1700 kamen etwa 20.000 Hugenotten ins Land, gut 6.000 blieben in Berlin und bildeten rund ein Viertel der Bevölkerung. Sie gründeten eigene Gemeinden mit Kirchen und Schulen und hatten Erfolg als Kaufleute. Beliebte Siedlungspunkte waren in Berlin der Werder, die Neustadt und später

die Friedrichstadt. Es waren Goldschmiede und Uhrmacher, Künstler, Tuchmacher und Händler, aber auch Lehrer unter ihnen. "Die Kinder der Adligen fanden Freude an Studien", lobte Friedrich der Große die Refu-giés, wie die Hugenotten genannt wurden, "die Erziehung der Jugend derselben kam fast gänzlich in die Hände der Franzosen, denen wir auch mehr Sanftmut im Umgang und anständigere Sitten verdanken." - Was will man mehr? n

Uwe Kieling: "Berlin - Bauten und Baumeister. Von der Gotik bis 1945", Berlin Edition in der Quintessenz Verlags GmbH, 384 Seiten, zahlr. sw Abb., gebunden mit Schutzumschlag, 28 Euro; zu bestellen beim Preußischen Mediendienst, Telefon: 0 40 / 41 40 08 27.


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