© Preußische Allgemeine Zeitung / 28. Februar 2004

Als die Fäuste flogen ...
von Wolfgang J. Hochhaus

Meine Heimatstadt, jahrhundertelang einst Königsberg i. Pr. genannt, rückt für mich mehr und mehr in die Ferne. Was bleibt, sind die Erinnerungen, ein Land, aus dem man gottlob nicht vertrieben werden kann. Dennoch verblassen im Verlauf der Jahre die eine oder andere Begebenheit, das Straßenbild wie auch Land und Leute. Immerhin, die regelmäßigen Königsberger Treffen sorgen für Gedächtnisauffrischung. Vorträge, Gespräche, Fotos, Videos oder auch die Literatur tragen in lobenswerter Weise dazu bei. Einmal gab es tatsächlich ein Wiedersehen mit einem Mitschüler.

Gemeinsam mit mehreren Landsleuten saß ich am Tisch "Steindamm", Treffpunkt aller in der Umgebung dieser Straße seinerzeit dort wohnenden Personen. Die üblichen Fragen schwirrten hin und her, wie "Weißt du noch?", "Erinnern Sie sich?", "Kennst aus der Pimpfenzeit den Jungstammführer Wimmel?" - "Natürlich", antwortete jemand, "das war doch der verrückte Fanatiker, der mit seiner Pistole die Stadt verteidigen wollte." So zog das eine Wort das andere nach sich, und jedermann berichtete von dem einen oder anderen Erlebnis aus der Schulzeit, vom Jungvolk, von der Flucht, spaßige oder traurige Anekdoten aus einer verlorenen Welt. So kam auch ich an die Reihe, etwas zum besten zu geben.

Nur, was sollte ich erzählen? Aus der Schulzeit fiel mir erfreulicherweise eine Geschichte ein. "Ihr erinnert euch an Max Schmeling?" Das Idol für uns Jungs! Boxen war in jener Zeit, wie man heute sagen würde, "in". So auch in unserer Klasse. Die entsprechende Umsetzung erfolgte durch ausgetragene Boxkämpfe mit der Feststellung der Rangstufe. Obwohl kein sportlicher Schlägertyp, mußte ich mich dennoch einem Kampf stellen, weil Unklarheit über meine Rangstellung bestand. Es galt, zwischen dem Mitschüler Z. und mir die Rangfolge festzulegen. Also sollte an einem Nachmittag die Klasse zum Austragen des Kampfes auf der Zahnwiese zusammentreffen. Diese Spiel- und Lagerwiese, gelegen zwischen Volksgarten und Walter-Simon-Platz, trug den Namen wegen der in unmittelbarer Nähe befindlichen Zahnklinik.

Die Interessierten unserer Klasse versammelten sich eines Nachmittags auf jener Zahnwiese, doch fehlte mein auserkorener Gegner! Gekniffen aus Feigheit? Wer weiß. Die Mitschüler, um ein spannendes Erlebnis gebracht, fühlten sich enttäuscht und richteten an mich die Frage, ob ich bereit wäre, gegen Horst zu boxen. Er galt als begnadeter Zeichner in der Klasse, nicht zuletzt bei unserem Klassenlehrer. Für mich, überlegte ich, kein ernst zu nehmender Gegner, und stimmte dem Vorschlag zu. Leider! Schon beim ersten Schlagabtausch ging ich k. o.! Die Klassenkameraden wiederum, wegen des kurzen Kampfes unzufrieden, verlangten Verlängerung. Ich gab mich dennoch geschlagen. Meine Nase blutete, und, wie gesagt, eigentlich war ich kein Schläger. Später erfuhr ich, daß Horst nicht nur ein trefflicher Zeichner, sondern auch ein aufmerksamer Schüler seines älteren Bruders war. Dieser boxte in einem Boxverein!

Die Tischrunde quittierte meine Erzählung in freundlicher Weise. Plötzlich kam vom Tisch-ende her die erstaunt klingende Frage: "Wie heißt du?" Ich erwiderte, daß ich Wolfgang Hochhaus heißen würde. Grinsend antwortete er: "Und ich bin dein Boxgegner Horst." Verwirrt bemühte ich mich, in diesem alten Herrn meinen einstigen Mitschüler zu erkennen. Vergeblich, aber verständlich. Denn auch ich besaß ja nicht mehr meine jugendliche Taufrische. Wir eilten aufeinander zu, umarmten uns, und gerührt betrachteten wir einander. Späterhin gab es noch manche Gespräche in der Art: Weißt du noch? Erinnerst du dich?

Was aber stimmte mich nachträglich froh? Nun, daß ich nicht der Versuchung erlegen war, in dem geschilderten Boxkampf mich als Sieger zu bezeichnen. Wäre doch in diesem Fall wieder einmal mehr bewiesen, daß Lügen kurze Beine haben.


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