© Preußische Allgemeine Zeitung / 28. Februar 2004

Ein stolzer Tanz
von Esther Knorr-Anders

Sie trafen sich im selben Klubhaus, in dem sie vor Jahrzehnten, 15 bis 17 Jahre alt, tanzen lernten. Heute sind sie zwischen 60 und 80 Jahre alt; manche darüber. Auch ich besuchte als junges Mädel dieselbe Tanzschule, mußte jedoch bald aufgeben. Nicht etwa, weil ich hoffnungslos unbegabt gewesen wäre, sondern weil ich die finanziellen Aufwendungen unterschätzt hatte. Damals war ich ähnlich armselig dran wie die sprichwörtliche Kirchenmaus. Es hielt mich aber nicht davon ab, im Laufe der Jahre hin und wieder das Klubhaus als Gast zu besuchen. Erstaunlicherweise änderte sich so gut wie gar nichts, lediglich die Ausstattung wurde modernisiert, selbstverständlich wechselten die Teilnehmer und die Tanzlehrer. Neu hinzu kam allerdings der "Tanzunterricht für Senioren" als ständige und stark frequentierte Einrichtung. Das mußte ich sehen ...

Wie die jungen Leute auch trafen sich die Senioren in den Abendstunden. Bevor sie das Klubhaus betraten, waren sie beim Friseur gewesen. Nicht bei irgendeinem, sondern beim feinsten. Meistens kamen sie allein, vielfach zu zweit, oft mit wechselnden Partnern. Den Wechsel nahm keiner übel. Generell kann man sagen, es einte sie eine gleiche Wellenlänge an Phantasie und die durch Lebenspraxis gewonnene Überzeugung, klüger als sämtliche Jüngeren zu sein. Der Seniorentanz war nicht die einzige Veranstaltung, die sie besuchten. Auch an anderen Zusammenkünften wie Partytänzen, Sommerfesten, Winterbällen bekundeten sie Interesse ...

Wie damals nahm ich unmittelbar bei der Musikanlage Platz. So konnte ich in die Bar und nach vorn in den Tanzsaal blicken. Leuchten hingen von der Decke herunter, dazwischen Karussellstrahler, an den Wänden farbige Stroboskope. Vielfarbiger kann kein Regenbogen sein, rosiger nicht die Morgenröte. Es war genau das Licht, das über Fleisch-waren verboten ist, um einer Kaufverzückung vorzubeugen. "Bin ich im richtigen Saal? Tanzen hier die Senioren?" fragte ich einen jungen Tanzlehrer, der die Musikanlage, Lichtorgeln bediente. Jack nannte er sich. "Selbstverständlich. Warum denn nicht?" Er guckte verwundert. Ich vermutlich auch. Er wollte etwas hinzufügen, hielt sich zurück. Er hat es aufgegeben, gegen Vorurteile anzusprechen, dachte ich.

Die Monitoren zeigten den Eingang. Die Menschen kamen, gingen langsam, begrüßten sich, schritten weiter. Der Wind spielte in ihren Haaren, bewegte Blusenärmel. Eine Seniorin stützte sich auf einen Stock; die Herren wirkten holzgeschnitzt. Was da über die Monitorscheibe flimmerte, kam dem Herumblättern in einem zufällig entdeckten, längst vergessenen Fotoalbum gleich; brüchiges, mürbes Seidenpapier zwischen den Seiten schützte die Fotografien. "Sie lassen sich Zeit", flüsterte Jack. "Einmal sagte mir einer, sie hätten sie sich erarbeitet." Sie gingen in die Bar, saßen in der Runde. Indivi- dualisten abseits. Am Gespräch beteiligten sich alle. Sie sprachen unbedenklich laut. Junge Tanzschüler schauten herein, verharrten, lauschten. Ihrem Ausdruck nach schwankten sie zwischen Faszination und Flucht. Sie hörten, was Senioren von Politikern, deren Fähigkeiten, präsumtiver Moral im einzelnen und im allgemeinen hielten. Es erreichte Aphorismusqualität ...

Jack rückte näher an mich heran. "Am Anfang hatten wir Kaffee- und Teemaschinen aufgestellt", wisperte er. "Wir dachten, es kommen Asketen. Aber sie trinken Wodka und Whisky. Der Limonadentrinker ist ein sehr hartnäckiger Kritikaster. Ein hervorragender Tänzer."

Der Tanzlehrer Artur kam die Treppe heruntergelaufen. "Na endlich", begrüßte ihn der Kritikaster. Er tippte auf die Armbanduhr. Artur schüttelte die Krausmähne. "Hübsche Haare hat er", stellte eine Seniorin fest.

Mit Artur zogen sie in den Saal, bildeten einen Kreis. Alle Augen hingen an Artur. So haben sie schon einmal in einem Tanzsaal gestanden, vor 40 Jahren etwa. Nein, nicht ganz so, nicht so sicher, belustigt, ein wenig ironisch. "Cha-Cha-Cha", rief Artur. Er klatschte in die Hände. Jack drückte die Taste. Fast fiel ich vom Hocker ob der Phonstärke. "Laut muß es sein. Macht doch Spaß. Beim Erdbebensound sind es 1.200 Watt Sinus Verstärkerleistung", brüllte Jack - und ich traute meinen Augen nicht. Der Karussellstrahler begann sich zu drehen. Die Senioren übten, in weiches Lila getaucht, übten im vollen Tempo lateinamerikanische Tänze. Artur gab die Anweisungen: "Kick, Twist, Cha-Cha-Cha ..." Seit 30 Minuten probten sie. Artur perlte Schweiß von der Stirn. Die Senioren, knochen-trocken, lächelten milde. Konzentriert, mit um so ernsteren Gesichtern, je länger es dauerte, strebten sie auseinander, aufeinander zu: kicken, twisten.

Erst beim genauen Hinsehen würde ein Fremder bemerken, daß die Teilnehmer bejahrt waren. Er könnte denken, es handele sich um Alte, denen der Mut fehlte, alt werden zu wollen, die folglich dabei sind, ihre eigene Geschichte, ihr Spuk, ihr Gespenst zu werden. Ist es so? Keineswegs! Dieser Revuetrupp schien vom Willen durchdrungen zu sein, eine Aufgabe, eine Form, einen Tanz zu beherrschen, spielerisch abzuwickeln, zu vollenden, was man begann, weil Unfertiges für sie nicht zählte. Nach dem Krieg waren sie die Trümmermänner und Trümmerfrauen gewesen, viele noch Kinder ...

Artur gab das Pausenzeichen. Wir setzten uns an die Bar. Hier waren wir vor den lautstark diskutierenden Senioren sicher. Artur fungierte als Hauptlehrer dieser Tanzschule, die sämtlichen Kursen Klubcharakter verleiht, "denn es geht nicht nur um das Erlernen von Schritten. Allgemein sind die Leute, ob jung oder alt, viel zu oft allein. Hätten sie einen Freundeskreis gefunden, kämen sie nicht her." Er zündete eine Zigarette an. "Es gibt ja auch Menschen, die behaupten, wenn jemand vor dem eingeschalteten Fernseher stirbt, hätte er glücklicherweise noch Gesellschaft gehabt." Er setzte hinzu, daß der Seniorenklub ihm der liebste Tanzkurs sei. Der Kinderkurs folge. Am unbefriedigendsten sei es, 15- bis 20jährige zu unterrichten. "Die Eltern bezahlen den Kurs. Die Mädchen und jungen Männer stehen herum und sind entweder zu müde, zu lustlos, haben ‚keinen Bock'. Der Rest will überhaupt nicht lernen. Sie können es nämlich nicht. Sie sind nicht in der Lage, einen Formationsablauf zu behalten. Sie brauchen die ununterbrochene Kommandoansage. Dann klappt es einigermaßen. Nur Disko wollen sie. Freistiltanz. Natürlich zeige ich ihnen, was man mit den Armen machen kann. Gebe Bewegungsanleitung. Sie sollen doch gut aussehen, nicht lächerlich. Aber ich sage ihnen auch, daß Disko nichts anderes ist als Selbstdarstellung in völliger Partnerbezugslosigkeit. An irgendeinem Tag sehen sie es ein." Die Zigarette war zu Ende geraucht. Er bemerkte noch: "Die Senioren sind Intelligenzbestien. Nichts ist ihnen zu schwierig. Einmal vorgemacht, die Schritte sitzen. Ich muß nichts einpauken. Ich verbessere lediglich Haltungssünden. Sobald sie merken, daß ich schonend vorgehen will, machen sie Rabatz. So sind sie. Ihr Lieblingstanz ist der Samba. Ein stolzer Tanz."

Jener Senior, der Kritikaster, äugte in die Bar. Er tippte wiederum auf die Uhr. Es blieben noch einige Minuten bis zum Pausenende. Ich sagte Artur, daß zum Seniorentanz neuerdings an allen Ecken und Enden gebeten werde. In Bürgerhäusern, Pfarrgemeinden, in Altenheimen. "Würden Sie zum Beispiel in einem Altenheim Tanzberatung geben?" Er blickte überrascht. "Wenn man mich riefe, selbstverständlich. Nur ..." Er zögerte. Schließlich argumentierte er, daß in Heimen nicht jene Unbefangenheit herrschen könne, wie sie, entzogen aller Beobachtung, sich von selbst einstelle. Wahrscheinlich würde auch er sich behindert fühlen. "Der Arzt beanstandet dies, das Personal jenes, die Heimleitung das. Und weil die Senioren nicht entfliehen können, geben sie auf."

Nun lief er in den Saal hinunter. "Samba", rief er. Alle gruppierten sich. Die Seniorin lehnte den Stock an die Wand, im gleichen Augenblick zog ihr Begleiter sie an sich. Sie tanzten. Hoch aufgerichtet. Ruhige Schultern. Sie lächelten verhalten. Jetzt zogen die Herren die Arme ihrer Partnerinnen hoch. An den Händen der Männer drehten sie das Damensolo. Das war zerbrechlich, von zärtlichem Zauber. Sie tanzten die Promenade, Hand in Hand, lösten sich, drehten aus, fanden sich wieder. Farbiges Licht umgeisterte sie, entzog sie jeden Alters.

Benommen bin ich nach Hause gewandert. Ein Bekannter kam mir entgegen, ein Fotograf. Der Beruf erklärte seine Frage. "Wo kommen Sie denn her? Sie sehen so sonderbar aus." - "Ich war beim Seniorentanz." - "Ach so. Schlurfen die da durch die Gegend? Wie alt sind die eigentlich? Uralt, nicht?" Ich antwortete, daß der Jüngste 65 Lenze zählt: "In diesem Kreis ist das jung. Deshalb hält er mit seinen Ansichten zurück."

Mein Bekannter prustete. "Der hat Nerven." Ich fragte, ob er sich seinerseits von Jüngeren belehren lassen würde. "Ich? Mir ins Konzept quasseln lassen? Von irgendeiner grünen Gurke? Das fehlte gerade." Verständnisinnig nickte ich und erzählte, daß der Lieblingstanz der Senioren der Samba sei. Ein stolzer Tanz.

Beschwingte Freizeit: Senioren lieben es besonders, das Tanzbein zu schwingen Foto: Archiv


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