© Preußische Allgemeine Zeitung / 28. Februar 2004

Doch keine Legende?
Wehrmachtsausstellung belegt mit schwacher Beweisführung das Gegenteil des Angestrebten

Die zweite Reemtsma-Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht", seit November 2001 unterwegs, wird noch bis Ende März in Hamburg gezeigt und dann im Deutschen Museum in Berlin deponiert.

Wer sich wundert oder gewundert hat, in ihr kaum eines der behaupteten Verbrechen zu finden, die ja in großer Zahl, handfest bewiesen ins Auge springen müßten, statt dessen aber viele Belege für das Gegenteil, der sieht sich in Stefan Scheils "Legenden, Gerüchte, Fehlurteile" auf das profundeste bestätigt. Der promovierte Historiker, Jahrgang 1963, hat noch im letzten Jahr eine die Sachverhalte und Quellen sorgfältig abwägende, eindeutig urteilende Kritik herausgebracht. Sie läßt das Werk Reemtsmas so peinlich falsch aussehen, daß dieser in einer normalen Gesellschaft absolut "out" wäre. Doch dazu bedürfte es bei uns wohl noch des Eklats einer für ihn entsprechend peinlich ausgehenden Gerichtsverhandlung. Hat der sonst so prozeßfreudige Reemtsma Scheils "Kommentar" deshalb noch nicht angefochten?

Scheil untersucht die von der ersten Ausstellung übernommene "These ..., daß die Wehrmacht als Institution während des Zweiten Weltkrieges an der Planung und Durchführung eines beispiellosen Rassen- und Vernichtungskrieges umfassend beteiligt war". Dabei bemängelt er zunächst, daß die damaligen kriegsvölkerrechtlichen Gegebenheiten und besonders die Brutalität der Kriegsführung Stalins völlig ausgeblendet bleiben. Sodann enthüllt er Stück für Stück die gezeigten "Beweise".

Gegen die behauptete Übereinstimmung der Wehrmachtsführung mit dem NS-Regime setzt er die Feststellungen des Nürnberger Sieger-Tribunals und der heutigen Geschichtswissenschaft. Sogar zwei in der Ausstellung als Verbrecher hingestellte Generäle beweisen durch ihr Verhalten das Gegenteil. Die Wehrmachtsführung hat Hitlers Befehl, Politkommissare zu erschießen (Kommissarbefehl), und seinen Erlaß zum vereinfachten Standrecht (Kriegsgerichtsbarkeitserlaß) nicht nur nicht initiiert, sondern erfolgreich hintertrieben oder unterlaufen. Die Wehrmacht hat auch die Verwaltung besetzter Gebiete erst nach Hitlers Entscheidung abgetreten. Sie hat ebenfalls keinen Hungerkrieg gegen Bevölkerung und Kriegsgefangene geplant; dies belegen schon die in der Ausstellung gezeigten Dokumente. Die Belagerung Leningrads entsprach geltendem Kriegsvölkerrecht, war also kein Verbrechen. In Lemberg haben die Sowjets nicht nur "mehrere hundert ... Mordopfer" hinterlassen, wie die Ausstellung sagt, sondern mindestens 2.500; zur Behauptung, die Wehrmacht habe nichts gegen das folgende Pogrom gegen Juden unternommen, "belegen Dokumente genau das Gegenteil", wie Scheil den polnischen Historiker Musial aus einer kurz nach der Ausstellungseröffnung erschienenen FAZ zitiert. Der Vorwurf, die Wehrmacht habe "eigenständig" am Völkermord mitgewirkt, wird an einem einzigen Fall, an einer einzigen und als erpreßt zurückgenommenen Aussage festgemacht, der zwei andere widersprechen. Zwei gezeigte "Fälle" von Judenmorden ("Oberländer" und "Simferopol") und ein "Fall" von verbrecherischen Versuchen eines Hamburger Militärarztes an russischen Kriegsgefangenen haben nie existiert, wie sich deutschen und englischen Gerichtsakten, also leicht auffindbaren Quellen, entnehmen läßt.

In der ganzen Ausstellung, die vielen Millionen deutscher Soldaten das Stigma von Mördern oder Mordhelfern anheftet oder unterstellt, findet Scheil ein einziges wahrscheinliches Verbrechen: glaubhaft bezeugtes Erschießen von jüdischen Kriegsgefangenen durch Freiwillige eines Landesschützenbataillons.

Nach dieser Lektüre fällt es schwer zu glauben, daß der Ausstellung bezüglich ihrer gravierenden Vorwürfe auch nur ein Hauch von Gewissenhaftigkeit oder Wissenschaftlichkeit zugrunde liege. Zugleich gewinnt man aber einen dem Ausstellungszweck völlig zuwiderlaufenden Eindruck: Wenn das langjährige, offenbar krampfhafte und sicherlich finanziell gut dotierte Suchen nach "Verbrechen der Wehrmacht" solch eine klägliche Ausbeute gebracht hat, dann ist an der sogenannten "Legende von der sauberen Wehrmacht" wohl doch viel Wahres. Spätere Historiker könnten gerade diese Ausstellung in Verbindung mit Scheils Kommentar dafür als Beweis anführen. Anton B. Knur

Stefan Scheil: "Legenden, Gerüchte, Fehlurteile. Ein Kommentar zur 2. Auflage der Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung", Stocker Verlag, Graz 2003, kartoniert, 170 Seiten, 19,90 Euro


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