© Preußische Allgemeine Zeitung / 28. Februar 2004

Keine Chance / Karneval: Der Witz ist die Wahrheit
Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

Keiner will nachkarten, aber wir hatten uns eigentlich mehr erhofft vom diesjährigen Karneval. Ziemlich brav war das. Finden die Deutschen ihre Spaßmacher in den Ministerien etwa nicht mehr witzig? Nein, das ist es nicht, vielmehr hat König Karneval vernichtende Konkurrenz bekommen. Ob Ulk-Ulla ihre hundertste Jahrhundertreform im Gesundheitswesen verkündet, ob Mautfred sein drittes oder viertes "letztes Wort" über Toll Collect spricht, der Kanzler seinen neuesten "Reform"-Schlager trällert oder Eichelhans vom Schuldenberg herab "Haushaltskonsolidierung!" kräht - sofort liegen die Deutschen unterm Tisch vor Lachen, noch bevor ein schwitzender Jeck mit bunter Narrenkappe "Tätää" befehlen konnte. Der müßte bloß die Nachrichten verlesen, und der Saal brüllt. Ein undankbares Geschäft.

Ab jetzt das ganze Jahr Karneval? Uns soll's recht sein, solange das Zwerchfell mitmacht. Daß die echten Kracher künftig nicht mehr vom Rhein, sondern aus Berlin kommen, erfüllt den Preußen zudem mit Genugtuung. Zumal durch die Verlagerung das Niveau spürbar gesteigert wurde. Die Zeit der billigen Schenkelklopfer ist vorbei, der Humor wird feinsinniger, zwischen Witz-Anfang und Pointe vergehen da manchmal Jahre, ja Jahrzehnte. Der EU-Beitritt der Türkei ist so ein Langstrecken-Reißer, und der geht so: Heute erklärt man dem Volk, daß wir ruhig schon mal zustimmen können, weil der Beitritt schließlich noch Jaaahre hin ist. In zehn Jahren wird es heißen: Nun muß aber aufgenommen werden, auch wenn die EU Pleite macht und Deutschland an der Integration der Zuwanderer scheitert - für Ablehnung ist es zu spät, denn das haben wir ja damals, 2004, so entschieden. Tätää!

Daß Humor Konjunktur hat, begreifen sogar die sonst so spröden Wirtschaftslenker. So hat Daimler-Chef Jürgen Schrempp seinen Konzern zwar einerseits mit den Verlustbringern Chrysler und Mitsubishi behängt, weshalb ihn ein englisches Wirtschaftsmagazin zum "schlechtesten Manager des Jahres" gekürt hat. Andererseits hat Schrempp als Mitglied des Toll-Collect-Konsortiums aber auch für viel Maut-freie Unterhaltung gesorgt. Das zählt, weshalb ihm der Daimler-Chrysler-Aufsichtsrat umgehend den Vertrag als Vorstandschef bis 2008 verlängert hat. Die Profis wissen am besten, welche Bedeutung guter Unterhaltung gerade in schweren Tagen zukommt.

Die Mischung muß indes stimmen, sonst wird das Publikum müde. Kurze Pausen mit Programm sind wichtig: Zwischendurch eine kleine Glitzer-Show mit vielen eifrigen Darstellern erleichtert Körper und Geist. Dabei kann man ruhig ein paar mittelmäßige Mimen dazwischenmischen, in der Masse gehen die unter. Wenn die bekannten Possenreißer verschnaufen, tanzt daher seit Monaten eine Cancan-Truppe über die Bühne und verschwindet wieder in der Kulisse, um in der nächsten Unterbrechung des Hauptprogramms erneut aufzutauchen. Sie nennen sich "Die Bundespräsidenten-Kandidaten" und kommen beim Publikum leider nur mäßig an, weshalb die Regie das Ensemble ständig auswechselt. Wie von Pausenfüllern gewohnt, hat das Ganze etwas Peinliches, ist so eine Mischung aus "Deutschland sucht den Superstar" und "Opa braucht ein Hobby, damit er uns in Ruhe läßt". Die Darsteller vereinen alle Eigenschaften schrulliger alter Talente auf sich, die früher mal eine große Nummer waren, aber schon lange nicht mehr sind: Sie zieren sich zum Schein und wollen ständig gedrängt und von den Produzenten umschleimt werden. Aber was haben die Armen denn auch noch vom Leben, als sich ein bißchen feiern zu lassen, einen oder zwei Auftritte lang? Wirklich lohnen tut sich die Mühe ja nur für einen, der am Ende der Show den Preis kriegt und "Präsident" wird. So war das schon bei der letzten Staffel 1999. Damals war es Opa Rau.

Raus Job in Berlin ist der Traum eines jeden Klugscheißers. Man kriegt ein tolles Haus, eine gewaltige Pension und eine große Schärpe umgehängt, auf der in goldenen Lettern "Die Würde des Amtes" geschrieben steht. Diese Würde verleiht einem das Recht, überall seinen Senf dazuzugeben, ohne für irgendwas verantwortlich zu sein. Sind die anderen Politik-Darsteller auch nicht? Stimmt, aber die dürfen wir dafür wenigstens ausbuhen, den mit der "Würde des Amtes" über der Schulter nicht.

Dem dürfen wir nicht einmal vorhalten, er habe die "Bodenhaftung" verloren, weil die gar nicht zu seiner Rolle paßt. Was ihn vom Volk weit entfernt, das täglich fester am Boden klebt, am Boden der EU. Nur noch drei Länder liegen in der Wirtschaftsleistung pro Kopf hinter den Deutschen: Spanien, Griechenland und Portugal. Italien oder Irland haben uns weit hinter sich gelassen, die übrigen EU-Länder sowieso.

So etwas untergräbt unter Umständen die Europa-Begeisterung der Deutschen. Die EU-Kommission in Brüssel hat das seit langem bemerkt und richtet die verwirrten Deutschen mit einer hohen Ehrung wieder auf: Deutschland bleibt für alle absehbare Zeit Hauptnettozahler der EU - es wird in dieser Ehre sogar noch steigen. Bald kommen die neuen zehn, wodurch unsere Nettobeiträge so rasant emporschnellen, daß uns den Titel "Zahlmeister" keiner mehr streitig macht.

Es geht aber nicht allein um Ehre und Titel. In Brüssel und Berlin sitzen kühle Rechner, denen solch Gepränge schnuppe ist. Sie ringen um die "Angleichung der Lebensverhältnisse" in der EU. Die kann nur gelingen, wenn Tausende deutsche Betriebe aus Deutschland woandershin auswandern. Das geht ganz einfach: Man hebt die Steuern in Deutschland weiter an, läßt die Infrastruktur verrotten und steckt das Geld in die Beitrittsländer, die damit Straßen bauen und traumhaft niedrige Steuersätze bieten können. Dann wandern die Betriebe auf den neuen Straßen den niedrigen Steuern hinterher, und die Angleichung kommt wie von selbst.

Wenn das alles nicht hilft, haben die Angleicher noch andere Pfeile im Köcher. Die "Ausbildungsplatzabgabe" ist so einer, Gesetze gegen Bio-, Gen- und Atom-Technologie tun in der Nachbarschaft von neuen EU-Ländern, in denen das fast alles geht, ebenfalls ihre Wirkung. Den Schlußpfiff erledigt die EU-Finanzkommissarin, die Deutsche Michaele Schreyer: Sie will den Regionen der Ex-DDR notfalls ganz den Hahn zudrehen. Das wär's dann gewesen. Tja, wir feiern durch, bis die letzten Kamellen verschunkelt sind, schmunzelt dazu der fidele Kanzler in Ankara.

"Stell keine Fragen - ich weiß, was ich tue!" Zeichnung: Götz Wiedenroth


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