© Preußische Allgemeine Zeitung / 13. März 2004

"Ich kann Deutschland helfen"
Wieviel Potential in der Verlegenheitslösung der Union, dem Ex-IWF-Chef Horst Köhler, steckt
von Roland Gläser

Die Bild-Zeitung hat mit ihrem Aufmacher "Horst ... wer?" der Überraschung vieler Deutscher Ausdruck verliehen. Das war am Tag nach der Nominierung des Bankers zum Präsidentschaftskandidaten durch Angela Merkel, Edmund Stoiber und Guido Westerwelle. Auch eine Woche später ist nicht viel Persönliches über Horst Köhler bekannt.

Seine Familie - Horst hatte sieben Geschwister - stammt aus Bessarabien. Weil die Köhlers Volksdeutsche waren, wurden sie umgesiedelt - nach Ostpolen. In Skierbieszów kam Horst Köhler 1943 zur Welt. "In meiner Biographie spiegelt sich ziemlich viel deutsche Geschichte wider", sagte Köhler zum Nachrichtenmagazin Spiegel. Die Familie mußte die Flucht ergreifen und fand zunächst bei Leipzig eine neue Heimat. Kurz vor dem Volksaufstand in Mitteldeutschland flohen die Köhlers abermals - diesmal nach Westberlin. Von dort wurde die Familie ausgeflogen.

Seine Kindheit und Jugend verbrachte Horst Köhler auf der Flucht und später in westdeutschen Aufnahmelagern. Die schlimme Kindheit hat Horst Köhler nicht geschadet. Er nahm 1965 ein Studium auf, das er in nur vier Jahren meisterte. Für 68er-Experimente hat er sich nicht begeistern können. Nur gepokert habe er nächtelang während seiner Studienzeit, will die Bild herausgefunden haben.

Die Stationen seiner Bilderbuchkarriere sind leicht nachgezeichnet: Köhler wurde Beamter und stieg bis zum Staatssekretär im Finanzministerium auf. Dort arbeitete er an zwei wichtigen Vorhaben mit: der Währungsunion und der Euro-Einführung. Er sei nicht nur ein Euro-Befürworter, urteilt der Spiegel, sondern ein "überzeugender Überzeugungstäter".

Für Kanzler Kohl bereitete er Anfang der 90er Jahre die G7-Gipfel vor. 1993 mußte er den einzigen Karriereknick hinnehmen: Köhler verabschiedete sich aus der großen Weltwirtschaft und wurde Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. Fünf Jahre später meldete er sich zurück auf einem der wichtigsten Finanzplätze der Welt: In London übernahm er die Leitung der Osteuropabank. Schröder setzte ihn zwei Jahre später als IWF-Chef durch.

Im Januar 2003 hielt der IWF-Chef vor der Unionsbundestagsfraktion eine Rede, die Angela Merkel begeistert haben soll. Sie kannte ihn zwar schon, soll aber erst jetzt seinen Namen im Hinterkopf behalten haben. Er war ja nur einer von mehreren Kandidaten. Und es ist wohl der Hartnäckigkeit Guido Westerwelles zu verdanken, daß das einfache CDU-Mitglied Köhler den langjährigen Funktionär Schäuble schließlich ausstach.

Der neue Job im Schloß Bellevue kommt Horst Köhler wahrscheinlich mehr als recht. Denn als Banker konnte er höher nicht aufsteigen, schließlich leitet er seit vier Jahren den Internationalen Währungsfonds. Und ganz so reibungslos war der IWF-Job wohl nicht.

Mit Köhlers Englisch steht es wohl nicht zum besten. Und auch menschlich kam der als akribisch geltende deutsche Spitzenbeamte mit seinen Kollegen nicht ganz so gut klar. Köhler wird zuweilen als sehr temperamentvoll geschildert.

Während seiner Zeit in Bonn hat er Bundeskanzler Kohl manchmal offen widersprochen. Was bedeutet das für seine neue Rolle als Präsident? Er wird als neues Staatsoberhaupt verhältnismäßig unabhängig sein. Weder von der Regierung noch von der Opposition wird er sich instrumentalisieren lassen.

Da er ein Mann der Ökonomie ist, wird er sich zum Motor der Reformen machen. Er hat über die Medien Kanzler Schröder bereits wissen lassen, daß die Agenda 2010 ein Schritt in die "richtige Richtung" sei, dem noch viele Veränderungen folgen müßten.

"Ich kann Deutschland helfen", verkündete Köhler in der Woche nach der Kandidatenkür. Als Chef des Internationalen Währungsfonds hatte er mit Rußland, Argentinien und anderen Schwellenstaaten noch sehr viel größere Miseren zu lösen. Ist ihm zuzutrauen, daß er Deutschland mit einem Ruck vorwärtsbringt?

Anders als seine Amtsvorgänger ist der 61jährige kein Parteipolitiker. Er wird sich der Ökonomie widmen, detailliertere Vorschläge als seine Amtsvorgänger unterbreiten.

Außerdem wird er viel in der Welt herumreisen und somit vielleicht das Image Deutschlands aufpolieren (hoffentlich nicht immer nur mit dem Scheckbuch). Eine der ganz wenigen persönlichen Äußerungen, die Köhler einmal in einem Interview von sich gegeben hat, war ein Loblied auf Afrika im Tagesspiegel. "Die Luft, die Farben, die Menschen", alles sei so anders, sagte Köhler. Schon als IWF-Chef hat Köhler die westlichen Industrienationen aufgefordert, ihre Märkte für die dritte Welt zu öffnen.

Die Karriere hätte Köhler ohne sein Parteibuch wohl kaum machen können. Große Loyalität gegenüber der Partei hat er jedoch noch nicht durchblicken lassen. Er sagte bei seiner Vorstellung sogar, seine Wahl sei "kein Signal des Wechsels" in Berlin. Vergleicht man Köhler und seinen Vorgänger im Schloß Bellevue, so muß man ihm widersprechen.

Horst Köhler (l.) und Jacques Chirac: Der Präsidentschaftskandidat von Union und FDP ist auf internationalem Parkett bekannter als im eigenen Land. Gerade dies ist aber in den Augen vieler Beobachter auch als Chance zu sehen, da Köhler als EX-IWF-Chef im Ausland leichter Kontakte knüpfen und als bisher politisch Unbelasteter im Inland leichter die Mehrheit des Volkes an sich binden könnte als andere Politiker. Foto: pa


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