© Preußische Allgemeine Zeitung / 28. Februar 2004

Manieren im Wandel
Deutsche Sittengeschichte aus der Sicht eines Äthiopiers

Seit einigen Wochen liegt ein dicker Wälzer mit dem Titel "Manieren" bei den Buchhändlern, der auf den Spiegel- und Focus-Bestsellerlisten sogar unter den ersten Zehn geführt wird. Manieren? Was haben wir denn heute noch damit am Hut? Manieren sind spießig und absolut "uncool". Wir brauchen kein Benimm-Buch! Aber schon nach den ersten Seiten des Buches von Asfa-Wossen Asserate wird deutlich; hier handelt es sich keineswegs um ein Benimm-Buch.

Der Autor, Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers, fand nach dem gewaltsamen Sturz der Monarchie 1974 in Deutschland ein neues Zuhause. Schon von Kind an mit der deutschen Kultur in Berührung gekommen - die Eltern hatten deutschstämmige Freunde - studierte er in Tübingen mit Auslandssemester in Cambridge Jura und Geschichte. Als Pressesprecher der Düsseldorfer Messegesellschaft und Unternehmensberater kam der Äthiopier viel mit Menschen in Berührung, und obwohl nie näher mit Büchern zum Thema Manieren befaßt, entschied sich der Grenzgänger zwischen zwei völlig unterschiedlichen Kulturen, sich des Themas anzunehmen.

"Der beste Kenner eines Landes und seiner Gesellschaft", schrieb einst der Soziologe Simmel, "ist der Fremde, der bleibt." Dem ist im Falle Asserate zuzustimmen, denn bei ihm trafen die Kultur seiner Kindertage und Vorstellungen über die Deutschen mit der Realität zusammen. Was wir als gegeben hinnehmen, veranlaßte ihn zum Wundern. So wunderte er sich, daß die dörflich-bayerischen Traditionen und Feste, Frauen im Dirndl und die Kuckucksuhr im größten Teil der Republik mit Verachtung betrachtet werden, bedeuteten sie für ihn als doch Ausländer Deutschtum.

Ob Frauen und Männer auch zugleich Damen und Herren sind, wie man sich kleidet, was man über Pünktlichkeit, Religion, Körperhaltung und Zeremonien wissen sollte, führt er in seinem Buch an. Seine Erkenntnisse ergeben eine deutsch-europäische Sittengeschichte, die er mit vielen Beispielen aus Gegenwart und Vergangenheit belebt.

Oberflächlich betrachtet schreibt der höfliche Äthiopier über unsere Manieren, hinterfragt man aber seine Aussagen, so ist das Buch ziemlich politisch und verdeckt gegen den Zeitgeist. Manche unserer traditionslosen und unmanierlichen Verhaltensweisen sind für den Autor unverständlich, auch wenn er nie direkt Kritik äußert, sondern nur beschreibt. Leider fehlt dem Buch so der Schwung, denn eine Aneinanderreihung von Zustandsbeschreibungen ist auf die Dauer langweilig, zumal deutlich wird; wir haben durchaus Kritik für unser geschichtsloses Verhalten verdient. R. Bellano

Asfa-Wossen Asserate: "Manieren", Eichborn, Frankfurt 2003, geb., 392 Seiten, 22,90 Euro


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