© Preußische Allgemeine Zeitung / 03. Juli 2004


"Ich hatte doch ein tolles Leben"
Eine neue Biographie zeigt die Schauspielerin Heidi Kabel als eine Frau mit Ecken und Kanten
von Silke Osman

Man nehme: eine große Portion Menschlichkeit, je eine Tasse mütterlicher Fürsorge und Familiensinn, verrühre das mit gut gehäuften Eßlöffeln Pflichtbewußtsein, Disziplin und Pünktlichkeit. Dazu kommt fein gewürfelte Pingeligkeit und ein wenig Mißtrauen sowie eine Messerspitze Geiz. Man lösche das Ganze mit einer guten Portion Anspruchslosigkeit. Serviert wird mit einem kräftigen Schuß Humor und einer großen Haube liebenswerter Herzlichkeit ..." Diesen Menschen mit Ecken und Kanten, den der Hamburger Sänger Hein Köllisch da einst mit viel Humor zeichnete, lieben Fernsehzuschauer und Freunde des volkstümlichen Theaters nicht nur in Hamburg und Umgebung. Heidi Kabel, lange Jahre der Star des Ohnsorg-Theaters, ist auch nach ihrem Abschied von der Bühne beliebt wie eh und je.

Schlagzeilen machte sie, die im August ihren 90. Geburtstag feiern kann, zuletzt, als sie sich entschloß, in ein Seniorenheim zu ziehen. Ganz Hamburg nahm Anteil, war besorgt, daß sie auch ja das richtige auswählte. Und warum sie denn nicht zu ihren Kindern (zwei Söhne, eine Tochter) ziehen würde, fragte man sich. "Ich war mein Leben lang selbständig und möchte es auch so lange wie möglich bleiben", sagte sie und zeigte so ihre Einstellung zum Leben, zum Alter. "Man darf vor allen Dingen nie denken, nun bin ich alt, nun hör' ich auf, nun sollen die anderen für mich etwas tun." Kein Wunder also, wenn ihre Biographie, die jetzt bei Militzke herausgekommen ist, den Titel Sag ja zum Leben trägt (264 Seiten, 90 sw Abb., gebunden mit farbigem Schutzumschlag, 19,90 Euro). Enkel Jan Hinnerk Mahler hat gemeinsam mit dem Journalisten Carsten Wittmaack ein ehrliches Porträt seiner Großmutter gezeichnet, ein Bild, das nicht nur die rosigen Seiten zeigt, sondern eben auch eine Frau mit Ecken und Kanten. "... das Austragen von Konflikten hat sie nie gelernt, ihre Mutter Agnes brachte ihr bei, daß es zum guten Ton gehöre, alles in sich hineinzufressen. Emotionen zeigen war verpönt, und so scheut Heidi Kabel bis heute Auseinandersetzungen, wo sie nur kann. Disharmonien geht sie wenn möglich aus dem Weg. Probleme werden so lange verdrängt, bis sie sich entweder in Luft aufgelöst haben - oder bis der seelische Kessel überkocht."

Nicht immer aber konnte Heidi Kabel den Problemen aus dem Weg gehen, im Dritten Reich nicht, im Zweiten Weltkrieg nicht und in der Zeit danach schon gar nicht. Wie sehr war sie geschockt, als ihr Mann Hans Mahler und sie nach dem Krieg mit Auftrittsverbot belegt waren. Gewiß, Hans Mahler war auf ihr Drängen in die NSDAP eingetreten (um einen Intendantenposten in Lüneburg zu erhalten, den er schließlich doch nicht erhielt), und sie war in der NS-Frauenschaft gewesen, doch hatte man sich nichts zuschulden kommen lassen. "Ich habe immer versucht, mit Anstand zu leben, was mir mein Schicksal vorgegeben hat." Steckten etwa die Kollegen hinter allem? Die Existenz der kleinen Familie stand auf dem Spiel, wovon sollte man leben, beide Eheleute kannten doch nur die Bretter, die die Welt bedeuten? Der zuständige britische Besatzungsoffizier klärte die Lage, und bald konnte das Gespann Kabel/Mahler wieder das Publikum begeistern, Mahler schließlich auch als Intendant.

Die Autoren deuten jedoch an, daß nicht immer eitel Sonnenschein hinter den Kulissen herrschte. Von der "Heiligen Familie" sei die Rede gewesen, schließlich zählten auch Tochter Heidi Mahler und Schwiegersohn Jürgen Pooch (geboren im ostpreußischen Insterburg) zum Ensemble. Ein Vorwurf, den auch Klaus Granzow, Schauspieler aus Pommern und lange Zeit beim Ohnsorg-Theater auf der Bühne, einmal gegenüber dem Ostpreußenblatt bestätigte. Wie groß der Einfluß der Kabel gewesen sein muß, zeigt auch der Machtkampf mit Günter Siegmund, der Ende der 70er Jahre die Intendanz innehatte. "Der oder ich", hieß es schließlich. Heidi Kabel siegte, sehr zur Freude ihrer Fans.

"Man darf sein Publikum nie enttäuschen", sagt sie. "Ein Schauspieler müsse alles dafür tun, daß das Band zwischen ihm und dem Publikum nicht zerreiße. Es dürfe auch nicht sein, daß ein Star sich selbst als Mittelpunkt der Welt sehe, die Gunst der Zuschauer müsse man sich stets aufs neue hart erarbeiten", erläutern die Biographen. Heidi Kabel spielte "Stücke, in denen sich die Menschen wiederfinden können, ihre Sorgen und Nöte genauso wie ihre Hoffnungen. Ohnsorg, das ist vor allem eine Traumfabrik fürs Volk und nicht für Theaterkritiker." Und so begegnet der aufmerksame Leser nicht nur dem Menschen Heidi Kabel, sondern auch den vielen Kollegen, die mit ihr Erfolge auf der Bühne feierten, allen voran der kauzige Henry Vahl, aber auch Erni Singerl aus Bayern oder der Kölner Willy Millowitsch.

Wenn die beliebte Schauspielerin nun in einigen Wochen ihren 90. Geburtstag begehen kann, dann werden die Zeitungen wieder voll sein mit Elogen auf die Künstlerin. Dem Menschen Heidi Kabel aber begegnet man in dieser Biographie, einer Frau, die bekennt: "Ich hatte doch ein tolles Leben" und die betont, große Ziele habe sie nicht mehr, aber: "Träumen darf man immer, dafür ist man nie zu alt."


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