© Preußische Allgemeine Zeitung / 28. Februar 2004

Der mit den Tieren sprach
Gedenken an den Verhaltensforscher Konrad Lorenz, den "Vater der Graugänse"

Ich behaupte in aller Unbescheidenheit, daß ich mehr über Tiere weiß, sie tiefer verstehe als irgendein anderer Mensch, den ich kenne." Der dies von sich behauptete, wurde von anderen mit Ehrentiteln belegt wie "Einstein der Tierseele", "Dr. Doolittle" (wie der Held, der mit den Tieren sprach, in dem gleichnamigen Hollywoodfilm) oder "Superstar der Wissenschaft". Als "Vater der Graugänse" aber ist Konrad Lorenz, der vor 15 Jahren, am 27. Februar 1989, im österreichischen Altenberg starb, unvergessen. Er redete mit den Vögeln und den Fischen und begeisterte die Öffentlichkeit durch seine Bücher und Filme, die jedermann verstand, für eine Welt, die ansonsten im verborgenen lag.

Als Lorenz gemeinsam mit seinem Freund Niko Tinbergen für seine Erkenntnisse in der vergleichenden Verhaltensforschung 1973 den Nobelpreis erhielt, sprach man in der Laudatio vom biblischen König Salomo, der einen Zauberring besessen haben sollte, mit dem es ihm möglich war, die Sprache der Tiere zu verstehen. Lorenz war ohne einen solchen Ring in der Lage, die Signale, die Informationen zu verstehen, die Tiere unter sich austauschen. Vor allem die genaue Beobachtung war es, die solches möglich machte. Wenn auch so manche Erkenntnis des Wissenschaftlers heute überholt ist, haben sie doch unser Selbst- und Naturbild bis heute beeinflußt. Wer war dieser Mann, der zwischen Anatomie, Zoologie, Psychologie und Philosophie ein völlig neues Forschungsfeld entdeckte und es fast im Alleingang erschloß?

Geboren wurde Konrad Lorenz am 7. November 1903 in Wien als Sohn des Arztes Adolf Lorenz, der die moderne Orthopädie begründete. Auf dem väterlichen Anwesen in Altenberg wuchs er umgeben von vielen Tieren auf. So zog er Dohlen von Hand auf, um diese zahmen Tiere später mit wilden zu vereinen und diesen so ihre angeborene Scheu zu nehmen. Alles ging gut, bis die zahmen Tiere in die Geschlechtsreife kamen und Lorenz plötzlich als ihren Partner annahmen. Mit Balzlauten lockten sie ihn, versuchten gar, ihn zu füttern und ihm Futter ins Ohr zu stecken! Auch als er ein Graugansküken gleich nach dem Schlüpfen unter der Mutter hervorzog und dieses ihn mit piepsenden Lauten begrüßte, die Lorenz ebenso beantwortete, geschah etwas Erstaunliches: Lorenz gelang es nicht, das Küken wieder an die Gänsemutter zu gewöhnen. Es lief hinter ihm her, hatte ihn sozusagen adoptiert, er mußte die Mutterrolle übernehmen.

"Lorenz hatte mit der Prägung", so nennt man dieses Verhalten der Tiere, "eine angeborene Lerndisposition entdeckt, deren neurobiologische Grundlagen man erst ein halbes Jahrhundert später aufklären sollte", schreibt sein Schüler Irenäus Eibl-Eibesfeldt in einer Würdigung zum 100. Geburtstag des Wissenschaftlers, die im vergangenen Jahr in dem Piper-Band Konrad Lorenz. Eigentlich wollte ich Wildgans werden. Aus meinem Leben (146 Seiten mit elf Zeichnungen und 18 Fotos im Text und auf Tafeln, geb., 14,90 Euro) veröffentlicht wurde. "Sein Hauptanliegen war die Erforschung angeborener Aktions- und Reaktionsweisen - kurz: der Instinkte. Damit stellte er die bis dahin von den Vitalisten beherrschte Instinktforschung auf ein solides, empirisch begründetes Fundament. Sie wurde damit gewissermaßen ,salonfähig'."

Lorenz studierte Medizin in New York und Wien. Nach seiner Promotion 1928 nahm er das Studium der Zoologie, Paläontologie und Humanpsychologie auf, arbeitete am Anatomischen Institut der Wiener Universität und promovierte zum Dr. phil. mit einer zoologischen Arbeit. 1936 gehörte Lorenz zu den Begründern der Deutschen Gesellschaft für Tierpsychologie, vier Jahre später wurde er als Professor für Humanpsychologie an die Universität Königsberg berufen. Doch lange blieb Lorenz nicht an der Albertina, wo er von vielen Kollegen mit Argwohn ob seiner biologischen Ausbildung betrachtet wurde. Der Krieg unterbrach seine Arbeiten. Als Neurologe und Psychiater arbeitete er am Reservelazarett in Posen und später in sowjetischer Gefangenschaft als Arzt in einem Lager in Armenien. 1948 entlassen, schrieb er zwei Bücher, die große Erfolge zeitigten: "Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen" und "So kam der Mensch auf den Hund".

In Seewiesen bei Starnberg wurde schließlich 1958 das Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie eröffnet, dessen Direktor Lorenz bis zu seiner Emeritierung 1973 war. Bis zu seinem Tod setzte er seine Forschungen fort, veröffentlichte Bücher und setzte sich für die Erhaltung der Umwelt ein. Eine erste große Biographie von Klaus Taschwer und Benedikt Föger (Zsolnay Verlag, Wien, 324 Seiten, geb., 24,90 Euro) beleuchtet kritisch das Leben dieses ungewöhnliches Mannes mit all seinen Licht- und Schattenseiten, so auch seine Einstellung zum Nationalsozialismus. Silke Osman

Ungewöhnliche Feldforschung: Konrad Lorenz schwimmt mit Graugänsen in einem bayerischen See

Foto: Archiv


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren