© Preußische Allgemeine Zeitung / 28. Februar 2004

Aller Anfang - ein Wunder
Eine Ausstellung zeigt Schwangerschaft und Geburt im kulturellen Vergleich

Denn jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben", hat Hermann Hesse einmal gesagt. Dieser Spruch steht denn auch über einer Ausstellung, die noch bis zum 23. Mai im Hamburger Museum für Völkerkunde zu sehen ist (dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr). Mehr als 200 Exponate aus Europa, Amerika, Afrika, Asien und Ozeanien zeigen auf anschauliche Weise unser "Aller Anfang", so auch der Titel der Ausstellung.

Viele Bräuche und Vorstellungen werden den Europäern des 21. Jahrhunderts fremd erscheinen oder gar vergessen sein. So gibt es Stämme in Japan und Nordindien, wo der Mann "gebiert", sprich, er ist derartig von der Geburt erschöpft, daß er über mehrere Wochen besonders gepflegt wird, während die Frau schon längst wieder ihren Pflichten nachgeht ... In dieser Ausstellung nun begegnet man dem Ursprung des Lebens in seiner kulturellen Vielfalt, von der Empfängnis über die Schwangerschaft bis hin zur Geburt. Bis ins 19. Jahrhundert waren diese Themen mit einem Tabu belegt; meist nur aus religiöser Sicht durften sie dargestellt werden, hin und wieder auch als Information in einem medizinischen Lehrbuch. Das erste geburtshilfliche Lehrbuch stammt übrigens von der schlesischen Hof-Hebamme Justina Siegemund (1636-1705): "Die churbrandenburgische Hof-Wehe-Mutter". Der Beruf der Hebamme mag so alt sein wie die Menschheit, waren es doch zunächst Dienste, die eine Frau einer anderen tat. Der Begriff stammt aus dem Althochdeutschen - "hevianna", "hevanna", "hevamma", zusammengesetzt aus "ana" (Großmutter/Ahnin) und "heben", eine alte Frau, die das Neugeborene aufhebt. Das angelsächsische "Midwife" bedeutet soviel wie "Frau, die mitgeht durch die schwere Stunde der Frau", und im Französischen spricht man von der "Sage-femme", der "weisen Frau". Bereits um 5700 v. Chr. wird die Hebamme im jüdischen Talmud erwähnt, und im Alten Testament werden sie von Pharao Ramses II. 1250 v. Chr. aufgefordert, alle männlichen jüdischen Neugeborenen zu töten. Sie zogen sich aus der Affäre und meinten: "Die hebräischen Weiber sind nicht wie die ägyptischen. Sie sind harte Weiber. Ehe die Hebamme zu ihnen kommt, haben sie geboren." Im alten Rom genossen die weisen Frauen hohes Ansehen, waren bewandert in der Pharmazie und Chirurgie. Im Mittelalter allerdings, zu Zeiten der Hexenverfolgung, ging es so mancher Hebamme an den Kragen. Man sagte ihnen nach, ihr Wissen zu mißbrauchen, schließlich wußten sie auch einige Tricks, um Schwangerschaften zu vermeiden, konnten Fehlgeburten herbeiführen und kannten sich aus mit allerlei Kräutern und Tinkturen, die nicht immer nur heilten. So manche weise Frau landete damals auf dem Scheiterhaufen.

Sterben aber mußten auch viele Frauen, die durch die beengten Verhältnisse in den Gebäranstalten, die es bald gab, und durch die Unkenntnis der Ärzte mit dem sogenannten Kindbettfieber infiziert wurden. Der Arzt Ignaz Semmelweis war es, der im 19. Jahrhundert erkannte, wie die Keime sezierter Leichen in die Gebärsäle kommen konnten; er führte erste hygienische Maßnahmen ein. Die Sterblichkeit der Wöchnerinnen, die bei etwa 40 Prozent lag, sank erheblich. Bereits ein Jahrhundert zuvor hatte sich ein Mann um die Ausbildung der Hebammen verdient gemacht. Der 1712 in Preußisch Holland geborene Wundarzt Joachim Friedrich Henkel (er starb vor 225 Jahren, am 2. Juli 1779, in Berlin) war mit einem königlichen Stipendium zur Weiterbildung nach Holland und Paris gegangen, wo er sich auch in Geburtshilfe ausbilden ließ. Mit seiner Friedrich dem Großen gewidmeten Schrift "Anmerkungen von widernatürlichen Geburten zur Verbesserung der Hebammenkunst" gab Henkel 1751 den Anstoß zur Gründung einer Hebammenlehranstalt an der Berliner Charité. Es war die erste Einrichtung dieser Art in Deutschland.

Historischen Darstellungen stehen in Hamburg moderne Fotografien von Schwangeren, jungen Müttern und auch Reportagen von verschiedenen Arten von Geburten gegenüber; neben naturgetreuen Abbildungen von Zeugung und Geburt auf lateinamerikanischen Keramiken sieht man die religiös verklärten Darstellungen der Geburten von Jesus Christus und Buddha. Sie alle zeigen, daß aller Anfang, daß Werden neuen Lebens seit Jahrtausenden ein Wunder ist. Silke Osman

Albrecht Dürer: Hebammen bei der Geburt der Maria (Holzschnitt aus Marienleben)


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren